Super League vor Kollaps - Rummenigge als UEFA-Retter?

Montreux (dpa) - Nach knapp 48 Stunden und einem Proteststurm in der tiefsten Krise des europäischen Fußballs steht die Super League schon wieder vor dem Kollaps.

Nach massiven Anfeindungen und lautstarken Demonstrationen auf der Straße sollen Manchester City und der FC Chelsea britischen Medienberichten zufolge den Ausstieg aus dem Milliarden-Projekt vorbereiten - ähnliche Überlegungen sollen auch die Macher des spanischen Nobelclubs FC Barcelona und von Atlético Madrid umtreiben.

Am Dienstagabend feierten bereits etliche Chelsea-Fans vor dem Stadion Stamford Bridge in London, wie auf Videos in den sozialen Netzwerken zu sehen war. Offizielle Bestätigungen gab es zunächst weder von den Clubs noch von den Organisatoren der neuen Super League, die in der Nacht zum Montag angekündigt worden war. Darauf waren zwei denkwürdige Tage voller Drohungen und Beschimpfungen gefolgt, Karl-Heinz Rummenigge kehrte urplötzlich als Hoffnungsträger zurück auf die internationalen Funktionärsbühne.

Der Vorstandschef des FC Bayern München wurde am Dienstag ins Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union berufen, die in Montreux einen Kongress voller Warnungen an die zwölf abtrünnigen Super-League-Clubs abgehalten hatte. Rummenigge wurde in Abwesenheit als Ersatzmann für den als bösen Buben geschassten Juve-Boss Andrea Agnelli und Vermittler im urplötzlichen Riesen-Zoff nach vier Jahren Pause wieder in die Fußball-Kontinentalregierung aufgenommen.

In Spanien gelang den Super-League-Initiatoren zwar laut Medien ein erster juristischer Erfolg. Ein Handelsgericht in Madrid untersagte demnach der UEFA und der FIFA sowie den diesen angeschlossenen Organisationen und Ligen jede Sanktion oder andere Maßnahme gegen die zwölf Gründerclubs. Am Abend folgten insbesondere aus England aber die Eilmeldungen, dass sich die ersten Club schon wieder abwenden.

Angesichts der Spaltungstendenzen der Top-Clubs sind Rummenigge und seine Kollegen gefragt. Substantiell gab es am Nachmittag außer einer von allen 55 Nationalverbänden verabschiedeten Kongress-Resolution gegen die Super League im mondänen Schweizer Kurort nichts Neues. Nach der Revolte-Ankündigung der Gründer und den folgenden Rauswurf-Drohungen aus Champions League und EM-Turnier durch UEFA-Boss Aleksander Ceferin am Montag gingen zunächst die Wortgefechte weiter. Vieles deutete auf einen radikalen Showdown hin - der sich am Dienstagabend früher als erwartet anbahnte.

In seinem 15-Minuten-Rundumschlag hatte Ceferin für Rummenigge als Gegenpol zu den abtrünnigen Vereinen aus Italien, England und Spanien freundliche Worte parat. «Extrem dankbar», sei er ihm. «Du bist ein fantastischer Ehrenvorsitzender der European Club Association», sagte der Slowene. Der FC Bayern gilt durch sein Nein zur Super League plötzlich als Parade-Verein der Aufrichtigen.

Rummenigge bekannte: «Es stand nicht mehr in meiner Lebensplanung, noch einmal Mitglied der UEFA-Exekutive zu werden.» In der tiefen Krise wolle er aber das Hilfsgesuch von Ceferin und den ECA-Mitgliedern nicht ablehnen. «Ich liebe den Fußball und fühle mich auch verantwortlich, deshalb ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dem europäischen Vereinsfußball und der UEFA zu helfen, dass unsere Wettbewerbsstrukturen in Europa erhalten bleiben», sagte Rummenigge. Er wolle nun «als Mediator zwischen der UEFA und den zwölf abtrünnigen Vereinen» vermitteln.

