Gaza-Krieg

Hungersnot in Gaza? Das sagen die offiziellen Kriterien

01. August 2025, 04:00 Uhr · Quelle: dpa
Eine dramatische humanitäre Situation im Gazastreifen wirft Fragen auf. Experten erläutern die Kriterien für die Ausrufung einer Hungersnot.

Gaza/Tel Aviv/Berlin (dpa) - Experten warnen mit Nachdruck vor einer Hungersnot im Gazastreifen. Israel hat seit März nur vereinzelt Hilfslieferungen in das Küstengebiet gelassen. Seither spitzt sich die humanitäre Lage dort zu. Fragen und Antworten dazu, was das bedeutet: 

Was ist eine Hungersnot?

Eine «Hungersnot» ist ein seltenes und extrem dramatisches Ereignis. Ihre Ausrufung basiert auf streng festgelegten Kriterien. Diese sind von Experten der 2004 gegründeten IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification) mit einem Hauptbüro in Rom definiert. Die Kriterien sind international anerkannt und gelten für die Analyse und Bewertung von Nahrungskrisen in Ländern weltweit.

In der IPC-Skala gibt es fünf Stufen der Ernährungslage in einem Land oder einer Region. Die allerhöchste - und schlimmste - ist Stufe 5: «Katastrophe/Hungersnot». Darunter spricht man von Hungerkrisen.

Wann wird eine Hungersnot ausgerufen?

Für die Einstufung als Hungersnot («famine with solid evidence») müssen drei Kriterien gleichzeitig erfüllt sein: 

  • Mindestens 20 Prozent der Haushalte einer Region sind von einem extremen Lebensmittelmangel betroffen;
  • Mindestens 30 Prozent der Kinder leiden unter akuter Mangelernährung;
  • Täglich sterben mindestens zwei Erwachsene oder vier Kinder pro 10.000 Einwohner an Hunger oder aufgrund des Zusammenspiels von Unterernährung und Krankheit.

Wenn eine unabhängige Datenerhebung nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, kann für eine Region auch eine Hungersnot mit hinreichenden Beweisen («famine with reasonable evidence») erklärt werden. Dabei sind für zwei der drei oben genannten Kategorien eindeutige Hinweise erfüllt; für den dritten ziehen Analysten Hinweise aufgrund der Gesamtlage heran. 

Ein Beispiel hierfür ist der Gazastreifen: Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) hat elf Mitarbeiter vor Ort, die bei jeder IPC-Erhebung Unterstützung leisten. Dennoch fehlen aktuell aufgrund der eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten und den von der Hamas kontrollierten Behörden unabhängige, umfassende Daten. 

Wer ruft eine Hungersnot offiziell aus?

Grundsätzlich erstellen die IPC-Experten die fachliche Einschätzung. Die offizielle Ausrufung liegt «in der Verantwortung entweder der Regierung und des Staates selbst oder von autorisierten Institutionen» wie etwa UN-Vertretern, erklärt ein ranghoher FAO-Vertreter, Abdulhakim Rajab Elwaer, der Deutschen Presse-Agentur.

Zwischen der IPC und einer möglichen offiziellen Deklaration einer Hungersnot steht das sogenannte Famine Review Committee. Es besteht aus unabhängigen Experten, die einberufen werden, um die Daten und Einschätzungen der IPC zu prüfen. Auf dieser Grundlage können sie eine Empfehlung abgeben. UN-Vertreter etwa können daraufhin eine Hungersnot öffentlich ausrufen – auch wenn betroffene Regierungen das oft nicht anerkennen, wie Elwaer sagt.

Warum wird eine Hungersnot nicht immer sofort erklärt?

Üblicherweise, weil sie nicht plötzlich beginnt, sondern sich oft über Monate hinweg zuspitzt – und das unter Bedingungen, die eine formale Einstufung erschweren. Eine Besonderheit der IPC-Berichte ist, dass sie einen Trend sichtbar machen, da sie in regelmäßigen Abständen erscheinen, erklärt Elwaer. So kann man beobachten, ob sich die Lage verbessert oder weiter verschärft.

Hinzu kommt: In Kriegsgebieten ist es oft extrem schwierig, verlässliche Daten zu Sterblichkeit oder Gesundheitslage zu erheben, was eine genaue Überprüfung der Lage erschwert. In manchen Fällen versuchen auch Staaten oder Konfliktparteien, eine Hungerkrise herunterzuspielen, um Kritik oder Konsequenzen zu vermeiden.

Wann wurde zuletzt eine Hungersnot ausgerufen?

In den vergangenen 15 Jahren wurden nach IPC-Angaben vier Hungersnöte bestätigt: 2011 in Somalia, 2017 und 2020 im Südsudan und zuletzt 2024 im Sudan.

2011 starben durch Hunger in Teilen Somalias mehr als 250.000 Menschen. Die Gebiete wurden von der islamistischen Miliz Al-Shabab beherrscht, die Hilfsleistungen nur bedingt zuließ. Im Südsudan führten ein jahrelanger Konflikt und wirtschaftlicher Verfall zu der Notlage, die 2017 erst einige Regionen betraf, 2020 das gesamte Land. Bei der Hungersnot im Bürgerkriegsland Sudan 2024 wiesen die Experten die Kriterien einer Hungersnot in mindestens fünf Gebieten nach. 

Wieso wurde für den Gazastreifen noch keine Hungersnot erklärt?

