Krieg

Hungersnot in Gaza erklärt - Israel droht mit Zerstörung

22. August 2025, 18:30 Uhr · Quelle: dpa
Nahost-Konflikt - Unterernährte palästinensische Kinder
Foto: Abed Rahim Khatib/dpa
Kinder unter fünf Jahren sind bei Mangelernährung in Lebensgefahr. (Archivbild)
Die IPC-Initiative hat eine Hungersnot in Gaza offiziell festgestellt, die Tausende bedroht. Israel plant eine Umquartierung und droht mit Zerstörung, falls Forderungen nicht erfüllt werden.

Genf/Rom (dpa) - Monatelang haben Hilfsorganisationen gewarnt, jetzt ist es offiziell: Die weltweit als Autorität für Ernährungssicherheit anerkannte IPC-Initiative hat für die Stadt Gaza und einige Nachbarorte eine Hungersnot erklärt. Israel plant, die Stadt einzunehmen. Verteidigungsminister Israel Katz drohte sogar, sie zu zerstören, sollte die Terrororganisation Hamas nicht Israels Forderungen wie die Freilassung aller Geiseln akzeptieren. Vor einer Großoffensive will Israel rund eine Million Einwohner der Stadt im Norden des Gazastreifens umquartieren.

«Das Alptraum-Szenario ist nun Wirklichkeit», sagte ein Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros in Genf, Jeremy Laurence, zur Erklärung der Hungersnot. Das israelische Außenministerium wies den IPC-Bericht zurück: «Es gibt keine Hungersnot in Gaza.» 

Der betroffene Bezirk umfasst rund 20 Prozent des Palästinensergebiets. Vor dem Krieg lebten dort Schätzungen zufolge rund 750.000 Menschen. Nach Angaben der IPC-Initiative ist das Leben von 132.000 Kindern unter fünf Jahren wegen Unterernährung bedroht. 41.000 davon würden als besonders bedrohliche Fälle betrachtet, doppelt so viele wie bei der vorherigen Einschätzung im Mai. 

«Mehr als eine halbe Million Menschen im Gazastreifen sind mit katastrophalen Bedingungen konfrontiert, charakterisiert durch Hunger, Armut und Tod», heißt es in dem IPC-Bericht. Weitere gut 70 Prozent der gut zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens können ihren Lebensmittelbedarf auch nicht mehr decken. 

Im Bezirk Nordgaza seien die Bedingungen womöglich noch schlimmer, aber mangels Zugangs könne die Lage dort nicht richtig eingeschätzt werden. Die Hungersnot könne sich bis Ende September auch auf weitere Bezirke ausweiten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es das erste Mal, dass in einem Land des Nahen Ostens eine Hungersnot ausgerufen wird. 

«Hätten Hungersnot verhindern können»

«Wir hätten die Hungersnot verhindern können, wenn man uns dies erlaubt hätte», sagte der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. «Doch aufgrund systematischer Behinderungen durch Israel stapeln sich Lebensmittel an den Grenzen.» Und weiter: «Es handelt sich um eine Hungersnot, die von einigen israelischen Politikern offen als Kriegswaffe eingesetzt wird.» 

Auch UN-Generalsekretär António Guterres sprach im Zusammenhang mit der Hungersnot von Vorsatz. Was nun passiere, sei der «vorsätzliche Zusammenbruch der Systeme, die für das menschliche Überleben notwendig sind». Als Besatzungsmacht habe Israel eindeutige Verpflichtungen. Israel weist solche Aussagen und Vorwürfe stets zurück. Das Land wirft wiederum den UN vor, im Gazastreifen bereitstehende Hilfslieferungen nicht verteilt zu haben. 

 

So bezeichnete Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu die Berichte über eine Hungersnot als «glatte Lüge». Israel verfolge keine Politik des Aushungerns, sondern der Hungerprävention, schrieb Netanjahu am Freitag auf der Plattform X. Zuvor hatte bereits das israelische Außenministerium mitgeteilt, die Einschätzung der IPC-Initiative basiere auf falschen Angaben der Hamas. 

Die für Palästinenserangelegenheiten zuständige israelische Behörde Cogat sagte: «Der Bericht ignoriert bewusst Daten, die den Autoren in einem Treffen vor seiner Veröffentlichung vorgelegt wurden und übersieht die in den letzten Wochen unternommenen Bemühungen zur Stabilisierung der humanitären Lage im Gazastreifen völlig.» Welche Angaben den Autoren vorgelegt wurden, blieb offen. Netanjahu gab an, Israel habe seit Beginn des Krieges die Lieferung von zwei Millionen Tonnen Hilfsgütern in den Gazastreifen ermöglicht. Viele Lastwagen seien allerdings geplündert worden.

