Bundestag gegen Revolution bei Organspende

16. Januar 2020, 16:08 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Barbara Backer muss schlucken, als das Ergebnis bekanntgegeben wird. «Das ist eine Katastrophe», sagt sie den Tränen nahe. «Mir sterben die Menschen unter den Händen weg.»

Von der Besuchertribüne des Bundestags hat die 59-Jährige zuvor die Debatte über die Zukunft von Organspenden in Deutschland verfolgt. Mehr als zwei Stunden dauert sie. Nach monatelangen Diskussionen soll eine Entscheidung in der so sensiblen Frage für Millionen Menschen her. Es geht um Selbstbestimmung und Solidarität. Es geht um die heikle Frage, ob es einen radikalen Neustart geben soll, um zu mehr Spenden zu kommen.

Das Ergebnis ist dann klarer, als manche erwartet hatten. Mit 292 zu 379 Stimmen scheitert der Vorstoß einer Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der eine kleine Revolution bedeutet hätte: Bisher sind Organentnahmen nur bei ausdrücklich erklärtem Ja zulässig. Künftig sollte es umgekehrt sein: Alle sind erst einmal Organspender, außer man sagt ausdrücklich Nein. Darauf hat auch Barbara Backer gehofft, die 2004 eine Leber transplantiert bekam. Sie setzt sich als Chefin des Vereins «Organtransplantierte Ostfriesland» auch politisch für mehr Organspenden ein und betreut Wartepatienten, Transplantierte, Angehörige und Freunde.

«Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht für diese Leute», sagt auch Marius Schaefer. Der 19-jährige aus dem Sauerland sitzt mit Mundschutz neben seinem Vater. Vater und Mutter hatten Marius als Elfjährigem das Leben gerettet - jeder gab einen Teil der Lunge. Die vielen Betroffenen, die auf ein Organ warten, hätten auf diesen Tag gebaut, sagt er enttäuscht. «Das Recht auf Leben sollte deutlich mehr zählen, als das Recht darauf, unversehrt begraben zu werden.»

Am Rednerpult werden Mahnungen und Warnungen laut - oft in gegensätzlicher Stoßrichtung innerhalb einer Fraktion. So sagt der FDP-Abgeordnete Hermann Otto Solms, der die Spahn-Lösung unterstützt: «Auch das Recht auf Widerspruch ist gelebte Freiheit.» Seine Fraktionskollegin Christine Aschenberg-Dugnus entgegnet: «Das missachtet unseren gesellschaftlichen Konsens, dass Schweigen niemals als Zustimmung gewertet werden kann.»

Der Vorgänger von Spahn im Gesundheitsressort, Hermann Gröhe (CDU), mahnt: «Jeder Mensch hat ein Selbstbestimmungsrecht.» Das Recht auf körperliche Unversehrtheit dürfe nicht erst durch einen Widerspruch aktiviert werden. Spahn räumt ein, es sei eine Zumutung, wenn man widersprechen müsste, wolle man nicht Organspender sein. Die sei aber eine Zumutung, «die Menschenleben rettet».

Die Mehrheit bekommt der ebenfalls fraktionsübergreifende Vorschlag einer anderen Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Demnach sollen alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Ausweisabholen auf das Thema Organspende angesprochen werden. Sie sollen sich dann auch - was aber keine Pflicht sein wird - in ein neues Online-Register eintragen können. Es bleibt aber dabei: Wenn sie Organspender sein wollen, müssen die Bürger selbst aktiv werden und diesen Willen bekunden.

Die Atmosphäre im voll besetzten Bundestag ist an diesem Donnerstag fast andächtig. Von den 24 Rednern hat jeder fünf Minuten Zeit. Beide Seiten argumentieren grundsätzlich, ethisch, rechtlich. «Das, was ich will, das mir selbst zugute kommt, muss ich auch bereit sein, anderen zu geben», sagt Karl Lauterbach von der SPD, der mit Spahn schon jahrelang im Bundestag über Gesundheitspolitik verhandelt hat und in dieser Frage mit ihm einer Meinung ist. «Das ist in der Tradition der Aufklärung.» Dieses Modell gebe es in vielen anderen europäischen Ländern, wo es auch zu mehr Organspenden komme.