Rummenigge rückt nun plötzlich bis ins Frühjahr 2024 und damit noch gut zwei Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit in München an der Spitze eines deutschen Trios in den wichtigen internationalen Gremien von FIFA und UEFA. DFB-Vize Rainer Koch wurde sogar für vier Jahre in der UEFA-Exekutive bestätigt, sein nationaler Amtskollege Peter Peters rückt für den gleichen Zeitraum ins Council des Weltverbandes auf, wo der deutsche Fußball nach zwei Jahren Pause wieder vertreten ist. «Es ist elementar wichtig, dass unsere Stimme dort angesichts der zahlreichen aktuellen Herausforderungen, vor denen der Fußball steht, gehört wird», sagte DFB-Präsident Fritz Keller.

Der Sturm der europäischen Fußball-Entrüstung über das den sportlichen Werten zuwider laufende Projekt war mit massiven Ausläufern auch in Montreux zu spüren. Ceferin führte mit seiner Rede die Front an und attackierte besonders die sechs englischen Clubs, die sich mit ihrer Super League von der Königsklasse der UEFA lossagen wollen. Für manche seien «Fans nur noch Konsumenten» und «Dividende wichtiger als Leidenschaft», sagte der 53-Jährige.

«Wenn der Schlusspfiff ertönt schauen sie nicht auf die Tabelle, sondern auf die Einschaltquoten und Aktienpreise», kritisierte Ceferin. Positiv für ihn: Seine eigene hochumstrittene Champions-League-Reform wirkt plötzlich wie die Bewahrung des Kulturgutes Fußball, was kaum der Realität entspricht.

Ungewohnte Unterstützung bekam Ceferin von FIFA-Präsident Gianni Infantino. «Wenn einige wählen, ihren eigenen Weg zu gehen, müssen sie mit den Konsequenzen leben», deutete der Schweizer Sanktionen für die abtrünnigen Clubs an. Diese hatte auch DFB-Boss Keller überraschend deutlich angemahnt. «Das egoistische Verhalten dieser zwölf Vereine hat mit dem Spiel, in das wir uns als Kinder verliebt haben, nichts mehr zu tun. Die Vereine und ihre Nachwuchsmannschaften sollten von allen Wettbewerben ausgeschlossen werden, bis sie wieder an ihre vielen Anhänger denken, die sie erst zu den größten Clubs der Welt gemacht haben - und nicht nur an ihre Geldbeutel.»

Mit dieser Verve reichte Keller an das eindeutige Fan-Votum heran. In Dortmund setzten wütende BVB-Fans mit einem Banner ein Zeichen. «Klare Worte statt leere Zeilen», schrieben die Fans in schwarzer Schrift auf ein großes gelbes Plakat, das an einem Zaun gegenüber der Dortmunder Geschäftsstelle hing. «ESL (European Super League) Absage jetzt und für immer.»

Ähnlich definitiv waren die Reaktionen in England, bis hin zu Liverpools Meistercoach Jürgen Klopp, der zumindest beim Thema auf Distanz zu seinem Super-League-Arbeitgeber geht. In der aufgeladenen Stimmung mischten wie gewohnt die verbalradikalen Medien und sogar Königshaus und Politik mit. «The Telegraph» schrieb von der «Zombie-Apokalypse des Fußballs auf der Suche nach frischem Fleisch». Ein Verantwortlicher eines anderen Super-League-Teilnehmers habe eine Todesdrohung über soziale Netzwerke erhalten, behauptete ein namentlich nicht genannter Vereinsfunktionär bei Sky.

Premierminister Boris Johnson kündigte in der «Sun» an, dem «lächerlichen» Milliardenprojekt die Rote Karte zu zeigen. Sein Sportminister Oliver Dowden stellte im Parlament drastische Ideen vor, um die «Big Six», die englischen Spitzenvereine, von einer Teilnahme abzuhalten.

Die Debatte über einen sofortigen Champions-League-Rauswurf nahm sofort Fahrt auf. Ob das rechtlich möglich ist, prüft die UEFA. Ob das noch nötig ist, war am Dienstagabend nicht abzusehen. Laut der Statuten bedarf jeder neue Wettbewerb der Zustimmung des Dachverbandes. Allerdings geht die Frage über Konkurrenzprodukte tief ins EU-Recht.

Fußball / Super League / UEFA / Exekutivkomitee / FIFA / Karl-Heinz Rummenigge / Schweiz
20.04.2021 · 21:29 Uhr
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