Brückeneinsturz: Ursachensuche und Schuldzuweisungen

17. August 2018, 18:31 Uhr · Quelle: dpa

Genua/Rom (dpa) - Der Einsturz der Autobahnbrücke in Genua mit mindestens 38 Toten wurde möglicherweise durch den Riss eines Tragseils verursacht. Darauf deuten erste, vorsichtige Experteneinschätzungen und Zeugenaussagen hin.

Die Regierung in Rom hat derweil den Druck auf den Autobahnbetreiber verstärkt und droht mit Konsequenzen. Der offiziellen Trauerfeier am Samstag wollen viele Angehörige aus Ärger über die Regierung fern bleiben. In Krankenhäusern liegen noch zehn Verletzte, sechs von ihnen sind nach Angaben der Präfektur in kritischem Zustand. Fünf Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet, wie die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf den Zivilschutz berichtete.

Ein Seilriss als Unglücksursache sei «eine ernste Arbeitshypothese», auch wenn es nach drei Tagen erstmal nur eine Hypothese sei, sagte der Professor für Stahlbetonbau an der Universität Genua, Antonio Brencich, am Freitag. Brencich gehört einer vom Verkehrsministerium eingesetzten Unfallkommission an. Die Zeitung «La Repubblica» (Freitag) zitierte Augenzeugen, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben. Das in Rom erscheinende Blatt berichtete außerdem, dass eine Studie des Polytechnikums Mailand schon 2017 Schwächen an den Seilen entdeckt habe.

Der vierspurige, etwa 1200 Meter lange Polcevera-Viadukt setzt sich aus drei Einzelbrücken zusammen, von denen eine am Dienstag einstürzte. Die von den Pylonen zum Fahrbahnträger reichenden Stahlseile sind in eine Betonummantelung eingeschlossen. Diese soll vor Korrosion schützen.

Das italienische Verkehrsministerium leitete eine Untersuchung der privaten Betreibergesellschaft Autostrade per l'Italia ein. Sie forderte sie am Donnerstagabend auf, binnen 15 Tagen nachzuweisen, dass sie all ihren Instandhaltungspflichten nachgekommen sei. Die Gesellschaft müsse außerdem bestätigen, dass sie den Viadukt auf eigene Kosten vollständig wiederaufbauen werde. Der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toto, und Verkehrsstaatssekretär Edoardo Rixi erklärten laut Ansa, Genua werde schon nächstes Jahr eine neue Autobahnbrücke haben. «Die Gesellschaft Autostrade wird sie bezahlen. Wer sie baut, werden wir abwägen», sagte Rixi.

Am Samstag (11.30 Uhr) findet in Genua eine Trauerfeier statt, an der Ministerpräsident Giuseppe Conte und Genuas Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, teilnehmen. Laut Presseberichten wollen aber die Angehörigen von 17 der 38 Opfer aus Verärgerung über die Regierung der Feier fern bleiben, weitere 7 hielten sich die Absage offen. «Es ist der Staat, der dies verursacht hat, die sollen sich hier nicht sehen lassen. Das Schaulaufen der Politiker war eine Schande», zitierte die Turiner Zeitung «La Stampa» die Mutter eines Opfers. «Wir wollen hier keine Farce von einer Beerdigung, sondern eine Feier zuhause», sagte ein Vater.

Italiens Arbeitsminister und Vize-Premier Lugi di Maio drohte am Freitag der Autobahngesellschaft zum wiederholten Male mit Lizenzentzug. Es gebe einen «sicheren politischen Willen» dazu. «Diese Leute machen so weiter, Maut zahlen zu lassen, ohne eine ordentliche und außerordentliche Instandhaltung zu leisten, und jetzt ist es Zeit, basta zu sagen», polterte der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung. Di Maios Koalitionspartner, der Chef der rechten Lega-Partei und Innenminister Matteo Salvini zeigte sich gemäßigter. «Über Konzessionen, Strafen und Spitzfindigkeiten reden wir von kommende Woche an», zitierte ihn Ansa.

Italienische Einsatzkräfte bargen am späten Donnerstagabend die auf den Resten der Brücke noch stehenden Fahrzeuge. Darunter war auch der grüne Lastwagen, dessen Fahrer bei der Katastrophe am Dienstag wenige Meter vor der Abbruchstelle bremsen konnte.

Die süditalienische Stadt Benevento sperrte als Konsequenz aus dem Genua-Unglück eine ihrer Brücken für den Verkehr. Es handle sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die möglicherweise zu Staus führen könne, schrieb Bürgermeister Clemente Mastella bei Facebook. Doch die Brücke werde erst wieder öffnen, wenn ein Expertenteam ihre Stabilität geprüft habe. Wie das am Dienstag in Genua eingestürzte Viadukt ist auch die in den 50er Jahren erbaute San-Nicola-Brücke in Benevento das Werk des Ingenieurs Riccardo Morandi (1902-1989). Auch andere Städte in Italien haben Prüfungen von Morandi-Brücken angekündigt, darunter Rom, Florenz und Agrigent auf Sizilien.

Am Samstag will ganz Italien seine Trauer zeigen. An allen Flughäfen des Landes soll es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute geben. Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr gehen am Kolosseum ebenso wie am Trevibrunnen und dem Rathaus auf dem Kapitol die Lichter aus, die diese historischen Bauwerke in Rom gewöhnlich nachts anleuchten.

In der italienischen Fußballliga werden zum Saisonauftakt die Spiele der beiden Erstligisten aus Sampdoria und CFC Genua verschoben. In den übrigen Liga-Begegnungen soll es eine Schweigeminute vor Spielbeginn geben, und die Spieler sollen Trauerflor tragen.

