His & Hers: Das Spiel mit den Perspektiven

09. Januar 2026, 10:20 Uhr · Quelle: Quotenmeter
Die Netflix-Serie His & Hers untersucht einen Mordfall aus zwei Blickwinkeln und thematisiert Wahrheit und innere Konflikte.
Bild: Quotenmeter

Eine trauernde Fernsehjournalistin und ein misstrauischer Polizist ermitteln in einem Mordfall, der eine Kleinstadt in Amerika wachrüttelt. Die Netflix-Serie macht daraus ein beeindruckendes Format.

Mit der neuen Miniserie von Netflix namens His & Hers scheint zunächst alles auf ein weiteres, routiniert produziertes Prestigeformat hinzudeuten. Ein literarischer Bestseller als Vorlage, ein hochkarätig besetztes Ensemble, eine Showrunnerin mit ausgewiesener Sensibilität für psychologische Abgründe – Zutaten, die im Serienbetrieb inzwischen ebenso verlässlich verfügbar sind wie ihr oft kalkuliertes Ergebnis. Und doch erweist sich His & Hers bei näherer Betrachtung als ein Werk, das sich dem schnellen Verbrauch widersetzt, ohne dabei ganz dem Bannkreis jener Mechanismen zu entkommen, denen es sich zugleich kritisch annähern möchte.

Im Zentrum der Serie steht ein Mordfall in der amerikanischen Provinz: Der Fund einer jungen Frau in den Wäldern Georgias bildet den narrativen Ausgangspunkt für eine Geschichte, die weniger an kriminalistischer Aufklärung interessiert ist als an den Verwerfungen zwischen Erinnerung, Schuld und Selbstinszenierung. Anna, eine ehemalige Fernsehjournalistin, kehrt aus dem selbstgewählten Rückzug in das öffentliche Leben zurück, während Jack Harper als Ermittler mit einem Fall konfrontiert wird, der sich nicht von seiner eigenen Vergangenheit trennen lässt. Was hier zunächst wie ein vertrautes Arrangement aus dem Arsenal des Thrillers wirkt, gewinnt seine eigentliche Spannung aus der Reibung zweier Perspektiven, die einander misstrauen und doch unauflöslich miteinander verbunden bleiben.

Die Stärke von His & Hers liegt in jenen Momenten, in denen es gelingt, diese doppelte Perspektive nicht bloß als dramaturgischen Kunstgriff, sondern als Erkenntnismittel zu nutzen. Wahrheit erscheint hier nicht als objektiv feststellbare Größe, sondern als fragile Konstruktion, die von biographischen Interessen, emotionalen Altlasten und medialen Mechanismen gleichermaßen beeinflusst wird. Besonders die Figur der trauernden Fernsehreporterin Anna ist in dieser Hinsicht sorgfältig gezeichnet: Ihre journalistische Neugier ist nie frei von Selbstrechtfertigung, ihr Streben nach Aufklärung stets auch ein Versuch, die eigene Geschichte umzuschreiben. Tessa Thompson verleiht dieser Ambivalenz eine körperliche Präsenz, die über das rein Psychologische hinausweist und der Serie jene Schwere gibt, die sie von vielen Genreproduktionen unterscheidet.

Auch ästhetisch setzt His & Hers auf Zurückhaltung. Die Kamera verweilt, statt zu drängen; die Inszenierung vermeidet demonstrative Effekte und vertraut auf die Suggestivkraft von Räumen, Blicken und Pausen. Die Wahl des Schauplatzes – eine kleinstädtische Umgebung, geprägt von Hitze, Enge und sozialer Überschaubarkeit – fungiert dabei weniger als realistische Milieustudie denn als Resonanzraum innerer Zustände.

Die Schwächen der Serie liegen dabei auffällig nah bei ihren erklärten Ambitionen. Die narrative Struktur neigt dazu, psychologische Konflikte zu ausgiebig zu umkreisen, ohne sie immer stringent erzählerisch zu transformieren. Nicht jede Wiederholung, nicht jede perspektivische Verschiebung bringt einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Bisweilen scheint His & Hers der eigenen Raffinesse zu misstrauen und greift zu jenen überraschungsorientierten Wendungen, die im Serienformat längst zur Konvention geworden sind. Gerade hier verliert das Werk an jener stillen Konsequenz, die es an anderer Stelle auszeichnet.

Auch Jon Bernthals Darstellung des Ermittlers bleibt ambivalent. Seine physische Präsenz und emotionale Wucht sind unbestritten, doch die Figur selbst überschreitet selten die Grenzen des bekannten Typus: der verschlossene Mann, dessen moralische Integrität ebenso beschädigt ist wie sein Privatleben. Was als Spiegelung zu Annas komplexerer Innenwelt gedacht sein mag, wirkt in der Ausführung gelegentlich wie eine Vereinfachung.

So bleibt His & Hers eine Serie zwischen Anspruch und Genre. Sie ist am überzeugendsten dort, wo sie sich Zeit nimmt, Ambivalenzen auszuhalten, und am schwächsten, wo sie den Impuls verspürt, diese Ambivalenzen durch narrative Effekte zu überdecken. Dennoch gehört sie zu jenen Produktionen, die den gegenwärtigen Serienbetrieb ernst nehmen – nicht als bloße Unterhaltungsmaschinerie, sondern als Ort, an dem Fragen nach Wahrheit, Macht und Selbstdeutung verhandelt werden können. Dass dies nicht immer widerspruchsfrei gelingt, ist weniger ihr Makel als ihr Symptom.

Die Serie His & Hers ist im Streaming-Portfolio von Netflix enthalten.

Meinungen / TV-Kritik / First Look / Netflix / His & Hers / Thriller / Krimi-Serie
[quotenmeter.de] · 09.01.2026 · 10:20 Uhr
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