Empörung in Deutschland über U-Haft für Yücel

28. Februar 2017, 20:32 Uhr · Quelle: dpa

Istanbul/Berlin (dpa) - Die Rufe nach einer Freilassung des in der Türkei verhafteten «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel werden lauter. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte in Berlin, das Verhältnis beider Länder «steht gerade vor einer der größten Belastungsproben in der Gegenwart».

Er ließ den türkischen Botschafter zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt zitieren. Auch der Bundestag soll sich in der kommenden Woche mit dem Fall befassen. In mehreren Städten gab es Autokorsos zur Unterstützung Yücels. «Deniz Yücel muss freigelassen werden - genauso wie all die anderen mit fadenscheinigen Begründungen festgenommenen Journalisten», sagte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz den Dortmunder «Ruhr Nachrichten».

Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte die Inhaftierung scharf. «Wir können in Deutschland nicht nachvollziehen, warum diese Attacke auf die Pressefreiheit notwendig ist. Uns fehlt das Verständnis», sagte Gauck am Dienstagabend vor Korrespondenten ausländischer Medien im Schloss Bellevue. «Was derzeit in der Türkei passiert, weckt erhebliche Zweifel, ob die Türkei ein Rechtsstaat bleiben will», betonte er. «Ich habe große Besorgnis.» Jede Regierung in Deutschland werde immer ein Anwalt der Pressefreiheit sein - «und auch der Präsident».

In Köln protestierten Demonstranten in etwa 50 Autos gegen die Untersuchungshaft. «Unser Kollege Deniz Yücel liebt Autokorsos», sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall, der selber mitfuhr. Knapp 70 Wagen nahmen laut Polizei in Frankfurt an der Kundgebung teil. Aktionen gab es auch in weiteren Städten.

Grünen-Parteichef Cem Özdemir rief die Bundesregierung in der «Bild»-Zeitung dazu auf, die Freilassung Yücels zu fordern. In der «Welt» verlangte er von den Deutschland lebenden Türken ein klares Bekenntnis zum Rechtsstaat. «Wie (Präsident Recep Tayyip) Erdogans Demokratieverständnis aussieht, sehen wir auch in seinem Umgang mit der Presse.»

Mit Blick auf das Referendum am 16. April, das über das Einführen eines Präsidialsystems in der Türkei entscheidet, appellierte er an die Türken in Deutschland: «Nehmt den Menschen in der Türkei nicht die Freiheit und Demokratie, die ihr hier in Deutschland genießt. Geht wählen beim Referendum in der Türkei, aber wählt die Demokratie und sagt Nein zu Willkür, Unterdrückung und Intoleranz.»

Yücel war am Montag nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen worden. Diese kann fünf Jahre dauern, bis es zur Freilassung oder zu einem Prozess kommt, in dem die Schuldfrage geklärt wird. Dem 43-jährigen Korrespondenten werden der «Welt» zufolge «Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung» vorgeworfen. Yücel besitzt die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft. Aus Sicht der türkischen Behörden ist er damit ein einheimischer und kein ausländischer Journalist.

Führende Regierungspolitiker hatten sich noch am Montagabend kritisch geäußert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Anordnung der Haft «bitter und enttäuschend». Die Regierung hoffe, dass Yücel schnell frei komme. «Diese Maßnahme ist unverhältnismäßig hart, zumal Deniz Yücel sich der türkischen Justiz freiwillig gestellt und für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt hat.» Justizminister Heiko Maas (SPD) nannte den Umgang mit dem Journalisten «völlig unverhältnismäßig». Kritische Berichterstattung sei «fundamentaler Bestandteil demokratischer Willensbildung», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

FDP-Chef Christian Lindner begrüßte die Aussagen der Bundesregierung. Er forderte sie nun auf, einen möglichen Auftritt des türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland zu stoppen: «Die Bundesregierung kann und muss das verhindern», sagte er der «Heilbronner Stimme».

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte den Haftbefehl «inakzeptabel». Reporter ohne Grenzen erklärte: «Dass ein Korrespondent einer namhaften ausländischen Redaktion sich jetzt gegen solche Anschuldigungen erwehren muss, bedeutet eine neue Qualität der Verfolgung, die deutlich über die bisherigen Schikanen wie Einreisesperren oder verweigerte Akkreditierungen hinausgeht.» Yücel und alle anderen inhaftierten Journalisten müssten sofort freigelassen werden, forderte RoG-Geschäftsführer Christian Mihr.

Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bezeichnete das Vorgehen der türkischen Justiz als «Mechanismus der Einschüchterung» eines autokratischen Systems. «Sein Fall ist kein Einzelfall, er ist Teil eines Systems, von neuer Qualität ist er nur deshalb, weil hier der Korrespondent einer nichttürkischen Zeitung betroffen ist», schrieb der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger in einem auf welt.de veröffentlichten Beitrag.

Der Bundestag wird sich in der kommenden Woche voraussichtlich mit dem Fall Yücel befassen. Das kündigte Bundestagspräsident Norbert Lammert in der «Rheinischen Post» (Mittwoch) an. Beantragt hatte die Aktuelle Stunde die Fraktion der Linken.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen lag die Türkei schon vor dem im Juli 2016 verhängten Ausnahmezustand auf Platz 151 von 180 Staaten. Dutzende regierungskritische türkische Journalisten sitzen in Haft. Yücel hatte sich am 14. Februar bei der Polizei in Istanbul gemeldet, weil nach ihm gefahndet worden war. Er wurde festgenommen.

