Digitalisierung als wichtiger Erfolgsfaktor für Pharmaunternehmen
Das digitale Zeitalter bietet neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Medikamenten. Nach Meinung von Fridtjof Traulsen, dem neuen Deutschlandchef von Boehringer Ingelheim, kann die Digitalisierung den Entwicklungsprozess neuer Medikamente verkürzen und effizienter gestalten. Die Hoffnung bestehe darin, dass der bisher vier bis sechs Jahre währende Forschungszyklus erheblich verkürzt werden könne, so Traulsen. Dies sei durch die Durchführung von mehr digitalen Experimenten in kürzerer Zeit möglich.
Die Digitalisierung eröffnet zudem die Möglichkeit, gezielter nach Patienten für klinische Studien zu suchen, die voraussichtlich gut auf eine Behandlung ansprechen würden. Dadurch könnten Entwicklungsphasen beschleunigt und die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöht werden. "Die Onkologie zeigt, dass es schneller gehen kann, indem man zum Beispiel Menschen mit einem Tumor einer bestimmten genetischen Struktur auswählt und gezielt behandelt", erklärte Traulsen.
Besonders die sogenannte Phase 2, in der ein neues Arzneimittel in der Regel erstmals an kranken Menschen getestet wird, sei entscheidend. Laut Traulsen scheitern die meisten Substanzen in dieser Phase, wenn sich herausstellt, dass der Forschungsansatz im menschlichen Körper nicht funktioniert. Durch erfolgreiche kleinere Studien könne jedoch bereits eine Zulassung unter Auflagen erreicht werden, was insbesondere für Start-ups von großer Bedeutung sein könne.
Doch trotz der möglichen Fortschritte in der Medikamentenentwicklung sieht Traulsen noch Verbesserungspotenzial in Deutschland. Insbesondere die Finanzierungsmöglichkeiten und Abschreibungsmöglichkeiten bei Verlusten für Start-ups seien in den USA wesentlich besser. Die Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffen in den späten Phasen sei sehr teuer und erfordere Partnerschaften. Deshalb setze auch Boehringer Ingelheim auf solche Kooperationen, um die Entwicklung neuer Therapien voranzutreiben.
Traulsen wird zum 1. Januar 2024 Vorsitzender der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH und folgt damit auf Sabine Nikolaus. Er teilt ihre Meinung, dass die Rahmenbedingungen für Pharmafirmen verbessert werden müssen. "Die pharmazeutische Industrie in Deutschland hat in den vergangenen Jahren an Boden verloren", betonte Traulsen. Deutschland rangiere weltweit nur auf Rang sieben bei klinischen Studien. Es sei daher eine schnellere Genehmigung von Studien, weniger Bürokratie und ein leichterer Zugang zu Daten notwendig. Die Politik habe diesen Handlungsbedarf erkannt und arbeite bereits an einer Pharmastrategie sowie Gesetzen zur Medizinforschung und zur Nutzung von Gesundheitsdaten.
Boehringer Ingelheim plant in den kommenden Jahren 25 Produkteinführungen im Bereich der Humanpharma, insbesondere in den Bereichen zentrales Nervensystem, Lungenerkrankungen und immunologische Erkrankungen. Der Erfolg der Pipeline hänge dabei stark von der Agilität und Leistung des Unternehmens in Deutschland ab. (eulerpool-AFX)

