Indiens IT-Giganten setzen auf KI – und riskieren zugleich den eigenen Umsatz
Indiens größter Exportsektor für Dienstleistungen steht unter Druck: Das Wachstum der IT-Industrie verharrt seit zwei Jahren im niedrigen einstelligen Bereich, während Kunden Budgets zunehmend in Projekte zur Einführung künstlicher Intelligenz umleiten. Laut HSBC belasten wirtschaftliche Unsicherheit, der Aufstieg firmeneigener Global Capability Centres und Unklarheit über den Einfluss generativer KI die Nachfrage – insbesondere aus dem wichtigsten Absatzmarkt USA.
Branchenführer wie Infosys, Tata Consultancy Services (TCS) und Wipro reagieren mit einem Schub an KI-Implementierungen. Infosys-Chef Nandan Nilekani berichtet von „hunderten“ Projekten, etwa mit Eon, der DNB Bank und dem britischen Lawn Tennis Association. Gleichwohl räumt Finanzchef Jayesh Sanghrajka ein, dass andere Programme wegen hoher KI-Investitionen pausieren. TCS modernisiert unter anderem die IT von Virgin Atlantic, verzeichnete im jüngsten Quartal jedoch nur 1,3 % Umsatzwachstum. Wipro und Infosys meldeten dagegen leichte Erholungstendenzen, während HCLTech zwar die Erlöse steigerte, aber einen Gewinnrückgang um 9,7 % verbuchte.
Der Markt für künstliche Intelligenz in Indien könnte nach Schätzungen von Nasscom und Boston Consulting Group bis 2027 auf bis zu 22 Mrd. US-Dollar wachsen. Dennoch gilt die Branche als Spätstarter: Erst 2023 lancierte Premierminister Narendra Modi das „IndiaAI Mission“-Programm, ausgestattet mit 1,2 Mrd. US-Dollar für fünf Jahre. Kritiker monieren, dass führende Konzerne bislang weder eigene Large Language Models entwickeln noch massiv in KI-Forschung investieren – und damit Gefahr laufen, vom technologischen Wandel überrollt zu werden.
Zugleich verändert KI das Personalgefüge: TCS kündigte an, 12.000 überwiegend erfahrene Mitarbeiter abzubauen, um „future-ready“ zu werden und KI „at scale“ einzusetzen. Laut BNP-Paribas-Analyst Kumar Rakesh unterläuft Automatisierung das traditionelle Abrechnungsmodell auf Stundenbasis – höhere Produktivität bedeutet, dass künftig weniger Köpfe mehr leisten müssen.


