Skeletonpilot gegen IOC

Olympia-Eskalation: Ukrainer nach Helm-Streit ausgeschlossen

12. Februar 2026, 19:46 Uhr · Quelle: dpa
Olympische Winterspiele 2026
Foto: Robert Michael/dpa
Von den olympischen Wettbewerben ausgeschlossen: Der ukrainische Skeleton-Pilot Wladislaw Heraskewytsch.
Skeletonpilot Wladislaw Heraskewytsch darf wegen eines Helms mit Bildern getöteter Sportler nicht bei Olympia starten. Das IOC bleibt hart. Der Ukrainer zieht vor die Sportrichter.

Cortina d'Ampezzo (dpa) - Wütend und enttäuscht packte Wladislaw Heraskewytsch nach der Eskalation bei Olympia seinen Skeleton-Helm ein. In Tränen aufgelöst erklärte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry den Ausschluss des Ukrainers von den Wettbewerben in Italien. Der Streit um den Kopfschutz des 27-Jährigen mit Bildern von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen führte die Winterspiele in ein sportpolitisches Drama.

Heraskewytsch wollte trotz eines Verbots und mehrfacher Warnungen des IOC nicht auf das Tragen des besonderen Helms in der olympischen Entscheidung verzichten. Auch die extra an die Olympia-Bahn in Cortina d'Ampezzo geeilte IOC-Chefin konnte den Ukrainer in einem Gespräch hinter verschlossenen Türen in letzter Minute nicht mehr umstimmen. Der zuständige Weltverband IBSF disqualifizierte Heraskewytsch daraufhin rund 45 Minuten vor dem Start des ersten Durchgangs. 

«Es ist schwer, etwas zu sagen oder es in Worte zu fassen. Es ist Leere», sagte der Skeleton-Pilot. Noch einmal hielt er den Helm in die Kameras, sein Vater saß weinend auf einem Schneehaufen. Auch Coventry kullerten bei einem Statement Tränen über die Wangen. «Leider sind wir nicht zu einer Lösung gekommen. Ich wollte ihn wirklich heute im Rennen sehen. Es war ein emotionaler Morgen», sagte die Nachfolgerin von Thomas Bach inmitten der ersten Krisenlage ihrer Amtszeit.

Skeleton-Pilot will vor Sportgericht ziehen

Heraskewytsch reagierte kühl. «In der Ukraine haben wir gerade auch eine Menge Tränen», sagte er. Gegen den Ausschluss legte er wenige Stunden später Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas ein, der ein Eilverfahren seiner Ad-hoc-Kommission einleitete. Ohne Heraskewytsch waren da aber schon die ersten zwei Durchgänge des olympischen Wettbewerbs absolviert. Ob ein Cas-Urteil bis zu den finalen Läufen am Freitag fällt, ist offen.

Die Entscheidung der Offiziellen spiele der russischen Propaganda in die Karten, sagte Heraskewytsch. Die Ukraine wehrt sich seit knapp vier Jahren gegen eine russische Invasion. Auf dem Helm von Heraskewytsch sind Bilder von rund 20 Athletinnen und Athleten zu sehen, die bei russischen Anschlägen ums Leben gekommen sind.

Politische Botschaften aber sind den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Olympischer Spiele während eines laufenden Wettbewerbs verboten. «Es geht nicht um die Botschaft, es geht nur um die Regeln und Vorgaben. In diesem Fall müssen wir in der Lage sein, ein sicheres Umfeld für alle sicherzustellen», sagte Coventry. Sie beteuerte: «Niemand, wirklich niemand, besonders ich nicht, widerspricht der Botschaft. Sie ist kraftvoll. Sie ist eine Botschaft des Gedenkens, eine Botschaft der Erinnerung, und niemand lehnt das ab.»

Kehrtwende des IOC bei Akkreditierung

Unter Verweis auf eine «sehr respektvolle Unterhaltung» mit Heraskewytsch erwirkte Coventry bei der IOC-Disziplinarkommission, dass dem Ukrainer seine Akkreditierung für die Winterspiele doch nicht entzogen wird. Damit könne sich der Skeleton-Pilot weiter in besonderen Bereichen wie dem olympischen Dorf aufhalten, auch wenn er nicht an Wettwerben teilnehmen könne. 

