Investmentweek

Heizkosten explodieren – und ausgerechnet Fernwärme wird zur Preisfalle

14. Mai 2025, 07:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
27 % mehr im Vergleich zum Vorjahr: Die ersten Abrechnungen für 2024 zeigen, was viele Mieter befürchtet haben. Warum gerade Stadtbewohner jetzt die Rechnung zahlen – und wer sogar profitiert.

Fernwärme trifft die Mieter mit voller Wucht

Die Abrechnung flattert ins Haus – und mit ihr ein satter Aufschlag. Wer seine Wohnung mit Fernwärme heizt, muss sich in diesem Jahr auf ein deutlich höheres Heizkosten-Niveau einstellen.

Laut dem Immobiliendienstleister Ista zahlen Mieter im Durchschnitt 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Für eine 70-Quadratmeter-Wohnung steigen die Kosten damit von rund 830 auf 1.055 Euro.

Heizkosten 2024: Erdgas, Heizöl und Fernwärme fast doppelt so teuer wie vor der Energiekrise – Transparenz gefordert
Die Energiekosten für Heizung und Warmwasser haben sich seit 2021 drastisch erhöht. Laut einer aktuellen Analyse des Immobiliendienstleisters ista SE müssen Mieter:innen für das Jahr 2024 mit erheblichen Mehrkosten rechnen.

Besonders brisant: Die Zahlen stammen aus realen Abrechnungen, nicht aus Prognosen. Rund 900.000 Datensätze hat das Unternehmen bereits für 2024 ausgewertet. Und viele Haushalte haben ihre Abrechnung noch gar nicht erhalten – sie trudelt häufig erst im Laufe des Jahres 2025 ein.

Heizen mit Fernwärme – bequem, teuer, intransparent

Fernwärme gilt als klimafreundlich, gilt als Teil der Wärmewende. Doch wer in einem Mietshaus in der Stadt wohnt und keine Wahl hat, wie er heizt, erlebt gerade die Schattenseite des Systems. Denn: Die Fernwärmepreise reagieren nur verzögert auf den Energiemarkt. Preisbremsen und Steuererleichterungen liefen Ende 2023 aus, wurden aber erst Monate später weitergegeben – nach oben.

Die Folge: Mieter zahlen jetzt mehr, obwohl die Energiepreise insgesamt gesunken sind. Besonders perfide ist dabei die fehlende Transparenz. Während man bei Strom oder Gas Angebote vergleichen kann, gibt es bei Fernwärme in vielen Städten schlicht keinen Wettbewerb.

Gas steigt leicht, Öl wird günstiger

Die Heizkosten entwickeln sich je nach Energiequelle sehr unterschiedlich:

  • Fernwärme: +27 % → Ø 1.055 €
  • Gas-Zentralheizung: +6,5 % → Ø 864 €
  • Öl-Zentralheizung: –12,5 % → Ø 892 €

Während Gasnutzer mit einem moderaten Anstieg davonkommen, dürfen sich Ölheizungen sogar über sinkende Kosten freuen. Das liegt zum einen an gesunkenen Ölpreisen, zum anderen an einem insgesamt geringeren Verbrauch – etwa durch mildere Winter oder sparsamere Haushalte.

Wer mit Öl heizt, zahlt 2024 im Schnitt 127 € weniger als im Vorjahr. Dennoch will die Politik den Ausstieg aus Ölheizungen forcieren. Die soziale Dimension solcher Vorgaben bleibt oft unbeachtet.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet alte Heizsysteme in sanierungsbedürftigen Häusern schneiden dieses Jahr besser ab als moderne, zentral gesteuerte Fernwärmelösungen.

Stadtwohnungen besonders betroffen

Die Belastung ist nicht gleich verteilt. Mieter in Städten sind deutlich häufiger auf Fernwärme angewiesen als Bewohner auf dem Land. In Berlin, Hamburg, München oder Leipzig ist der Anschluss an das städtische Fernwärmenetz längst Standard – doch der Komfort wird jetzt zur Kostenfalle.

Gerade in Ballungsräumen, wo die Kaltmiete ohnehin hoch ist, treibt der Fernwärme-Aufschlag die Warmmiete auf neue Rekordhöhen. Und das in einer Zeit, in der viele Haushalte ohnehin mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen.

Verbraucher ohne Chance – und ohne Wahl

Anders als beim Strom- oder Gasanbieter können Fernwärmekunden nicht wechseln. Sie sind an ihren Versorger gebunden, und der wiederum beruft sich auf langjährige Lieferverträge, die Preisänderungen mit Zeitverzögerung weitergeben. In der Praxis heißt das: Die Mieter zahlen zuerst und verstehen später, wie die Rechnung zustande kam.

Hinzu kommt: Die meisten Mieter haben keinen Zugriff auf Originalrechnungen oder den tatsächlichen Energieverbrauch ihres Hauses. Sie erhalten nur eine Nebenkostenabrechnung – oft Monate später – und sind auf die korrekte Erfassung durch Hausverwaltung oder Dienstleister angewiesen.

Viele erwarten: Das war noch nicht alles

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt, dass viele Mieter auch für die kommende Heizperiode keine Entspannung erwarten. Laut der Erhebung im Auftrag von Ista rechnen 42 Prozent der Befragten mit weiteren Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent, 18 Prozent sogar mit mehr als 20 Prozent.

Nur 3 Prozent glauben an sinkende Heizkosten. Das Vertrauen in eine baldige Entlastung ist also gering – aus guten Gründen.

Wo bleibt die politische Antwort?

Die Politik verspricht seit Jahren mehr Transparenz und Wettbewerb bei Fernwärme – geliefert wurde bisher wenig. Zwar plant das Bundeswirtschaftsministerium ein Transparenzregister für Fernwärmepreise, doch noch ist unklar, wann es kommt. Auch eine Preisbremse wie bei Strom oder Gas fehlt.

Verbraucherschützer kritisieren, dass Mieter bei diesem Thema strukturell im Nachteil sind. Solange es keinen Wettbewerb gibt, braucht es klare Regeln – und vor allem Kontrolle. Denn: Wer keine Wahl hat, muss wenigstens wissen, wofür er zahlt.

Was Mieter jetzt tun können

Auch wenn die Spielräume klein sind – wehrlos sind Mieter nicht. Wer eine hohe Nachzahlung erhält, sollte die Abrechnung gründlich prüfen lassen. Die Verbraucherzentralen bieten hier Unterstützung. Häufig finden sich Rechenfehler, fehlende Abrechnungsbelege oder unplausible Verbrauchswerte.

Mieter haben zudem das Recht, Einblick in die Originalrechnungen des Energieversorgers zu verlangen. Wer Zweifel an der Korrektheit hat, sollte dieses Recht unbedingt nutzen – und gegebenenfalls auch rechtlich prüfen lassen.

Wärmewende mit Nebenkostenrisiko

Fernwärme sollte Teil der Lösung sein – sie wird aber gerade für viele Mieter zum Problem. Der aktuelle Preisschock zeigt: Solange es keinen Wettbewerb und keine Transparenz gibt, bleibt Fernwärme für Mieter ein Kostenrisiko mit Ansage.

Die Politik ist gefordert, die Versprechen endlich umzusetzen. Und die Versorger sollten sich fragen, wie lange sich dieses System noch legitimieren lässt. Denn wer das Vertrauen der Kunden verspielt, riskiert mehr als ein paar kritische Nachfragen.

Finanzen
[InvestmentWeek] · 14.05.2025 · 07:00 Uhr
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