Konflikte / Medien / Deutschland / Türkei
28.02.2017 · 20:32 Uhr
[29 Kommentare]
Shehbaz Sharif
Islamabad (dpa) - Dem Vermittler Pakistan zufolge greift die Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA mit sofortiger Wirkung. Die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten von Amerika sowie ihre Verbündeten hätten einer sofortigen Waffenruhe einschließlich im Libanon und andernorts zugestimmt, schrieb Premierminister Shehbaz Sharif auf X.  […] (02)
vor 5 Minuten
Das Wireless Festival wurde abgesagt, nachdem das Innenministerium Kanye die ETA entzogen hat.
(BANG) - Das Wireless Festival wurde abgesagt, nachdem das Innenministerium Kanye die ETA entzogen und ihm damit die Einreise ins Vereinigte Königreich verweigert hat. Festival Republic bestätigte die Entscheidung in einer Erklärung und teilte mit, dass alle Ticketinhaber Rückerstattungen erhalten werden. Ein Sprecher sagte: "Das Innenministerium hat YE […] (00)
vor 9 Stunden
Schule
Osnabrück (dpa) - Der Deutsche Lehrerverband (DL) befürchtet durch die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz von Schülerinnen und Schülern Auswirkungen beispielsweise auf Hausaufgaben. «Die Gefahr besteht, dass wir Hausaufgaben so nicht mehr machen lassen können», sagte DL-Präsident Stefan Düll der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Auch betroffen […] (00)
vor 1 Stunde
FC 26 fixt nervigen Exploit – Update bringt wichtige Gameplay-Änderung
Viele Spieler kennen das Problem nur zu gut: Du liegst zurück, willst nochmal angreifen und dein Gegner spielt minutenlang den Ball zum Torwart zurück. Zeitspiel, Frust, kaum Chancen einzugreifen. Genau hier setzt das neue Update 1.5.3 für EA Sports FC 26 an. Und die Änderung dürfte für viele ein echter Gamechanger sein, die sich einige erhofft haben. […] (00)
vor 4 Stunden
«XO, Kitty» startet auf der Eins
Die deutsche Komödie «Eat Pray Bark» erreichte mit sieben Millionen Abrufen den zweiten Platz bei den nicht-englischsprachigen Filmen. Man muss kein Kuppler wie Kitty Song Covey (Anna Cathcart) sein, um zu erkennen, dass die Fans der dritten Staffel von XO, Kitty verfallen sind, wodurch die Young-Adult-Serie mit 12,9 Millionen Aufrufen auf Platz 1 der englischen TV-Liste landete. Die […] (00)
vor 2 Stunden
Real Madrid - FC Bayern München
Madrid (dpa) - Erst umarmten sich die beiden Matchwinner Manuel Neuer und Harry Kane erleichtert, dann jubelten die beiden Stars des FC Bayern München nach dem wichtigen 2: 1 (1: 0)-Erfolg im Viertelfinal-Hinspiel über Angstgegner Real Madrid verhalten. Der deutsche Fußball-Rekordmeister machte in Madrid bei seiner Champions-League-Mission einen […] (01)
vor 3 Stunden
bitcoin, cryptocurrency, blockchain, digital, investment
Bitcoin kämpft darum, die Marke von $70.000 zurückzuerobern. Der Kursverlauf zeigt sich wenig inspirierend. Gleichzeitig kaufen die Marktteilnehmer mit den längsten Anlagehorizonten und der stärksten historischen Erfolgsbilanz aggressiver ein als in den letzten Monaten. Ein Bericht von CryptoQuant hat eine Divergenz identifiziert, die das Verhalten des […] (00)
vor 56 Minuten
Metallbalgkupplung KG
Kleinwallstadt, 07.04.2026 (PresseBox) - Die Metallbalgkupplungen der KG-Baureihe, optional auch in Edelstahlausführung als Baureihe „KG-VA“ erhältlich, erfüllen hohe Anforderungen. Die Kraftübertragung erfolgt über verdrehsteife, zwei-, vier oder sechswellige Edelstahlbälge, die Kupplungen sind für Drehmomentbereiche von 5 (MKG) – 3000 Nm (KG) sowie […] (00)
vor 8 Stunden
 
Frankfurter Börse
Frankfurt/Main - Der Dax hat am Dienstag nach einem verhaltenen Start bis zum Mittag […] (00)
Deutscher Städte- und Gemeindebund (Archiv)
Berlin - Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat die Pläne von Bundesfinanzminister […] (00)
Tiger Woods
Augusta (dpa) - Eigentlich hätte Tiger Woods beim Masters allen Grund zum Feiern gehabt. […] (00)
Tankstelle (Archiv)
Berlin - Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Armand Zorn, […] (04)
An Karfreitag verboten: RTLZWEI zeigt diesen Film an Ostersonntag
Tanzverbot, geschlossene Geschäfte und dann auch noch Monty Python. Das Leben des Brian hat […] (01)
Anthropic
San Francisco (dpa) - Ein neues KI-Modell des OpenAI-Rivalen Anthropic soll nach […] (00)
Harry Kane
München (dpa) - Auf dieses Signal hatte der FC Bayern vor dem Abflug nach Madrid gehofft. […] (05)
Maite Kelly
(BANG) - Maite Kelly hat ein Angebot ausgeschlagen, das für viele ein echter Traum […] (00)
 
 
Suchbegriff