Aktuell gilt für den gesamten Gazastreifen die Stufe vier auf der IPC-Skala («Emergency/Notfall»). Das bedeutet unter anderem, dass nach IPC-Einschätzung viele betroffene Haushalte nicht genug zu essen haben. Das schlägt sich in sehr hoher akuter Unterernährung und überhöhter Sterblichkeit nieder. In dieser Phase ist laut IPC Nothilfe mit Nahrungsmittellieferungen nötig, damit Menschen nicht an Unterernährung sterben.

Phase fünf setzt - wie oben bereits beschrieben - formell einen extremen Mangel an Nahrungsmitteln, akute Unterernährung und eine bestimmte Zahl hungerbedingter Todesfälle voraus. Die Experten von IPC warnten diese Woche, dass die ersten beiden Kriterien zumindest in Teilen des Gazastreifens bereits erfüllt werden - extremer Mangel an Nahrungsmitteln praktisch in den meisten Teilen des Gazastreifens und akute Unterernährung in Gaza-Stadt. 

Zudem zeichnet sich in dem abgeriegelten Küstengebiet ein negativer Trend ab: Zwischen den IPC-Berichten vom Dezember, Mai und dem Aktuellen hat sich die Gesamtsituation der Bevölkerung verschlechtert. 

Konkret bedeutet das im Gazastreifen nach IPC-Angaben aktuell: 39 Prozent der Bewohner müssen teils mehrere Tage ohne eine einzige Mahlzeit auskommen. Mehr als eine halbe Million Menschen, also fast ein Viertel der Bevölkerung, erlebe bereits «hungersnot-ähnliche Bedingungen.» Vom Famine Review Committee heißt es: «Ohne rasche und konzertierte Maßnahmen ist eine Hungersnot unvermeidlich.»

Wie neutral ist die Einschätzung von IPC?

IPC ist eine internationale Initiative, in der Regierungen, UN-Organisationen wie die FAO, das Kinderhilfswerk Unicef und das Welternährungsprogramm (WFP) sowie NGOs und weitere Partner zusammenarbeiten, um Ernährungskrisen verlässlich einzuschätzen.

Örtliche Teams sammeln in den betroffenen Ländern Daten zu Ernährung, Preisen oder Gesundheit. Diese fließen in standardisierte IPC-Modelle ein. Nationale IPC-Arbeitsgruppen, bestehend aus Regierungsvertretern, UN-Agenturen, NGOs und Wissenschaftlern analysieren anschließend die Lage und führen die Klassifizierung durch. 

Wenn ein Land möglicherweise Phase fünf erreicht hat, also eine Hungersnot, überprüft schließlich das Famine Review Committee (FRC), eine Gruppe aus hochrangigen, neutralen Experten für Ernährung und Statistik, laut IPC diese Daten auf technische Genauigkeit und Neutralität der Analyse, bevor die Ergebnisse bestätigt und kommuniziert werden.

Hat Israel die IPC in der Vergangenheit bereits kritisiert?

Ja, zum Beispiel anlässlich eines früheren IPC-Berichts vom Mai dieses Jahres, der auch schon das Risiko einer drohenden Hungersnot unterstrich. Die israelische Militärbehörde Cogat, die die Hilfslieferungen in den Gazastreifen genehmigt (oder blockiert), schrieb damals in einer Erklärung: «Selbst aus der eigenen Analyse der IPC geht hervor, dass im Gazastreifen keine Hungersnot herrscht. Der Begriff "drohende Hungersnot" ist irreführend, da er sich auf zukünftige Szenarien bezieht, die die IPC prognostiziert, die aber seit Kriegsbeginn wiederholte Male nicht einzutreten pflegten.»

Wie sieht Israel die Lage im Gazastreifen?

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte jüngst: «Es gibt keine Politik des Aushungerns im Gazastreifen, und es gibt keinen Hunger im Gazastreifen.» Auch andere israelische Politiker betonen stets, dass es keine Hungersnot in dem abgeriegelten Küstenstreifen gebe. 

Nach zunehmender internationaler Kritik angesichts der dramatischen Versorgungslage im Gazastreifen lässt Israel seit Sonntag wieder größere Hilfslieferungen auf dem Landweg in das Küstengebiet und erlaubt auch Abwürfe aus der Luft.

Was bringt die offizielle Ausrufung einer Hungersnot?

Dies hat einerseits einen psychologischen Effekt. Manche Regierungen und Organisationen treten erst richtig in Aktion, wenn eine offizielle Erklärung vorliegt - obwohl die Anzeichen längst da sind. Damit werden mehr Gelder zur Unterstützung frei. Ähnlich war es bei der Corona-Pandemie: Obwohl Anfang 2020 die Lage zunehmend kritisch wurde, sind viele Länder erst in den Krisenmodus gegangen, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell von einer Pandemie sprach. 

Der FAO-Vertreter betont, eine formelle Ausrufung sei «extrem notwendig». Zwar werde bei menschengemachten Krisen eine solche Erklärung von Regierungen oft vermieden, weil sie faktisch belege, dass die Hungersnot nicht naturbedingt, sondern politisch verursacht worden sei. Das mache die Verantwortlichen angreifbar. «Es ist eine direkte Anschuldigung», so Elwaer. 

Eine offizielle Ausrufung durch die IPC-Partner gilt laut Elwaer als ein gemeinsames Urteil der internationalen Gemeinschaft. Sie könne auch als Grundlage für Schritte des Internationalen Gerichtshofs, des UN-Sicherheitsrats oder einzelner Staaten dienen - etwa für Sanktionen oder politischen Druck.

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01.08.2025 · 04:00 Uhr
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