Der Dollar schwächelt – und verschiebt Europas Handelsbalance
US-Exporte wachsen trotz schwacher Nachfrage
Nach einer Analyse der Handelsströme zwischen den USA und Europa stiegen die US-Exporte in die EU von Januar bis November 2025 um fünf Prozent auf 326 Milliarden Euro. Das ist bemerkenswert, denn die Nachfrage nach Industriegütern in zentralen Volkswirtschaften wie Deutschland blieb im gleichen Zeitraum verhalten.
Der wichtigste Rückenwind kommt vom Devisenmarkt. Seit Februar 2025 hat der Dollar gegenüber dem Euro mehr als zehn Prozent an Wert verloren. Für US-Exporteure bedeutet das: Ihre Produkte sind im Euroraum günstiger geworden, ohne dass sie ihre Preise aktiv senken mussten.
Wechselkurs als doppelter Belastungsfaktor für Europa
Für europäische Unternehmen wirkt derselbe Effekt in die entgegengesetzte Richtung. Waren, die in Euro produziert werden, verteuern sich bei der Umrechnung in Dollar. Das schmälert die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporteure auf dem US-Markt und erleichtert es US-Anbietern, in Europa Marktanteile zu gewinnen.
Besonders auffällig ist, dass amerikanische Unternehmen ihre Lieferungen in nahezu allen Warengruppen ausbauen konnten. Die Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat zeigen Zuwächse bei Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Chemikalien, Pharmazeutika sowie bei Maschinen, Fahrzeugen und Luftfahrtprodukten.
Die EU wird für die USA strategisch wichtiger
Ökonomen sehen darin mehr als einen kurzfristigen Währungseffekt. Samina Sultan, Außenhandelsexpertin am Institut der deutschen Wirtschaft, spricht von einem längerfristigen Trend. Die transatlantische Handelsbeziehung habe in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, der schwache Dollar habe diese Entwicklung 2025 zusätzlich beschleunigt.
Währungsexperten rechnen nicht mit einer schnellen Gegenbewegung. Sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank erwarten für die kommenden Monate einen Wechselkurs von rund 1,20 Dollar pro Euro. Damit dürfte der Preisvorteil amerikanischer Exporteure vorerst bestehen bleiben.
Zollfreiheit als möglicher zusätzlicher Hebel
Hinzu kommt ein politischer Faktor. Ein Teil des im August 2025 geschlossenen Handelsabkommens zwischen der EU und den USA ist bislang nicht umgesetzt. Während europäische Exporte in die USA seitdem mit einem Zoll von 15 Prozent belegt werden, zahlen US-Unternehmen in Europa weiterhin die bisherigen Zölle auf Industriegüter.
Erst mit der Zustimmung des Europäischen Parlaments würden diese Zölle entfallen. Die Ratifizierung war wegen politischer Spannungen zwischenzeitlich ausgesetzt, eine Freigabe gilt jedoch noch im Februar als wahrscheinlich. Sollte die EU ihre Zölle tatsächlich auf null senken, erhielten US-Exporteure einen weiteren strukturellen Vorteil.
Chemie unter besonderem Importdruck
Besonders stark spürbar ist die Entwicklung in der Chemieindustrie. Die Importe aus den USA legten hier 2025 um rund 15 Prozent zu, stärker als in jeder anderen Branche. Basischemikalien und einfache Kunststoffe sind weitgehend austauschbar, der Preis entscheidet.
Gleichzeitig steht Europas Chemie bereits unter Druck durch stark wachsende Einfuhren aus China. Zwischen Januar und November 2025 stiegen die chinesischen Chemieexporte in die EU um mehr als 25 Prozent. Der schwache Yuan verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Für viele europäische Anlagen wird die Produktion zunehmend unrentabel, erste Insolvenzen und Standortschließungen sind die Folge.
Maschinenbau und Autoindustrie geraten ins Ungleichgewicht
Auch im Maschinenbau sorgt die Entwicklung für Nervosität. Europäische Hersteller leiden nicht nur unter dem starken Euro, sondern auch unter US-Zöllen. Neben dem allgemeinen Zollsatz von 15 Prozent kommen Strafzölle von bis zu 50 Prozent auf Stahl- und Aluminiumanteile hinzu. Mehr als ein Drittel der EU-Maschinenexporte ist davon betroffen.
Zwischen August und Dezember 2025 gingen die Exporte europäischer Maschinenbauer sowie von Fahrzeug- und Autoteileherstellern in die USA um elf Prozent zurück. Im gleichen Zeitraum stiegen die entsprechenden US-Exporte nach Europa um sieben Prozent.
In der Automobilindustrie ist das Bild differenzierter. Ein Großteil der US-Fahrzeugexporte nach Europa stammt von deutschen Herstellern wie BMW und Mercedes-Benz, die große SUV-Modelle in amerikanischen Werken fertigen. 2025 exportierten deutsche Autobauer rund 161.000 Fahrzeuge aus den USA nach Europa, ein Plus von 13 Prozent.
Währung schlägt Konjunktur
Der schwache Dollar wirkt wie ein Konjunkturprogramm für US-Exporteure. Selbst bei verhaltener Nachfrage in Europa können amerikanische Unternehmen Marktanteile gewinnen. Für europäische Hersteller ist die Lage deutlich schwieriger: Wechselkurs, Zölle und wachsende Konkurrenz aus den USA und China treffen gleichzeitig.
Sollten zusätzlich die EU-Zölle auf US-Industriegüter fallen, dürfte sich das Kräfteverhältnis weiter zugunsten amerikanischer Anbieter verschieben. Der transatlantische Handel bleibt damit nicht nur eine Frage von Politik und Konjunktur – sondern zunehmend eine des Wechselkurses.