«Man verkennt damit die Realität hier bei uns in Deutschland», entgegnet Baerbock. So könnten in anderen Ländern Organe auch bei einem Herztod entnommen werden, nicht nur bei Hirntod wie in Deutschland. Und vor allem gelte in Deutschland das Grundgesetz - und daraus abgeleitet das Recht auf Selbstbestimmung. «Eine Spende muss eine Spende bleiben - ein aktiver, freiwilliger und selbstbestimmter Akt von Menschen, die in einem Höchstmaß von Solidarität anderen Menschen etwas geben.» Schweigen dürfe niemals als Zustimmung gewertet werden - so argumentieren die Befürworter des Entwurfs, der am Schluss die Mehrheit bekommt.

Besonders ruhig wird es immer dann, wenn die Abgeordneten von Betroffenen berichten. Über den einjährigen Daniel in München, der schon seit 420 Tagen auf ein Spenderherz wartet. Oder über das neunjährige Mädchen, deren Leben und das ihrer Familie sich seit fast zwei Jahren in dem winzigen Umkreis rund um die Herzmaschine in einer Hamburger Klinik abspielt.

Als die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann auf einen ehemaligen Mitarbeiter zu sprechen kommt, kann man fast eine Stecknadel fallen hören: Gerade 33 Jahre alt und frisch Vater geworden, habe dieser eine lebensgefährliche Diagnose bekommen. Er hat dann drei Monate lang auf den lebensrettenden Anruf für eine Organspende gewartet. «Aber der Anruf kam nicht.» Der Mann starb. «Deswegen bitte ich inständig heute für diese Lösung zu stimmen ? für alle die noch warten», sagt sie in die Stille des Plenums hinein.

Die von Connemann favorisierte Widerspruchslösung kommt nun nicht. Lauterbach rechnet damit, dass die Debatte darüber in ein paar Jahren wieder geführt werden wird, weil seiner Ansicht nach mit der jetzt gefundenen Lösung «die Spenderzahlen nicht besser werden». Doch wer weiß. Spahn zeigt sich versöhnlich: «Ich würde gern eines Besseren belehrt werden, dass es uns gelingt, tatsächlich die Zahl der Organspenden signifikant zu erhöhen.»

