Steuerdebatte

Große Erbschaften oft steuerfrei – Vorschläge für Reform

14. September 2025, 13:12 Uhr · Quelle: dpa
In Deutschland sind viele große Vermögen steuerfrei vererbt, was die Ungleichheit verstärkt. Die Grünen fordern Änderungen, um Steuerschlupflöcher zu schließen und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

Berlin (dpa) - In der von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) ausgelösten Diskussion über die Vermögensverteilung in Deutschland geht es zunehmend darum, wie Groß-Erben zur Kasse gebeten werden können. Denn Erbschaften und Schenkungen großer Vermögen bleiben in Deutschland oft steuerfrei.

463-mal wechselten in den vergangenen zehn Jahren 100 Millionen Euro oder mehr den Besitzer. In mindestens 258 Fällen, also mehr als der Hälfte, flossen dafür keine Steuern. Das geht aus der Antwort des Finanzministeriums auf eine Frage des Linken-Haushälters Dietmar Bartsch hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Grüne schlagen Reform ohne Risiko für Arbeitsplätze vor

Damit große Vermögen künftig nicht mehr ganz oder weitgehend steuerfrei vererbt beziehungsweise verschenkt werden können, schlagen die Grünen eine Reform vor, die Rücksicht auf die Bedürfnisse von Unternehmen nimmt. «Unser Vorschlag an CDU und SPD ist, in einem ersten Schritt sehr schnell und kurzfristig die Ausnahmen abzuschaffen, die aktuell zu großen Ungerechtigkeiten bei der Erbschaftssteuer führen», sagte die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katharina Dröge, der dpa. 

Sie knüpft damit an eine Aussage von Spahn an, der in einer Talkshow gesagt hatte, die Vermögensverteilung in Deutschland sei ein Problem.

Steuerbefreiungen gibt es bislang zum Beispiel, wenn Betriebsvermögen, landwirtschaftliche Betriebe oder Anteile an Kapitalgesellschaften vererbt oder verschenkt werden. Damit will man vermeiden, dass Betriebe aufgegeben werden müssen, weil die neuen Besitzer die Erbschaftsteuer aus dem Privatvermögen nicht zahlen können. 

Diese sogenannten Verschonungsregelungen sollten aus Sicht von Dröge geändert werden. «Niemand versteht, warum es möglich ist, dass man bei einem Erbe von 26 Millionen Euro keinen Cent Erbschaftssteuer zahlen muss, während Menschen, die weniger erben, Steuern zahlen», erklärte die Grünen-Politikerin. Sie will durch «weitreichende mehrjährige Stundungsregelungen» dafür sorgen, dass die Steuerzahlung für Firmenerben machbar ist, ohne dass dadurch Arbeitsplätze gefährdet sind.

Wenig Echo auf Spahns Aussagen in Union – SPD positiv

Um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern, sollte man diese Reform zudem mit gezielten Maßnahmen zur Förderung des Vermögensaufbaus bei Menschen mit geringem Einkommen verbinden, sagte Dröge. Ihre Fraktion würde dazu gerne im Bundestag bald Gespräche führen – allerdings gebe es bislang «noch keine Aussage der CDU und von Jens Spahn, ob jetzt konkret gehandelt werden sollte», fügte sie hinzu.

Spahns Bereitschaft, aus der ungleichen Verteilung von Vermögen in Deutschland politische Konsequenzen zu ziehen, stieß bei den Wirtschaftsverbänden und in der Union bislang auf ein verhaltenes Echo, während der Koalitionspartner SPD positiv reagierte.

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sagte der «Rheinischen Post»: «Wir haben in Deutschland eine extreme Ungerechtigkeit, was die Verteilung von Vermögen angeht. Jedes Jahr werden 400 Milliarden Euro in diesem Land vererbt, von denen nur ein ganz kleiner Teil überhaupt steuerpflichtig ist. Das sorgt für eine massive Schieflage, die wir seit Jahren anprangern.»

Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht aus

Mit Spahn hatte erstmals ein konservativer Spitzenpolitiker eine Privilegierung Vermögender eingeräumt – womöglich auch mit Blick auf ein in den kommenden Monaten erwartetes Urteil aus Karlsruhe zur Erbschaftssteuer.

«Wer schon hatte, hat immer mehr», sagte der CDU-Politiker in der ZDF-Talkshow «maybrit illner». «Wir hatten in den letzten Jahren, gerade in der Niedrigzinsphase, die Situation, dass Vermögen eigentlich ohne größeres eigenes Zutun von alleine fast gewachsen ist. Immobilienwerte, Aktienwerte und anderes mehr.» Spahn fügte hinzu: «Es ist ein Problem, die Vermögensverteilung.»

