Der letzte Aufstand der Freelancer: Anthem-Fans kämpfen gegen das digitale Aus
Die Nachricht schlug ein wie eine vernichtende Ultima-Fähigkeit: Electronic Arts zieht bei seinem einstigen Hoffnungsträger Anthem endgültig den Stecker. Ab dem 12. Januar 2026 werden die Server des von BioWare entwickelten Live-Service-Spiels permanent abgeschaltet, und die Welt von Bastion, einst voller verheißungsvoller Flugmanöver und brachialer Javelin-Action, wird für immer im digitalen Äther verstummen. Anthem, das 2019 mit einem Paukenschlag und gemischten Gefühlen startete, war ein Spiel der Extreme: Gefeiert für sein phänomenales Flug- und Kampfsystem, gleichzeitig gescholten für eine uninspirierte Story, technischen Schluckauf und einen zermürbenden Grind. Trotz seines unbestreitbaren Potenzials scheiterte es kommerziell, und BioWare stellte bereits 2021 alle Zukunftspläne ein. Doch eine kleine, aber unbeugsame Gemeinschaft von Freelancern weigert sich, ihr stählernes Schicksal zu akzeptieren.
Ein konstruktiver Appell statt blinder Wut
Im Angesicht der drohenden Auslöschung hat sich eine bemerkenswerte Gegenbewegung formiert. Eine auf Change.org ins Leben gerufene Petition, die im Moment dieser Niederschrift bereits hunderte von Unterschriften gesammelt hat, richtet einen klaren und überraschend pragmatischen Appell an den Publisher EA. Statt nur zu protestieren, liefern die Fans konkrete Vorschläge zur Rettung ihres Spiels. Sie fordern die Veröffentlichung der Serverdateien oder dedizierter Binärdateien als optionales DLC, um Community-gehostete Server zu ermöglichen. Zudem verlangen sie die Entfernung der Mikrotransaktionen und die Integration der kosmetischen Items in den regulären Loot-Pool, sodass alle Inhalte durch reines Gameplay erspielbar wären. Es ist der Versuch, ein zum Tode verurteiltes Spiel in ein Denkmal zu verwandeln, das von jenen gepflegt wird, die es am meisten lieben.
Ein Symptom der Krankheit, nicht der Einzelfall
Die wahre Sprengkraft dieser Petition entfaltet sich jedoch erst durch ihre Verknüpfung mit einer weitaus größeren Bewegung: der „Stop Killing Games“-Initiative. Diese Verbraucherschutz-Kampagne, die bereits über eine Million Unterstützer mobilisiert hat, kämpft für ein fundamentales Recht: Publisher sollen gekaufte Spiele nicht einfach unspielbar machen dürfen, ohne eine Offline-Alternative oder eine von der Community getragene Lösung bereitzustellen. Der Fall Anthem ist das perfekte, tragische Paradebeispiel für diese Problematik. Das Spiel wurde von Grund auf als reiner Online-Titel konzipiert, der selbst für Einzelspieler-Inhalte eine Serververbindung benötigt. In dem Moment, in dem EA den Schalter umlegt, wird jede investierte Stunde und jeder ausgegebene Cent der Spieler wertlos – das Spiel verwandelt sich in nutzlosen Datenmüll. Die Initiative hat Berichten zufolge bereits das Interesse des IT-Sektors der Europäischen Union geweckt, auch wenn konkrete legislative Schritte noch ausstehen.
Der Titan und die Mücke
Trotz der leidenschaftlichen Appelle und der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit ist der Kampf der Anthem-Fans ein Kampf David gegen Goliath. Die Entwicklung eines vollwertigen Offline-Modus für ein derart komplexes und kommerziell gescheitertes Spiel würde immense Ressourcen erfordern, die EA offensichtlich nicht mehr zu investieren bereit ist. Auch die Herausgabe des inhärenten und potenziell proprietären Server-Codes ist für einen Gaming-Giganten ein juristischer und geschäftlicher Drahtseilakt. Die Chancen stehen also schlecht. Doch selbst wenn diese Petition scheitert, ist sie mehr als nur ein verzweifelter letzter Schrei. Sie ist ein unüberhörbares Zeichen dafür, dass Spieler nicht länger bereit sind, die geplante Obsoleszenz ihrer digitalen Güter klaglos hinzunehmen. Der Kampf um Anthem mag verloren sein, doch der Krieg gegen das Töten von Spielen hat gerade erst begonnen.


