Energie-Embargo

Der Druck steigt - Härtere Maßnahmen nach Gräuel in Butscha

04. April 2022, 20:55 Uhr · Quelle: dpa
Die grausamen Bilder aus Butscha bringen für viele eine neue Dimension in den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Der Druck, härter gegen Moskau vorzugehen, steigt - und erste Reaktionen folgen.

Berlin (dpa) - Die Gräueltaten in der ukrainischen Kleinstadt Butscha bei Kiew haben weltweit für Entsetzen und Empörung gesorgt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht von einem Verbrechen der russischen Streitkräfte, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sogar von «Völkermord», aber was folgt nun daraus?

Als erste Reaktion erklärte Außenministerin Annalena Baerbock am Montag 40 Mitarbeiter der russischen Botschaft zu «unerwünschten Personen» und wies sie damit faktisch aus. «Die Bilder aus Butscha zeugen von einer unglaublichen Brutalität der russischen Führung», hieß es in ihrer Begründung. «Ähnliche Bilder müssen wir noch aus vielen anderen Orten befürchten, die russische Truppen in der Ukraine besetzt haben.»

Bei dieser Maßnahme wird es aber nicht bleiben. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat bereits weitere Waffenlieferungen angekündigt - und eine Verschärfung der Sanktionen.

Kommt jetzt der Energie-Lieferstopp für Russland?

Das sieht nicht so aus. Zwar werden die Forderungen nach einem Importstopp bei jeder neuen Eskalation des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine lauter, die Bundesregierung fürchtet jedoch massive wirtschaftliche Schäden und Arbeitsplatzverluste bei einem plötzlichen Importstopp. Vor allem dann, wenn dieser auch Gaslieferungen umfassen sollte. Gerade erst haben SPD-Chef Lars Klingbeil und Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) entsprechenden Forderungen erneut eine Absage erteilt.

Wie stehen andere EU-Staaten dazu?

Auf EU-Ebene sind neben Deutschland auch Staaten wie Ungarn, die Slowakei und Österreich strikt gegen eine Ausweitung der Russland-Sanktionen auf den Energiebereich. Grundsätzlich heißt es von ihnen, Sanktionen seien kontraproduktiv, wenn sie beim Initiator größeren Schaden anrichteten als beim anvisierten Ziel. Noch am ehesten denkbar ist, dass sich die EU-Staaten darauf einigen, keine Kohle mehr aus Russland zu importieren. Deutschland will ohnehin ab Ende des Sommers kein «schwarzes Gold» aus Russland mehr kaufen. Gegen sofortige Energiesanktionen spricht nach Ansicht von Kritikern auch, dass die EU dann kaum noch Sanktionsoptionen hätte, wenn Russland in der Ukraine Massenvernichtungswaffen wie chemische Kampfstoffe einsetzen sollte.

Welche Stellschrauben gibt es sonst noch bei den Sanktionen?

Als sehr wahrscheinlich gilt, dass weitere russische Geschäftsleute mit Verbindungen zu Putin auf die EU-Sanktionsliste kommen. Dies würde es ermöglichen, ihre in der EU vorhandenen Vermögenswerte einzufrieren. Zudem könnte es neue Sanktionen im Finanzsektor sowie zusätzliche Handelsbeschränkungen geben. Schon jetzt ist die Liste der Strafmaßnahmen lang. So wurde etwa der Zugang von bestimmten russischen Unternehmen und Banken zu den europäischen Märkten komplett unterbunden und der EU-Luftraum für Flugzeuge gesperrt.

Wie sieht es mit weiteren deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine aus?

Die Bundesregierung hat einiges an Waffen bereits geliefert: Panzerfäuste, Luftabwehrraketen, Maschinengewehre und mehrere Millionen Schuss Munition. Die Bereitschaft zur militärischen Aufrüstung der ukrainischen Armee hatte bisher aber auch Grenzen: Die Lieferung von schweren Waffen wie Panzer, Kampfflugzeugen oder Kriegsschiffen kam nicht in Frage. Jetzt könnten die selbst auferlegten Beschränkungen fallen. «Die Lieferung von militärischem Gerät und Waffen sollte meiner Auffassung nach uneingeschränkt und in großem Umfang fortgesetzt werden», sagt der für Rüstungsexporte zuständige Habeck. 

Liefert Deutschland nun auch Panzer in die Ukraine?