Deutschland hat sich im August an Luftbrücken beteiligt, um Lebensmittel über dem Gazastreifen abzuwerfen. Israel und die USA unterstützen eine neu gegründete Organisation «Gaza Humanitarian Foundation», die - bewacht von bewaffneten Sicherheitskräften - Lebensmittel verteilt. Im Umfeld der wenigen Ausgabestellen sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Überlebende sagen überwiegend, israelische Soldaten hätten auf sie geschossen.

Palästinenser fordern Konsequenzen

Die palästinensische Autonomiebehörde rief die internationale Gemeinschaft und den UN-Sicherheitsrat dazu auf, zu handeln. Sie müssten nun den Druck auf Israel erhöhen, so die Forderung der Autonomiebehörde laut einer Meldung der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa. 

Die internationalen Gerichte wurden aufgerufen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem müssten die Grenzübergänge geöffnet, Hilfsgüter hineingelassen und mit dem sofortigen Wiederaufbau Gazas begonnen werden, so die Autonomiebehörde weiter.

Wie Hunger gemessen wird 

In der IPC-Skala des Hungers gibt es fünf Stufen der Ernährungslage. Die höchste und schlimmste ist Stufe fünf: «Katastrophe/Hungersnot», die jetzt für den Regierungsbezirk Gaza ausgerufen wurde. Dafür müssen drei Kriterien erfüllt sein: Mindestens 20 Prozent der Haushalte sind von einem extremen Lebensmittelmangel betroffen, mindestens 30 Prozent der Kinder leiden unter akuter Mangelernährung und täglich sterben mindestens zwei Erwachsene oder vier Kinder pro 10.000 Einwohner an Hunger oder aufgrund des Zusammenspiels von Unterernährung und Krankheit. Alle drei träfen zu, sagte Jean-Martin Bauer vom Welternährungsprogramm (WFP) in einem Briefing für Journalisten in Genf. 

Die IPC-Initiative wurde 2004 gegründet. Mitglieder sind knapp zwei Dutzend Organisationen der Vereinten Nationen, sowie Hilfsorganisationen. Sie ist für die Einschätzung von Hungerlagen in aller Welt zuständig. In den vergangenen 15 Jahren wurden nach IPC-Angaben vier Hungersnöte bestätigt: 2011 in Somalia, 2017 und 2020 im Südsudan und zuletzt 2024 im Sudan. 

Israels Verteidigungsminister droht mit Zerstörung der Stadt Gaza

Israels Verteidigungsminister Katz verlangte unterdessen von der Hamas, Israels Bedingungen zur Beendigung des Krieges zu akzeptieren. «Wenn sie nicht zustimmen, wird Gaza, die Hauptstadt der Hamas, zu Rafah und Beit Hanun.» Durch israelische Bombardierungen wurden große Teile der besagten beiden Städte in Schutt und Asche gelegt. Zu Israels Forderungen zählen die Freilassung aller aus Israel verschleppten Geiseln sowie die Entwaffnung der Hamas. Letzteres lehnt die Islamistenorganisation ab, über eine vorübergehende Waffenruhe sowie die Rückkehr der Entführten wurde bis zuletzt ohne Erfolg verhandelt.

Einsatzpläne für die Stadt Gaza gebilligt

Laut Katz wurden die Pläne zum Einsatz der israelischen Armee gegen die Hamas in dem größten Ort des Gazastreifens inzwischen genehmigt. Das Vorhaben beinhalte auch die Umquartierung der Bewohner. Laut Schätzungen betrifft dies rund eine Million Menschen. Die katastrophale Lage der Zivilbevölkerung könnte sich durch die Offensive noch weiter verschlimmern. 

Die israelische Zeitung «Jediot Ahronoth» schrieb, anders als in Orten wie Beit Hanun habe die Stadt Gaza viele noch intakte, teils 15-stöckige Hochhäuser. Für Israels Armee besteht dem Bericht zufolge die Gefahr, dass Scharfschützen der Islamisten die Gebäude nutzen könnten. Das Blatt rechnet deshalb damit, dass auch sie dem Erdboden gleichgemacht werden. Für viele Anwohner bedeutet das, dass sie ihr Zuhause verlieren werden.

Einwohner berichteten bereits jetzt von intensiven israelischen Luftangriffen im Umkreis der Stadt. Die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa meldete mehr als 20 Tote bei israelischen Angriffen in der Stadt. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig verifizieren.

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