Umstrittene Tier-Shows

Boxen statt Baumkronen: Orang-Utans als Touristenattraktion

04. März 2026, 08:00 Uhr · Quelle: dpa
Orang-Utans als Touristenattraktion in Thailand
Foto: Carola Frentzen/dpa
Orang-Utans boxen in einem Freizeitpark nahe Bangkok.
Orang-Utans im Leoparden-Slip oder im Boxring: Was bei Tierschützern Entsetzen auslöst, gehört in Teilen Asiens zum Alltag in umstrittenen Vergnügungsparks. Was Touristen über die Shows wissen müssen.

Bangkok (dpa) - Um zehn Uhr morgens findet nahe Bangkok ein Boxkampf statt. Hunderte Zuschauer drängen sich vor der Bühne, viele haben schon die Handy-Kamera gezückt. Aber in den Ring im thailändischen Vergnügungspark Safari World steigen keine Menschen, sondern zwei Orang-Utans. Die Besucher, darunter viele Kinder, klatschen und lachen.

«Denen würde das Lachen vergehen, wenn sie das Leid und die Folter sehen könnten, die diese gebrochenen Menschenaffen durchmachen», sagt Daniel Merdes, Geschäftsführer der Tierschutz-Stiftung BOS Deutschland (Borneo Orangutan Survival). Kürzlich machte er sich im Nachbarland Kambodscha selbst ein Bild von den umstrittenen Shows.

Im dortigen Phnom Penh Safari Park wird immerhin nicht mehr geboxt. Doch es geht kaum weniger fragwürdig zu: «Ohrenbetäubende Musik, oftmals rhythmisch, weil die weiblichen Orang-Utans sexualisierende Popobewegungen machen müssen», erzählt er. «Das Publikum tobte, darunter nicht wenige westliche Touristen.»

Was die meisten Besucher wohl nicht wissen: Die faszinierenden Menschenaffen teilen 97 Prozent ihres Erbguts mit uns Menschen. Aber sie sind keine Menschen. Die intelligenten Primaten sind wilde Tiere, geschaffen für ein Leben in den Baumwipfeln des Urwalds.

Beton statt Schlafnester

Stattdessen werden sie in südostasiatischen Parks zur Belustigung des Publikums für entwürdigende Shows dressiert. Statt in selbst gebauten, bequemen Schlafnestern verbringen sie ihre Nächte auf kaltem Betonboden.

«Sex sells», das wissen auch die Macher in Safari World Bangkok. Ein Weibchen zieht auf Kommando den roten Rock hoch, darunter ein Slip im Leopardenmuster. In aufreizender Pose und mit expliziten Gesten rekelt sie sich auf dem Bühnenboden. Dann startet der Boxkampf.

Zwei Orang-Utans tapsen in engen Sporthosen und Boxhandschuhen in den Ring, angefeuert von Animateuren. Die Menschenaffen schlagen einstudierte Haken, werfen sich theatralisch zu Boden. Schließlich reißt der vermeintliche Sieger die Arme in die Höhe. Aber Sieger sind hier nur die Betreiber, bei denen jeden Tag die Kasse klingelt.

Tierschützer appellieren an Touristen

Auf seiner Webseite wirbt der private Park mit «Unterhaltung pur» und «einer Show mit einem fantastischen Preis-Leistungs-Verhältnis, bei der Sie sich vor Lachen auf dem Boden wälzen werden.» Von der Kritik der Tierschützer zeigt man sich unbeeindruckt.

«Orang-Utans gehören in die Baumkronen des Regenwaldes – nicht in Boxringe oder auf Bühnen, wo sie erniedrigende Kunststücke vorführen», sagt Jason Baker, Präsident der Tierrechtsorganisation PETA Asien – und appelliert an Touristen, Einrichtungen zu meiden, die Tiere zur Unterhaltung missbrauchen. «Solche Shows wären in Ländern wie Deutschland illegal», betont er.

Wer dafür bezahle, mit Wildtieren in Kontakt zu treten, unterstütze die schmerzhafte Trennung von ihren Familien und die lebenslange Gefangenschaft. Auch andernorts können Touristen gegen Bares mit den Menschenaffen interagieren – etwa im Bali Zoo, wo für umgerechnet 35 Euro ein Frühstück mit Orang-Utans angeboten wird, oder im The Zoo Wildlife Park in Dubai.

Habouba: Social-Media-Star in Dubai 

Hier ist das Weibchen Habouba der Star – mittlerweile auch in sozialen Netzwerken. Merdes war vor Ort und spricht von «einem unerträglichen Schicksal». Ständig müsse sie für Fotos posieren, werde angefasst, müsse Händchen halten. Belohnt werde sie mit billigen Tütensuppen. «Könnte diese übergewichtige Affendame je wieder lernen, auf Bäume zu klettern und Nahrung zu finden?», fragt sich der Tierschützer.

Die faszinierenden «Waldmenschen» sind vom Aussterben bedroht und leben in der Wildnis nur noch auf den Inseln Borneo und Sumatra. Jeden Tag verlieren sie ein Stück mehr ihres Dschungelreichs. Gerodet wird vor allem für Palmöl, aber auch illegaler Schmuggel setzt der Population schwer zu.

Die meisten Orang-Utans in den Shows und Parks – oder ihre Mütter und Väter – seien gewaltsam ihrer Heimat entrissen worden, teilte BOS zuletzt mit. Sie sind Opfer des Wildtierhandels, ein organisiertes Verbrechen, das laut Interpol jährlich bis zu umgerechnet 17 Milliarden Euro einbringt. Damit gehört es zu den lukrativsten Verbrechen überhaupt.

Freiheit lernen in der «Waldschule»

«Das Leid der Menschenaffen in solchen Touristenattraktionen und privaten Zoos kann nur gestoppt werden, wenn sich damit kein Geld mehr verdienen lässt», ist Merdes überzeugt. Nur mit großem Einsatz und viel Glück könne es gelingen, Orang-Utans zu befreien und in ihre Heimat Borneo zurückzubringen. BOS betreibt dort «Waldschulen», in denen aus Gefangenschaft gerettete Orang-Utans auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden. Denn viele kennen den Dschungel gar nicht.

So wie Kapuan. Sie war 2004 nach massivem Druck von Tierschützern gemeinsam mit Dutzenden weiteren Orang-Utans in Safari World konfisziert worden. 47 Tiere wurden zwei Jahre später in ihre Heimat Borneo geflogen. Kapuan musste in der BOS-Waldschule alles neu lernen – sie kannte ja nur das Dasein als Attraktion in Thailand, mit Gewalt gefügig gemacht und verhöhnt.

Aber es gibt auch noch gute Nachrichten: Im November konnte die Orang-Utan-Frau im Alter von 26 Jahren endlich ausgewildert werden und lebt nun selbstbestimmt im Regenwald. Nach fast 20 Jahren Rehabilitation. Eine Zahl, die nachdenklich stimmen sollte.

Tier / Tourismus / Thailand / Kambodscha / Orang-Utans / Tierschutz / Wildtierhandel
04.03.2026 · 08:00 Uhr
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