Das Rüstungsunternehmen Rheinmetall hat gebrauchte Schützenpanzer Marder auf dem Hof, die für Kriegstauglichkeit erst überholt werden müssen. Der Vorschlag: Die Bundeswehr - allerdings ohnehin von Mangelwirtschaft geplagt - könne eigene Panzer in die Ukraine abgeben und dann binnen eines Jahres die anderen bekommen. 100 dieser Panzer will die Ukraine laut «Welt». Aus dem Verteidigungsministerium wurde abgewunken, denn die Panzer sind für Nato-Verpflichtungen verplant und damit Teil der Landes- und Bündnisverteidigung. Bleibt also, die Rheinmetall-Panzer abzugeben. Wegen der erforderlichen Überholung könnte es dann aber Monate dauern, bis sie im Kriegsgebiet ankommen.

Gibt es noch andere Panzer?

Möglich wäre auch die Lieferung von 50 Flugabwehrkanonenpanzern Gepard, die aus früheren Bundeswehrbeständen beim Panzerbauer KMW stehen. Der Gepard hat auf einem Leopard-1-Fahrgestell einen Turm mit zwei 35mm-Maschinenkanonen montiert und kann auch gepanzerte Ziele am Boden bekämpfen. Die Ausbildung dafür ist weniger kompliziert als der Kampf gegen Luftziele im Verbund mit anderen Waffensystemen.

Was kommt gar nicht in Frage?

Das direkte Eingreifen in den Krieg. Mit seinen Bündnispartnern ist sich Deutschland weiter einig, dass kein Nato-Soldat die Ukraine betreten soll, weil dann eine Konfrontation mit Russland und damit ein Dritter Weltkrieg drohen könnte.

Sieht die Bundesregierung die Gräueltaten von Butscha als Kriegsverbrechen?

Scholz sprach am Sonntag schon in ersten Stellungnahme von einem «Verbrechen des russischen Militärs». Später fügte er hinzu: «Die Ermordung von Zivilisten ist ein Kriegsverbrechen.» Zudem forderte er eine Bestrafung der Verantwortlichen: «Die Täter und ihre Auftraggeber müssen zur Rechenschaft gezogen werden.» Den russischen Präsidenten Wladimir Putin erwähnte der Kanzler in diesem Zusammenhang nicht. Das erledigte Außenministerin Annalena Baerbock: «Putins hemmungslose Gewalt löscht unschuldige Familien aus und kennt keine Grenzen», sagte die Grünen-Politikerin.

Wie können die Täter bestraft werden?

Dafür ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag zuständig. Es verfolgt individuelle Verdächtige wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermords und hat für das Gebiet der Ukraine ein Mandat. Chefankläger Karim Khan leitete bereits Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in der Ukraine ein und schickte ein Team ins Kriegsgebiet. Unklar ist, ob die Ermittler auch schon nach Butscha reisten. Die Ankläger müssen zunächst nachweisen, dass Kriegsverbrechen begangen wurden. Das heißt zum Beispiel, dass die Opfer von Butscha tatsächlich wehrlose Bürger waren. Darauf deuten die Fotos hin, und das bestätigen Augenzeugen.

Kann auch Putin angeklagt werden?

Waren tatsächlich russische Soldaten die Täter, dann unterliegen sie der offiziellen Kommandostruktur. In dem Fall können auch ihre Kommandanten angeklagt werden. Zu klären wäre dann aber, ob die militärisch und politisch Verantwortlichen wie Putin von den Kriegsverbrechen der Soldaten wussten. Auch Staats- und Regierungschefs können sich nicht auf ihre Immunität berufen. Doch es ist schwierig, deren Verantwortung auch nachzuweisen. Erst wenn der Verdacht ausreichend begründet und mit Beweisen belegt ist, könnte ein internationaler Haftbefehl beantragt werden. Es scheint aber ausgeschlossen, dass Russland den Präsidenten an Den Haag ausliefern würde. Voraussetzung dafür wäre wohl ein Regimewechsel in Moskau.