Als Zeichen der Solidarität mit Italien lässt die EU-Kommission am Samstag vor ihren Gebäuden halbmast flaggen. Auch im Fürstentum Monaco wird halbmast geflaggt. Dessen Herrscherfamilie Grimaldi hat ihre Wurzeln in Genua.

Notfälle / Verkehr / Genua / Italien / Brücke / Brückeneinsturz / Tragseil / Italien
17.08.2018 · 18:31 Uhr
[4 Kommentare]
US-Präsident Trump
Washington (dpa) - US-Präsident Donald Trump hat dem Iran mit einer schnellen Zerstörung aller Brücken und Kraftwerke gedroht, sollte Teheran nicht rechtzeitig einlenken. Der Republikaner sagte im Weißen Haus, dass die USA nach Ablauf seines Ultimatums innerhalb von vier Stunden eine «völlige Zerstörung» herbeiführen könnten. Die Frist, die er Teheran […] (13)
vor 2 Minuten
Quantenphysik schlägt künstliche Intelligenz — mit nur neun Atomen
Wer mehr Rechenleistung braucht, baut größere Systeme — so lautet die Grundannahme, auf der ein großer Teil der modernen Computerentwicklung beruht. Mehr Schichten, mehr Verbindungen, mehr Energie. Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Physical Review Letters, stellt diese Logik grundsätzlich infrage. Ein Forschungsteam hat […] (00)
vor 4 Stunden
Review: Reolink Duo 3V PoE – statische Überwachung mit Dual-Kamera
Die Reolink Duo 3V PoE fällt schon beim ersten Blick aus dem Rahmen klassischer Überwachungskameras. Sie verzichtet auf ein einzelnes Objektiv und setzt stattdessen auf ein Dual-Lens-System, das zwei separate Kameras zu einem 180°-Panoramabild kombiniert. Das ist keine Spielerei: Die Kamera zielt darauf ab, maximale Flächen mit minimaler Hardware […] (00)
vor 1 Stunde
Super Mario Galaxy-Film sprengt Kino-Rekorde – Milliarden-Erfolg zeichnet sich ab
Was gerade im Kino passiert, fühlt sich fast unwirklich an. Der neue Super Mario-Film startet und bricht direkt Rekorde. Innerhalb weniger Tage katapultiert sich der Animations-Hit an die Spitze der weltweiten Kinocharts und zeigt einmal mehr, wie stark diese Marke wirklich ist. Mit einem globalen Einspielergebnis von rund 345 Millionen Euro (372,5 […] (00)
vor 24 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 9 Stunden
Daniel Altmaier
Monte-Carlo (dpa) - Tennisprofi Daniel Altmaier hat sein Auftaktmatch beim Masters-1000-Turnier in Monte-Carlo verloren. Der Deutsche unterlag dem Tschechen Tomas Machac in einer umkämpften Partie mit 4: 6, 6: 1, 3: 6. Nach verlorenem ersten Satz zeigte sich Altmaier stark verbessert. Nach einem schnellen Break zum 3: 1 wehrte er in einem umkämpften […] (00)
vor 3 Stunden
Trumps 1,5-Billionen-Beben: Der totale Vernichtungsschlag gegen den Sozialstaat
Der fiskalische Urknall kam ohne Vorwarnung, aber mit der Präzision einer lasergesteuerten Rakete. Donald Trump hat dem Kongress ein Budget-Diktat vorgelegt, das die Koordinaten der Weltmacht USA verschieben soll. 1,5 Billionen Dollar – eine Zahl mit zwölf Nullen –, die allein in die nationale Verteidigung fließen sollen. Es ist die größte […] (00)
vor 1 Stunde
Veranstaltungstipp – Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen und freier Eintritt
Mainz, 06.04.2026 (lifePR) - Wir laden Familien herzlich zu einer gemeinsamen Entdeckungstour durch die Kunsthalle ein. Hier gibt es immer etwas anderes zu erleben. Gemeinsames Rätseln, Forschen oder Zeichnen vor den Kunstwerken – mach einfach mit! Der Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen findet am Sonntag, den 19/04 um 14 Uhr statt und ist Teil des Programms  Freistunden. Im Rahmen der  […] (00)
vor 3 Stunden
 
Kläranlage (Archiv)
Berlin - Umweltminister Carsten Schneider (SPD) will, dass die Pharma- und […] (04)
Thomas Erndl (Archiv)
Berlin - Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Thomas Erndl (CSU), […] (02)
Yasmin Fahimi (Archiv)
Berlin - Der DGB ruft die Bundesregierung zu gemeinsamen Gesprächen über das geplante […] (01)
Mann stirbt nach Polizeischüssen bei Verfolgungsfahrt
Saarbrücken (dpa) - Ein junger Mann ist bei einer Verfolgungsfahrt in Saarbrücken […] (01)
kostenloses stock foto zu banknoten, bargeldlose gesellschaft, berlin
Nach einem ruhigen Wochenende ohne nennenswerte Kursbewegungen kehrte die Volatilität […] (00)
Cleveland Cavaliers - Indiana Pacers
New Orleans (dpa) - Die Orlando Magic um Basketball-Nationalspieler Franz Wagner […] (02)
Starfield DLC verrät neue Stadt – Fans hoffen auf echten Neustart
Es fühlt sich fast wie ein versteckter Blick hinter die Kulissen an: Neue […] (00)
BET startet Creator Studio mit «The Jason Lee Show»
Die neue Digitalplattform setzt auf Creator-getriebenen Content und feiert im April ihren […] (00)
 
 
Suchbegriff