Henkels neue Wachstumsformel
Milliarden für das Industriegeschäft
Zum Jahresauftakt kündigte Henkel die Übernahme von ATP Adhesive Systems an, einem Schweizer Spezialisten für Klebebänder. Kurz darauf folgte der nächste Paukenschlag: Für 2,1 Milliarden Euro übernimmt Henkel die niederländische Stahl Holding, die Spezialbeschichtungen für flexible Materialien liefert – unter anderem für Automobil- und Modeindustrie.
Parallel plant der Konzern in den USA den Kauf des Bauklebstoff-Herstellers Liquid Nails für 725 Millionen Dollar. Doch hier bremst die US-Wettbewerbsbehörde FTC. Henkel ist mit seiner Marke Loctite bereits stark im Segment vertreten – die Behörde fürchtet eine marktbeherrschende Stellung. Der Deal ist derzeit blockiert.
Die Richtung ist dennoch eindeutig: Expansion ausschließlich im Adhesive-Technologies-Bereich.
Vom Verpackungsproblem zum Weltmarktführer
Historisch betrachtet ist das eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Klebstoffsparte entstand vor rund hundert Jahren aus pragmatischer Not – Henkel produzierte eigene Klebstoffe für Persil-Verpackungen, weil Lieferengpässe herrschten.
Heute ist der Düsseldorfer Konzern Weltmarktführer für Industrieklebstoffe. Verbraucher kennen primär den Pritt-Stift, doch der wirtschaftliche Kern liegt anderswo: Henkels Produkte halten Smartphones zusammen, verkleben Autoscheinwerfer, stabilisieren Holzbauten oder regulieren die Temperatur von Elektroauto-Batterien.
Gerade Zukunftsfelder wie Elektromobilität, Halbleiterindustrie sowie Luft- und Raumfahrt bieten strukturelles Wachstum. Leichtbau, Wärmeleitfähigkeit und Materialeffizienz sind Schlüsseltechnologien – und Klebstoffe zentrale Enabler.
Hinzu kommt ein weiteres Zukunftsthema: Recyclingfähigkeit. Je komplexer Produkte werden, desto wichtiger wird die Frage, wie sich verklebte Materialien am Ende ihres Lebenszyklus wieder trennen lassen. Hier eröffnen sich Innovationspotenziale mit regulatorischem Rückenwind.
Margen sprechen eine klare Sprache
Die Zahlen erklären die strategische Priorisierung. Während das Konsumentengeschäft in den ersten neun Monaten des vergangenen Geschäftsjahres organisch schrumpfte, legte die Klebstoffsparte zu.
2024 erzielte Adhesive Technologies eine Marge von über 17 Prozent. Das Konsumentensegment kam lediglich auf 13,6 Prozent. Noch deutlicher wird die Verschiebung beim Ergebnisbeitrag: In den vergangenen zwei Jahren verdiente Henkel mit Klebstoffen mehr als im klassischen Markengeschäft.
Die Logik des Managements ist damit betriebswirtschaftlich stringent: Höhere Margen, weniger Preisdruck durch Handelsmarken, größere technologische Differenzierung.
Konsumentensparte unter Druck
Im traditionellen Markengeschäft steht Henkel hingegen im intensiven Wettbewerb mit globalen Schwergewichten wie Procter & Gamble und Unilever. Gleichzeitig setzen Handelsmarken insbesondere im Waschmittelbereich Margen unter Druck.
Trotzdem ist ein vollständiger Rückzug aus dem Consumer-Geschäft nicht absehbar. Laut Medienberichten prüft Henkel einen Einstieg beim US-Haarpflegespezialisten Olaplex Holdings, Inc.. Das Unternehmen, 2021 mit 15 Milliarden Dollar bewertet, hat inzwischen rund 95 Prozent seines Börsenwerts verloren – unter anderem nach Kontroversen um Inhaltsstoffe.
Ein solcher Deal wäre strategisch riskanter als die Zukäufe im Industriebereich. Während Henkel bei Klebstoffen historisch hohe Integrationskompetenz bewiesen hat, waren Markenübernahmen im Consumer-Segment in der Vergangenheit nicht immer erfolgreich.
Strategische Gretchenfrage
Kritische Stimmen warnen vor einer strategischen Schieflage. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertbesitz mahnt, Henkel müsse die Balance wahren. Die Kernfrage lautet: Entwickelt sich der Konzern schrittweise zu einem Industrie-Technologieunternehmen mit Konsumgüterbeimischung – oder bleibt er ein diversifizierter Markenhersteller mit starkem B2B-Standbein?
Die Kapitalallokation der kommenden Jahre wird diese Frage beantworten. Klar ist bereits jetzt: Henkel verschiebt seinen Schwerpunkt systematisch in Richtung margenstarker, technologiegetriebener Anwendungen.
Für Investoren ist das ein kalkulierbarer, industrieorientierter Wachstumspfad – weniger abhängig von Konsumlaunen, stärker getrieben von strukturellen Trends wie Elektromobilität und Nachhaltigkeit.
Die große Einkaufstour ist damit kein Aktionismus, sondern Ausdruck einer strategischen Neugewichtung. Henkel definiert sich neu – klebstoffgetrieben, technologieorientiert, margenfokussiert.