Energie / Gas / Verteidigung / Konflikte / Krieg / Sanktionen / Wladimir Putin / Butscha / Kriegsverbrechen / Deutschland / Russland / Ukraine / Fragen & Antworten
04.04.2022 · 20:55 Uhr
[8 Kommentare]
Fans mit Pyrotechnik (Archiv)
Düsseldorf - Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hat auf die Ausschreitungen beim Fußballspiel Dynamo Dresden gegen Hertha BSC am Osterwochenende reagiert und dabei weiterhin Gesprächsbereitschaft signalisiert. "Wenn Randale nur durch Polizei auf dem Spielfeld gestoppt werden kann, ist eindeutig eine Grenze überschritten. Die […] (00)
vor 21 Minuten
Quantenphysik schlägt künstliche Intelligenz — mit nur neun Atomen
Wer mehr Rechenleistung braucht, baut größere Systeme — so lautet die Grundannahme, auf der ein großer Teil der modernen Computerentwicklung beruht. Mehr Schichten, mehr Verbindungen, mehr Energie. Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Physical Review Letters, stellt diese Logik grundsätzlich infrage. Ein Forschungsteam hat […] (00)
vor 2 Stunden
Fashion-Influencer «Gramps»
Mainz (dpa) - Er hat rund 5,5 Millionen Follower auf Tiktok, noch mal knapp 2,5 Millionen auf Instagram: Der 80-jährige Alojz Abram - auch bekannt unter seinem Pseudonym «Gramps» - ist Mode-Influencer. Dabei wirkte er lange gar nicht modisch. Er hat sich gekleidet, wie man es von einem älteren Herrn in der Rente erwarten würde. «Unspektakulär», sagt […] (00)
vor 15 Stunden
Super Mario Galaxy-Film sprengt Kino-Rekorde – Milliarden-Erfolg zeichnet sich ab
Was gerade im Kino passiert, fühlt sich fast unwirklich an. Der neue Super Mario-Film startet und bricht direkt Rekorde. Innerhalb weniger Tage katapultiert sich der Animations-Hit an die Spitze der weltweiten Kinocharts und zeigt einmal mehr, wie stark diese Marke wirklich ist. Mit einem globalen Einspielergebnis von rund 345 Millionen Euro (372,5 […] (00)
vor 22 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 7 Stunden
Daniel Altmaier
Monte-Carlo (dpa) - Tennisprofi Daniel Altmaier hat sein Auftaktmatch beim Masters-1000-Turnier in Monte-Carlo verloren. Der Deutsche unterlag dem Tschechen Tomas Machac in einer umkämpften Partie mit 4: 6, 6: 1, 3: 6. Nach verlorenem ersten Satz zeigte sich Altmaier stark verbessert. Nach einem schnellen Break zum 3: 1 wehrte er in einem umkämpften […] (00)
vor 1 Stunde
nahaufnahme von bitcoin-symbolschildern im freien, die moderne kryptowährungstrends widerspiegeln.
Ein im Februar 2026 von SBI Holdings emittierter Blockchain-Bond im Wert von 10 Milliarden Yen könnte mehr über Japans Ambitionen mit XRP aussagen als jede Preisprognose. Der Bond bietet Investoren Renditen, die in XRP ausgezahlt werden – ein Novum für eine große japanische Finanzinstitution. SBIs Langfristige Strategie mit Ripple Die Emission des […] (00)
vor 44 Minuten
In einer Wirtschaft, in der Flexibilität und betriebliche Effizienz von entscheidender Bedeutung sind, spielen temporäre oder semipermanente Infrastrukturlösungen eine immer wichtigere Rolle. Sowohl auf Baustellen als auch in der Industrie oder Logistik sind moderne Container eine praktische Alternative zu klassischen Gebäuden, da sie funktionale Räume […] (00)
vor 2 Stunden
 
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung
Seoul (dpa) - Südkoreas Regierung hat angesichts der weitgehend blockierten Straße […] (01)
Iran (Archiv)
Teheran - Der Geheimdienstchef der Iranischen Revolutionsgarde (IRGC), Majid […] (05)
Thomas Erndl (Archiv)
Berlin - Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Thomas Erndl (CSU), […] (01)
Baum umgestürzt - Drei Tote bei Flensburg
Mittelangeln (dpa) - Nach dem tödlichen Unglück durch einen umgestürzten Baum am […] (01)
ZDF diskutiert in Würzburg über Fake News
Beim Katholikentag widmet sich das ZDF den Herausforderungen der digitalen Öffentlichkeit. […] (00)
TMZs strategische Expansion Die Entscheidung von TMZ, eine Präsenz in Washington […] (00)
Dan Levy
(BANG) - Dan Levy hatte vor dem Tod von Catherine O’Hara über eine Fortsetzung von […] (00)
Ghost Master: Resurrection im Test: Spuken wie früher?
Ghost Master: Resurrection ist ein Remake des Originals aus 2003. Ich habe als Kind […] (00)
 
 
Suchbegriff