Deutsche Unternehmer suchen den Dialog in Russland: Chancen und Herausforderungen
Ein neuer Anfang für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen
Nach einer Phase der Zurückhaltung infolge des Ukraine-Konflikts treten deutsche Unternehmer erneut in den Dialog mit Russland. Beim St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF) vom 3. bis 6. Juni 2023 wird deutlich, dass die deutsche Wirtschaft den Zugang zu einem bedeutenden Markt nicht aufgeben möchte. Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, betont: "Nicht zuletzt für den Moment nach einem Waffenstillstand wollen wir wie andere große westliche Länder die wirtschaftliche Brücke nach Russland erhalten und die mehr als 100 Milliarden deutscher Vermögenswerte in Russland schützen."
Die Teilnahme von deutschen Unternehmen an diesem Forum ist ein klares Signal, dass trotz der geopolitischen Spannungen ein Interesse an wirtschaftlicher Zusammenarbeit besteht. Schepp hebt hervor, dass der Westen Russland und seine Rohstoffe nicht dauerhaft Asien überlassen sollte. Im ersten Quartal 2023 haben allein chinesische Unternehmen 1.400 neue Firmen in Russland gegründet, was die Dringlichkeit unterstreicht, die eigene Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren.
Die Präsenz deutscher Unternehmen
Unter den Teilnehmern des Business-Dialogs sind unter anderem der Milchproduzent Stefan Dürr von der Gruppe EkoNiva und Thomas Bruch, Geschäftsführer der Globus Holding. Laut der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer sind etwa 1.600 deutsche Unternehmen weiterhin in Russland aktiv, wobei der Umsatz der Globus-Kette im vergangenen Jahr auf etwa 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Diese Zahlen verdeutlichen die wirtschaftliche Relevanz der deutschen Unternehmen in Russland, auch wenn das Handelsvolumen aufgrund der Sanktionen auf unter zehn Milliarden Euro gesunken ist.
Historisch gesehen war Deutschland der größte europäische Handelspartner Russlands, mit einem Handelsvolumen von 59,7 Milliarden Euro im Jahr 2021 und einem Rekord von 80 Milliarden Euro im Jahr 2012. Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch, wie stark die geopolitischen Spannungen die wirtschaftlichen Beziehungen belasten.
Politische Dimensionen und Meinungen
Das Forum zieht auch politische Aufmerksamkeit auf sich, insbesondere durch die Teilnahme von AfD-Politikern. Markus Frohnmaier, Bundestagsabgeordneter und Landesvorsitzender der AfD in Baden-Württemberg, betont die Notwendigkeit einer Politik, die Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund stellt. Seine Teilnahme an dem Forum wird als sensibel betrachtet, jedoch unterstreicht er, dass dies keine Billigung des Ukraine-Kriegs bedeutet.
Die Umfrage der Kammer unter 750 Mitgliedern zeigt, dass die Mehrheit der deutschen Unternehmen in Russland bleibt. Trotz der Herausforderungen durch westliche Sanktionen sind 75 Prozent der Befragten mit der Entwicklung ihres Russlandgeschäfts zufrieden. Dies deutet darauf hin, dass viele Unternehmen die langfristigen Marktchancen in Russland als bedeutend erachten und bereit sind, die Risiken in Kauf zu nehmen.
Fazit: Ein Blick in die Zukunft
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass zwei Drittel der Unternehmen überzeugt sind, dass die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft stark beeinträchtigen. Dennoch glauben viele, dass diese Maßnahmen Deutschland mehr schaden könnten als Russland. Die anhaltende Diskussion über eine mögliche Wiederaufnahme von Gas- und Öllieferungen aus Russland wird ebenfalls von 65 Prozent der Befragten befürwortet, was auf eine pragmatische Sichtweise hinweist.
Insgesamt zeigt das Wirtschaftsforum in St. Petersburg, dass die deutsche Wirtschaft trotz der geopolitischen Herausforderungen an einer Brücke zu Russland interessiert ist. Die Frage bleibt, wie sich die politischen Rahmenbedingungen entwickeln werden und welche langfristigen Auswirkungen diese auf die Investitionen und das Wachstum in der Region haben könnten.