Der Unionsfraktionschef verwies darauf, dass ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer erwartet werde und die Koalition die Steuer dann möglicherweise neu regeln werde. Es könnte sein, dass das Verfassungsgericht die Regierung zu einer Reform zwingt.

Bartsch: «Rechtlich legal, politisch skandalös»

Für Linken-Haushälter Bartsch ist die Erbschaftsteuer «die ungerechteste Steuer des Landes». «Wer die größten Vermögen geschenkt bekommt oder erbt, spart Steuern – wer arbeitet, zahlt sie», beklagte er. Rechtlich sei es so, dass auf große Vermögen oft keine Steuern anfielen, politisch sei das skandalös. «Steuerschlupflöcher bei der Erbschaftsteuer sollten geschlossen, Vergünstigungen für Unternehmensvermögen abgeschafft werden», forderte er. Wer die Erbschafts- und Vermögensbesteuerung nicht reformiere, müsse auch zu Sozialkürzungen schweigen.

Das Steueraufkommen aus der Erbschaftsteuer geht allerdings an die Länder. CSU-Chef Markus Söder schlug zuletzt vor, auch die Steuerhöhe in die Hände der Länder zu legen – was Kanzler Friedrich Merz (CDU) als unrealistisch zurückwies.

Rekordsummen festgesetzt

Trotz der geltenden Ausnahmen haben die Finanzämter im vergangenen Jahr so viel Erbschaft- und Schenkungsteuer eingefordert wie nie zuvor: insgesamt 13,3 Milliarden Euro. Das sind 12,3 Prozent mehr als im Jahr davor. 8,5 Milliarden Euro entfielen auf Erbschaften, 4,8 Milliarden Euro auf Schenkungen.

Diesen Berechnungen zugrunde liegen Erbschaften und Schenkungen von rund 113,2 Milliarden Euro, die über den Freigrenzen lagen. In den meisten Fällen ging es dabei um Summen unter einer Million, 27 Mal wechselten 100 Millionen oder mehr den Besitzer.

Steuern sparen durch Schenken statt Vererben

Die großen Vermögen werden der Statistik zufolge deutlich häufiger verschenkt als vererbt. In beiden Fällen gelten die gleichen Steuersätze und Freibeträge: Ein Ehepartner darf Erbschaften oder Schenkungen im Wert von bis zu 500.000 Euro erhalten, ohne Steuern zu zahlen. Für Kinder sind 400.000 Euro steuerfrei, bei Enkeln sind es 200.000 Euro.

Trotzdem lassen sich durch geschickte Schenkungen zu Lebzeiten Steuern sparen – denn der Freibetrag kann alle zehn Jahre erneut genutzt werden. Wer früh anfängt, kann enorme Summen übertragen, ohne den Staat zu beteiligen. 

Im Wahlkampf hatte Alexander Dobrindt (CSU) vorgeschlagen, dass Eigenheime steuerfrei an die nächste Generation übertragen werden können, wenn sie mindestens zehn Jahre selbst genutzt oder vermietet werden. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht jedoch weder hierzu noch zu anderen Aspekten der Erbschafts- und Schenkungssteuer Reformen vor.