Gesundheit / Bundestag / Wissenschaft / Deutschland
16.01.2020 · 16:08 Uhr
[32 Kommentare]
US-Generalstabschef Caine
Washington (dpa) - US-Generalstabschef Dan Caine hat Präsident Donald Trump und dessen Team Medienberichten zufolge vor Risiken eines Militäreinsatzes im Iran gewarnt. Demnach sieht er insbesondere die Gefahr, in einen langwierigen Konflikt verwickelt zu werden und nicht genügend Unterstützung von Verbündeten zu bekommen. Auf entsprechende Berichte von […] (00)
vor 13 Minuten
Radiohead scheinen neue Projekte in Arbeit zu haben.
(BANG) - Radiohead scheinen neue Projekte in Arbeit zu haben. Fans sind in Aufruhr, nachdem alle fünf Mitglieder der legendären Band offiziell als Direktoren eines neu gegründeten Unternehmens aufgeführt wurden, das den vielsagenden Namen 'Futile Endeavours Limited' trägt. Wie aus Einträgen im britischen Handelsregister hervorgeht, wurden Thom Yorke, […] (00)
vor 15 Stunden
Sodastream – ENSO und Fizz&go überzeugen durch Qualität und Innovation
Der ikonische Premiumwassersprudler Sodastream ENSO und die stylish-praktische Metallsprudlerflasche Sodastream Fizz&go überzeugen auf ganzer Linie – das ist das Ergebnis des diesjährigen Kitchen Innovation Awards. Beide Produkte wurden jetzt mit dem begehrten Konsumentenpreis ausgezeichnet. Der Wassersprudler Sodastream ENSO erhielt zusätzlich den […] (00)
vor 1 Stunde
„Alles ist eine Xbox“ kam intern schlecht an – Bericht belastet Ex-Führung
Bei Microsoft weht ein neuer Wind. Nach dem überraschenden Abgang von Phil Spencer und dem Rücktritt von Sarah Bond steht die Xbox-Sparte vor einem Neustart. Doch ein aktueller Bericht von „The Verge“ sorgt nun für zusätzliche Brisanz. Demnach war die viel diskutierte Strategie „Everything is an Xbox“ intern deutlich umstrittener, als viele gedacht […] (00)
vor 9 Stunden
Hulu bestellt «The X-Files»-Pilot von Ryan Coogler
Die Wahrheit ist wieder da draußen: Reboot mit Danielle Deadwyler in Planung. Hulu hat offiziell einen Pilotfilm für eine Neuauflage von The X-Files bestellt. Hinter dem Projekt steht Regisseur und Produzent Ryan Coogler mit seiner Produktionsfirma Proximity Media. Die Hauptrolle übernimmt Danielle Deadwyler. Mit der Pilotbestellung nimmt das lange diskutierte Reboot der Kultserie konkrete […] (00)
vor 1 Stunde
dpa Chefredaktionskonferenz
Berlin (dpa) - Für Rudi Völler ist die schwelende Debatte um einen Boykott der Fußball-WM in den USA «sinnlos». Bei der dpa-Chefredaktionskonferenz in Berlin sagte der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bunds zu dem Thema: «Es ist sinnlos, das zu diskutieren. Es bringt nichts und du schadest nur den Athleten.» Völler verwies auf seine Erfahrungen als […] (02)
vor 13 Stunden
Kahlschlag-Plan für Deutschland: Wirtschaftsweiser fordert radikalen Stopp für Staatsdiener
Die fetten Jahre sind vorbei, und die Quittung für die Versäumnisse der Politik fällt so drastisch aus wie selten zuvor. In einer Phase, in der die deutsche Wirtschaft kaum noch Lebenszeichen von sich gibt, blasen führende Ökonomen zum Frontalangriff auf den Apparat. Was Ifo-Präsident Clemens Fuest vorschlägt, gleicht einer Schocktherapie für den […] (00)
vor 1 Stunde
Cyber Resilience Act – neue Herausforderungen in der Entwicklung vernetzter Produkte
Lübeck, 24.02.2026 (PresseBox) - Mit den neuen Regulierungen macht die EU beim Thema Cybersicherheit Ernst – Anforderungen sind jetzt klarer strukturiert, auf mehr Bereiche ausgeweitet und Sanktionen verschärft. So soll der Binnenmarkt insgesamt resilienter werden und zukünftig handlungsfähig bleiben. Der CRA gilt für alle verkauften Produkte mit […] (00)
vor 1 Stunde
 
Spielendes Kind (Archiv)
Erfurt - SPD-Bildungspolitiker aus den fünf ostdeutschen Bundesländern appellieren an […] (00)
Epstein-Skandal - Lord Mandelson
London (dpa) - Der im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal festgenommene britische […] (00)
Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Würzburg (dpa) - Die katholische Kirche in Deutschland bekommt ein neues Gesicht: Die […] (00)
Ukraine-Krieg - von der Leyen besucht Kiew
Kiew (dpa) - EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António […] (03)
Bevölkerung ist für hybride Angriffe kaum gewappnet
Ob IT-Störung bei der Bahn durch Cyberangriffe oder Stromausfall nach der Sabotage […] (00)
Ein Hai ist mit einem Peilsender versehen
Park City/Berlin (dpa/tmn) - «Contender» sorgt für Medienrummel. Mit über vier Metern […] (00)
Gas-Gigant Air Liquide zündet den Turbo: Rekord-Dividende trotz Umsatz-Flaute
In den Pariser Büros von Air Liquide knallen die Korken, doch der Grund ist keine rauschende […] (00)
Peter Attia verlässt CBS News nach Epstein-Kontroverse
Der Longevity-Experte scheidet als Contributor aus. Peter Attia ist nicht länger Mitwirkender […] (00)
 
 
Suchbegriff