Konflikte

Gaza statt Wunstorf: Die Luftwaffe im Hilfseinsatz

05. August 2025, 13:49 Uhr · Quelle: dpa
Blick auf die humanitäre Krise im Gazastreifen: Luftabwürfe der Bundeswehr bringen dringend benötigte Hilfsgüter zu Menschen in Not. Experten warnen vor Risiken und ineffizienter Verteilung.

Amman (dpa) - Die Luke des Transport-Airbus 400M öffnet sich drei Minuten vor dem Abwurf, der Blick fällt erst auf das Meer, wenig später auf den Gazastreifen 600 Meter darunter. Gleißende Sonne fällt auf Trümmer, so weit das Auge reicht. Von hier oben nicht zu erkennen: Die Menschen dort unten, die von einer Hungersnot bedroht sind. Ihnen gilt die Ladung, die nun aus dem Flugzeug an Fallschirmen zu Boden gleitet.

«Fühlt sich immer sehr positiv an»

«Für mich fühlt sich das immer sehr positiv an, weil ich weiß, dass wir Leuten damit helfen», sagt der Pilot einer der Bundeswehr-Maschinen, Stabshauptmann Dieter, den Nachnamen lässt er weg. Seit Freitag macht die Bundeswehr solche Abwürfe mit ihren Transportmaschinen, die normalerweise im niedersächsischen Wunstorf stationiert sind. Nun lässt sie sich dabei von Journalisten über die Schulter schauen. Ein dpa-Reporter ist mit an Bord.

Wie viele der Güter aus dem Flugzeug auf dem Boden bei denen landen, für die sie gedacht sind, weiß niemand. Aus deutschen Sicherheitskreisen hieß es am Wochenende, 50 bis 100 Prozent der Güter würden die Hamas oder andere kriminelle Organisationen abzweigen - das gilt aber für Hilfslieferungen insgesamt. 

«Wie Pflaster auf offene Wunden»

Hilfsorganisationen sehen das Ganze skeptisch, wenn auch besser als nichts. «Luftabwürfe wirken in dieser Lage wie Pflaster auf offene Wunden: teuer, riskant und kaum steuerbar», sagt der Vertreter des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Deutschland, Österreich und Liechtenstein, Martin Frick, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «In überfüllten humanitären Zonen ist eine geordnete Verteilung mit Hilfsgütern, die aus der Luft kommen, kaum möglich – das Verletzungsrisiko ist hoch, die Kosten sind 34-mal höher als bei Landtransporten.»

Pilot Dieter sieht solche Gefahren nicht, «weil unsere Drop-Zone breit genug ist». Selbst wenn der Schirm abreiße, falle die Ladung dort auf den Boden, wo niemand stehe. «Wir suchen unsere Drop-Zonen ganz genau heraus.» 

Reis, Mehl, Zucker, Nudeln, Konserven

Zwei deutsche Maschinen mit jeweils 22 Paletten - jede mit ungefähr 500 Kilogramm Gewicht - haben von einer jordanischen King Abdullah II Air Base gemeinsam Kurs auf den Gazastreifen genommen. Jede Bundeswehr-Maschine wirft pro Flug elf bis zwölf Tonnen an Gütern ab. Seit Freitag sind es laut Bundeswehr inzwischen knapp 75 Tonnen insgesamt.

 

«Wir wissen vorab nicht, was wir bekommen», sagt Leutnant Sascha. «Bis jetzt ist das ein bunter Mix aus Nahrungsmitteln, einzelner Kartons, à 20 Kilo, mit allem möglichen: Reis, Mehl, Zucker, Nudeln, Konservendosen. Wir verpacken die Lasten dann so, dass wir mit einer Last bis zu 550 kg an Hilfsgütern absetzen können.» Etwa 30 Bundeswehr-Soldaten verpacken die Güter, knapp 15 sind als Besatzung für die beiden A400M dabei.

Fallschirm «Marke Eigenbau»

Die olivgrünen Fallschirme, die sich über den Paletten öffnen, sind alte Personenfallschirme, erklärt Sascha, «Marke Eigenbau». «Wir haben bei unserem System Materialien verwendet, die überall frei erhältlich sind, was uns die Möglichkeit bietet, hier die Kosten pro System auf wenige Hundert Euro zu reduzieren.» 

Israel hatte im März eine fast vollständige Blockade von Hilfslieferungen in den Gazastreifen verhängt, wo es Krieg gegen die islamistische Hamas führt. Damit sollte der Druck auf die Terrororganisation erhöht werden, die inzwischen 50 verbliebenen Geiseln freizulassen. Von Mai an wurden wieder kleinere Mengen von Hilfslieferungen erlaubt. 

Lebensmittel stünden außerhalb des Gazastreifens bereit

Seit gut einer Woche lässt Israel nach internationalem Druck nicht nur Luftabwürfe zu, sondern gewährt auch täglich rund 200 Lastwagen von UN- und anderen Organisationen die Einfahrt in das abgeriegelte Küstengebiet. Den Menschen droht nach UN-Angaben eine Hungersnot. 

Mehr als 170.000 Tonnen an Lebensmitteln allein des Welternährungsprogramms sind nach dessen Angaben in der Region oder auf dem Weg dorthin. Das genüge, um die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von rund 2,1 Millionen Menschen fast drei Monate lang zu ernähren - wenn sie denn hineinkämen. 

Israel startet neues Verteilverfahren

Nun startete Israel nach offiziellen Angaben ein neues Verfahren zur schrittweisen und kontrollierten Wiederaufnahme der Einfuhr von Waren durch den privaten Sektor. Daran sollen ausgewählte palästinensische Händler teilnehmen. Ziel sei es, die Menge an Hilfsgütern für die Bevölkerung im Gazastreifen zu erhöhen und gleichzeitig die Abhängigkeit von den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen zu verringern. 

Seit Ende Mai verteilt die umstrittene Gaza Humanitarian Foundation (GHF), die neben Israel auch von den USA unterstützt wird, Hilfsgüter im Gazastreifen, parallel zum Einsatz internationaler Hilfsorganisationen. Doch im Umfeld der vier GHF-Zentren im Gazastreifen kam es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen.

Einsatz sicher, sagt der Pilot - aber ein Restrisiko

Für die Bundeswehrsoldaten ist der Einsatz laut Pilot Dieter ziemlich sicher. «Der Luftraum ist überhaupt nicht gefährlich im Moment für uns. Nur im Bereich Gaza, da müssen wir uns schützen. Da herrscht ein gewisses Restrisiko.» Über dem Gazastreifen selbst halten sich die deutschen Flieger nur kurz auf, Abwurf, dann wieder weg. So wollen sie das Risiko möglichst gering halten. 

Eine Dauerlösung soll ihr Einsatz nicht sein. «Airdops sind nur ein kleiner Beitrag, um das Leid der Menschen in Gaza zu lindern», schrieb Kanzler Friedrich Merz (CDU) am Wochenende auf X. «Deshalb arbeiten wir weiter intensiv daran, Hilfe über den Landweg zu ermöglichen.»

Hamas-Überfall löste den Krieg aus

Auslöser des Gaza-Kriegs war der Überfall der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. 

Wie die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde am Dienstag mitteilte, kamen in den vergangenen knapp 22 Monaten mehr als 61.000 Palästinenser ums Leben. Mehr als 150.600 weitere Menschen erlitten demnach Verletzungen. Bei einem Großteil der Opfer soll es sich um Frauen, Minderjährige und ältere Menschen handeln. 

Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen und unterscheiden nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. UN-Organisationen sehen sie aber als weitgehend zuverlässig an.

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05.08.2025 · 13:49 Uhr
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