Steuern / Bundestag / Justiz / Deutschland
14.09.2025 · 13:12 Uhr
[4 Kommentare]
Tödlicher Unfall von zwei Österreichern auf Flores
Jakarta/Labuan Bajo (dpa) - Als Reaktion auf den tödlichen Absturz zweier österreichischer Touristen von einer maroden Hängebrücke auf der indonesischen Insel Flores haben die Behörden Ermittlungen zum Zustand der Anlage eingeleitet. Tragende Holzbalken der Brücke am Wasserfall Cunca Wulang seien verrottet und Sicherheitsnetze zu etwa 90 Prozent zerstört gewesen, berichteten […] (00)
vor 7 Minuten
Vielfältige Wälder Einer der größten Vorzüge Deutschlands sind seine abwechslungsreichen Naturlandschaften. Wälder sind ein wesentlicher Bestandteil dieser Landschaften. Sie finden sich in jeder Region des Landes und sind öffentlich zugänglich. Touristen, die Waldspaziergänge und Entspannung in der Natur genießen, haben eine große Auswahl. Nadelwälder […] (00)
vor 12 Stunden
Ein Mann zeigt mit dem Finger auf einen Namenscluster
Ludwigsfelde (dpa/tmn) - Wer weiß schon, wo außer den direkten Verwandten noch Menschen mit demselben Nachnamen wohnen? Herausfinden lässt sich das auf der Webseite «Geogen» - der Name steht für «geografische Genealogie», was so viel bedeutet wie ortsbezogene Ahnenforschung. So erklärt es Entwickler Christoph Stöpel auf der Seite. Dreh- und Angelpunkt […] (00)
vor 6 Stunden
Wer kennt das nicht: Eine App lädt zu langsam, das Menü wirkt unübersichtlich — und schon ist man weg. Digitale Plattformen kämpfen heute härter denn je um jeden Klick. Was macht den Unterschied zwischen Plattformen, die begeistern, und solchen, die Nutzer sofort wieder verlieren? Die Antwort liegt selten in einer einzigen Funktion — sondern im […] (00)
vor 12 Stunden
«30 Rock»-Darsteller Grizz Chapman mit 52 Jahren gestorben
Der aus der Kultserie «30 Rock» bekannte Schauspieler Grizz Chapman ist im Alter von 52 Jahren gestorben. Wie sein Cousin Donte Harrison, ehemaliger Spieler der Harlem Globetrotters, in sozialen Netzwerken bestätigte, starb Chapman am Freitag im Schlaf. Eine genaue Todesursache wurde zunächst nicht veröffentlicht. Harrison erklärte jedoch, Chapman habe über viele Jahre mit gesundheitlichen […] (02)
vor 17 Stunden
Tennis French Open
Paris (dpa) - Freundinnen im Leben, Rivalinnen auf dem Platz - für Eva Lys schließt das eine das andere nicht aus. «Früher sagte man ja immer, Freundschaften im Sport sind nicht möglich», sagte die deutsche Tennisspielerin bei den French Open in Paris, «aber bei mir war es eigentlich von Tag eins an anders». Die 24-Jährige pflegt auf der Tour auch privat einen engen Kontakt unter anderem zu […] (00)
vor 1 Stunde
kostenloses stock foto zu altcoin, bitcoin, bitcoin-handel
Der Bitcoin-Kurs hat eine Korrektur von der Marke von $78.000 begonnen. BTC konsolidiert derzeit und könnte einen neuen Anstieg anstreben, wenn es die $78.000-Marke überwindet. Bitcoin konnte sich nicht über $77.500 halten und verzeichnete weitere Verluste. Der Kurs handelt unter $77.000 und dem 100-Stunden-Durchschnitt. Es gab einen Durchbruch […] (00)
vor 31 Minuten
SurfaceTechnology GERMANY 2026: Intensive Gespräche und fachlicher Austausch
Hilden, 25.05.2026 (PresseBox) - Die SurfaceTechnology GERMANY 2026 vom 5. bis 7. Mai auf dem Messegelände in Stuttgart unterstrich ihre Position als zentraler Treffpunkt für die internationale Oberflächentechnik-Community. Über 4.600 Fachbesucher aus aller Welt informierten sich an den drei Messetagen an den Ständen der rund 210 nationalen und […] (00)
vor 16 Stunden
 
F-16-Kampfjets
Washington/Teheran (dpa) - Trotz Waffenruhe und laufenden Verhandlungen zur Beilegung […] (03)
Andreas Roßkopf
Berlin (dpa) - Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) klagt über eine große Zahl maroder […] (01)
Hotel (Archiv)
Berlin - Der Tourismus-Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß (CDU), rechnet […] (00)
Omid Nouripour am 21.05.2026
Berlin - Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour (Grüne) fordert eine Bündelung von […] (01)
Ansprache von Einzelinvestoren Die neueste Initiative der SoftBank Group Corp., ¥260 […] (00)
Tennis French Open
Paris (dpa) - Tennisspielerin Eva Lys hat zum zweiten Mal in ihrer Karriere die […] (00)
Destiny 3 liegt laut Bloomberg-Report auf Eis – Bungie plant wohl massiven Stellenabbau
Was Bungie-Fans bereits befürchtet haben, zeichnet sich jetzt als düstere Realität […] (00)
Das ZDF enttäuscht an Pfingst-Sonntag auf ganzer Linie
Weder «Inga Lindström» noch «Kommissar Beck» konnten dem ZDF starke Feiertagsquoten bescheren. […] (01)
 
 
Suchbegriff