Dieser eher symbolische Akt dämpfte den Ärger in der Ukraine nicht. «Zukünftige Generationen werden dies als einen Moment der Schande in Erinnerung behalten», schrieb Außenminister Andrij Sybiha bei der Plattform X. Präsident Wolodymyr Selenskyj übte ebenfalls scharfe Kritik am IOC und dankte Heraskewytsch für seine klare Haltung. «Mut zu haben ist mehr wert als jede Medaille», schrieb Selenskyj. Er verlieh dem Sportler den Orden der Freiheit, die zweithöchste Auszeichnung des Landes. 

Das IOC hatte zwar zugelassen, dass Heraskewytsch seinen Helm in mehreren Trainingsläufen trug, für den Wettkampf aber ein Verbot ausgesprochen. Das Kompromissangebot, anstatt des Helms ausnahmsweise einen Trauerflor am Arm zu tragen, hatte der Ukrainer abgelehnt. Er breche keine Regeln, bekräftigte Heraskewytsch mehrfach. Sein Ausschluss sehe «wie Diskriminierung aus», erklärte er.

Deutsche Sportler zeigen Mitgefühl

Schon 2022 bei den Winterspielen in Peking hatte Heraskewytsch ein Zeichen gesetzt, als er nach dem olympischen Wettkampf einen Zettel mit der Aufschrift «No War in Ukraine» (Kein Krieg in der Ukraine) in die Kameras zeigte. Damals hatte das IOC keinen Verstoß gegen die Olympische Charta ausgemacht und erklärt, Heraskewytsch habe nur zum Frieden aufgerufen.

Diesmal aber kündigte der Skeleton-Pilot seine Aktion vorher an und ging offen auf Konfrontationskurs mit dem IOC. Mehrfach versuchten IOC-Vertreter hinter den Kulissen, den Eklat zu verhindern, boten Heraskewytsch andere Bühnen an, sein Anliegen zu präsentieren. «Nur für die eine Minute des Wettbewerbs hatten wir ihn gebeten, es nicht zu tun», sagte IOC-Sprecher Mark Adams.

Deutsche Olympia-Teilnehmer zeigten ihr Mitgefühl mit Heraskewytsch. «Es ist schade, dass er sich hier seinen olympischen Wettkampftraum nicht erfüllen kann», sagte der dreimalige Rodel-Olympiasieger Felix Loch der Deutschen Presse-Agentur. Im ZDF beschrieb er die Entscheidung als «sehr, sehr schlecht». Loch ist Mitgründer der Vereinigung «Athletes for Ukraine».

Vater von Heraskewytsch: «Unsere Träume zerstört»

Die Vereinigung Athleten Deutschland bezeichnete den Ausschluss von Heraskewytsch als «falsch» und «unverhältnismäßig». Der Deutsche Olympische Sportbund reagierte dagegen diplomatisch. «Wir können verstehen, dass das Bedürfnis besteht, auf die schrecklichen Folgen dieses Krieges hinzuweisen. Der Wunsch nach Gedenken ist nachvollziehbar», hieß es in einem Statement. Politische Botschaften im Wettkampf seien aber «sinnvollerweise untersagt».

Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein äußerte Empathie für Heraskewytsch. «Gleichwohl habe ich auch Verständnis für das Festhalten des IOC an seinen Regularien und hoffe, dass die aktuelle Diskussion innerhalb des IOC, im Rahmen von Sportgroßveranstaltungen adäquate Orte für derartige Meinungsäußerungen zu finden, zu einem allseitig befriedigenden Ergebnis führt», teilte die CDU-Politikerin mit.

Heraskewytsch gehörte für die Skeleton-Rennen zwar nicht zum Kreis der Favoriten, hatte aber mit guten Trainingsleistungen zarte Hoffnungen auf eine Medaille geweckt. «Das Internationale Olympische Komitee hat unsere Träume zerstört. Das ist nicht fair», sagte sein Vater Mychajlo.

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12.02.2026 · 19:46 Uhr
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