Claudio Descalzi trotzt dem Mainstream – Eni-Chef setzt auf Forschung, Risikobereitschaft und kontrollierte Transformation
Eni-CEO Claudio Descalzi hat Italiens größten Energiekonzern seit 2014 durch Ölpreisabstürze, geopolitische Krisen und die Energiewende gesteuert – mit einer klaren Strategie: Nicht Anpassung an Branchenkonventionen, sondern konsequente Eigenständigkeit.
Als Descalzi vor elf Jahren den Chefsessel übernahm, stützten sich die Gewinne von Eni fast vollständig auf Öl- und Gasgeschäfte. „Mehr als 100 Prozent, vielleicht sogar 110 – weil andere Geschäftsbereiche Geld verloren“, erinnert sich der heute 70-Jährige. Der damalige Preisverfall infolge des Marktanteilskriegs zwischen Saudi-Arabien und den USA zwang Eni zur Kurskorrektur. Während viele Wettbewerber Fusionen und aggressive Einsparungen verfolgten, investierte Descalzi in Forschung, Datenverarbeitung und firmeneigene Technologien.
Herzstück war dabei die Entwicklung proprietärer Lösungen im Bereich Biokraftstoffe und CO₂-Speicherung. Parallel dazu wurde das klassische Tankstellengeschäft in neue „Future Energy“-Einheiten integriert, was wiederum Privatinvestoren wie KKR anzog – bei Bewertungen über Branchenniveau. Diese Kopplung von ESG-kompatibler Zukunftstechnologie mit profitablen Altgeschäften war strategisch wie operativ ein Befreiungsschlag.
Seine Unabhängigkeit kultiviert Descalzi auch inhaltlich. Die in Europa verbreitete „Feindbild-Rhetorik“ gegen Ölkonzerne hält er für kontraproduktiv. Statt moralischer Bekenntnisse verlangt er wirtschaftliche Realitätstests – etwa zur Umsetzbarkeit von Energiewenden im globalen Süden. „Europa denkt, die Welt sei wie Europa. Aber das ist sie nicht“, sagt er. Solange Verbraucher fossile Energie nachfragen, bleibe deren Produktion legitim.
Descalzis Karriere begann nach einem Physikstudium in Norditalien, führte ihn über Libyen, Nigeria und den Kongo zu einschneidenden Erfahrungen: bewaffnete Überfälle, Kriegszustände, Perspektivlosigkeit. „Man vergisst schnell, dass viele Menschen nie die Wahl hatten“, sagt er. Diese Perspektive prägt seine Abneigung gegen „leere Begriffe“ und politischen Opportunismus.
Auch technologisch bleibt Descalzi ein Gegner vorschneller Euphorie. Eni investiert weiterhin in Exploration, obwohl dort über 70 % der Projekte abgeschrieben werden müssen. „Ich gehe gern dorthin, wo die Konkurrenz nicht ist“, so seine nüchterne Begründung.
Rückschläge – ob durch Covid, Ukraine-Krieg oder volatile Rohstoffpreise – haben seine Grundhaltung nicht erschüttert: Wandel gelingt nur durch Disziplin, wissenschaftliche Tiefe und unternehmerischen Mut. Für ihn bedeutet Energiepolitik nicht, populären Forderungen zu folgen, sondern Strukturen zu verändern – auch wenn das Zeit, Kapital und Widerstandsfähigkeit erfordert.
Ob Descalzi Eni noch lange führen will? „Zu früh, um darüber zu sprechen“, winkt er ab. In instabilen Zeiten brauche es Kontinuität. „Aber man bleibt nicht ewig.“ Seine Motivation sei unverändert: „Außerhalb des Mainstreams zu denken, gibt mir Energie.“

