Bitterer Streit zwischen Israel und Polen über Holocaust

28. Januar 2018, 14:28 Uhr · Quelle: dpa

Jerusalem/Warschau (dpa) - Zwischen Polen und Israel ist ein ungewöhnlich bitterer und emotionaler Streit über die Mitschuld von Polen an der Ermordung von Juden während des Holocaust ausgebrochen. Auslöser ist eine verschärfte polnische Strafvorschrift.

Demnach soll die historisch falsche Bezeichnung «polnische Todeslager» für deutsche Vernichtungslager der Nazis im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs künftig mit Geldstrafen oder Gefängnis von bis zu drei Jahren bestraft werden.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies das Gesetz in scharfer Form zurück: «Geschichte kann nicht geändert werden und der Holocaust darf nicht geleugnet werden», sagte er. Israels Botschafterin in Warschau habe am Rande einer Gedenkzeremonie mit Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki darüber gesprochen. Israel bestehe auf einer Änderung des Gesetzesentwurfs. Polens Vize-Botschafter in Israel wurde ins Außenministerium einbestellt.

Die israelische Zeitung «Haaretz» fasste die Befürchtungen so zusammen: Theoretisch könne ein in Israel lebendes Familienmitglied eines jüdischen Holocaust-Überlebenden wegen der Aussage «Polen waren im Holocaust an der Ermordung meines Großvaters beteiligt» oder «Meine Mutter wurde in einem polnischen Vernichtungslager ermordet», in Polen ins Gefängnis kommen. Israelische Führer von Reisegruppen zu den Gedenkstätten in Polen äußerten die Sorge, sie könnten dort künftig strafrechtlich verfolgt werden.

Der polnische Außenminister Jacek Czaputowicz äußerte Verständnis für die Kritik in Israel. «Manche Formulierungen könnten missverständlich sein», räumte er in einem TV-Interview ein. Es gehe Polen nicht darum, wissenschaftliche oder künstlerische Diskussionen über den Holocaust zu verbieten. Man wolle «sich nur gegen unwahre Schuldzuweisungen wehren, als ob Vernichtungslager in Polen von Polen selbst errichtet worden wären. «Ich denke, dass Polen in der Welt Verbrechen zugeschrieben werden, die nicht Polen begangen hat.»

Polens Regierungschef Morawiecki hatte das Gesetz zuvor noch wesentlich robuster verteidigt. Bei der traditionellen Gedenkveranstaltung mit Überlebenden auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau erinnerte er am Samstag an die dort ermordeten Opfer der NS-Verbrechen und wies betont deutlich darauf hin, dass die Täter Deutsche waren. Dem ließ er Samstagabend noch eine klare Twitter-Nachricht folgen: «Auschwitz-Birkenau ist kein polnischer Name, und «Arbeit macht frei» ist kein polnischer Satz.»

Den härtesten Schlagabtausch gab es mit dem Chef der israelischen Zukunftspartei und Knesset-Abgeordneten Jair Lapid. «Ich verurteile in aller Schärfe dieses Gesetz, das die polnische Mittäterschaft im Holocaust leugnet», schrieb er. «Er (der Holocaust) wurde in Deutschland erdacht, aber Hunderttausende Juden wurden umgebracht, ohne je einen deutschen Soldaten getroffen zu haben.» Er fügte hinzu: «Es gab polnische Todeslager, und kein Gesetz kann das ändern.» Daraufhin habe die polnische Botschaft per Twitter geantwortet: «Ihre unerträglichen Behauptungen zeigen, wie dringend notwendig Holocaust-Unterricht ist, sogar hier in Israel.»

Lapid verbat sich diesen Hinweis. «Ich bin Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Meine Großmutter wurde in Polen von Deutschen und Polen ermordet. Ich brauche keine Holocaust-Belehrung von Ihnen.» Dann schaltete sich auch das israelische Außenministerium ein: «Es steht niemandem zu, den Familien von Holocaust-Überlebenden, die jeden Tag mit der Erinnerung an ihre im Inferno umgekommenen Lieben leben müssen, Lehren zu erteilen.»

Israels Bildungsminister Naftali Bennett wies alle Schulen an, die Rolle europäischer Nationen einschließlich Polens bei der Ermordung von Juden im Unterricht zu vermitteln. «Es ist eine historische Tatsache, dass viele Polen bei der Ermordung von Juden geholfen haben, sie ausgeliefert haben, sie selbst während und nach dem Holocaust ermordet haben», zitierte ihn die Zeitung. «Es ist auch eine historische Tatsache, dass die Deutschen die Todeslager in Polen ausgedacht, geplant und gebaut haben. Das ist die Wahrheit und kein Gesetz kann dies ändern.»

Auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem warnte, das polnische Gesetz könne die «historische Wahrheit über die Mithilfe verwischen, die Deutsche beim Holocaust von der polnischen Gesellschaft erhielten». Beschränkungen von Aussagen über eine direkte oder indirekte Mittäterschaft des polnischen Volkes an den Verbrechen in ihrem Land während des Holocaustes seien eine ernsthafte Verdrehung der Geschichte.

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin warnte vor einer Verfälschung der Geschichte. «Auch unter den Polen gab es solche, die den Nazis bei ihren Verbrechen geholfen haben», sagte er. «Jedes Verbrechen, jedes Vergehen muss verurteilt werden.»

Am Samstag wurde aus Anlass des internationalen Holocaust-Gedenktages der Opfer gedacht. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Truppen das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Allein dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet worden.

Geschichte / Polen / Israel / Deutschland
28.01.2018 · 14:28 Uhr
[8 Kommentare]
EU ebnet Weg für Abschiebezentren
Straßburg (dpa) - Die Europäische Union ebnet den Weg für Rückkehrzentren in Drittstaaten und weitere Verschärfungen von Asylregeln. Das teilten Vertreter des Europäischen Parlaments nach Verhandlungen mit Vertretern der Mitgliedstaaten mit. «Alle noch offenen politischen Fragen wurden ausführlich erörtert und vorläufig vereinbart» – mit Ausnahme der […] (00)
vor 6 Minuten
Rumer Willis
(BANG) - Rumer Willis sagt, ihr Vater Bruce Willis habe im Zuge seiner Demenzerkrankung eine neue "Sanftheit" entwickelt. Der 'Stirb langsam'-Darsteller erhielt im Februar 2023 die Diagnose frontotemporale Demenz, nachdem zuvor bereits im März 2022 Aphasie bei ihm festgestellt worden war. Seine älteste Tochter aus der Ehe mit Demi Moore berichtet nun, […] (00)
vor 2 Stunden
Das 35-Millionen-Beben: Berliner Fintech-Geheimplan versetzt die europäische Finanzelite in Aufruhr
Die europäische Wagniskapital-Szene blickt wie gebannt nach Berlin, wo sich inmitten des sonst so zurückhaltenden Marktes ein technologischer Umsturz vollzieht. Während viele Startups um jeden Cent kämpfen müssen, sichert sich das junge Fintech Bunch eine Finanzierungsspritze von stolzen 35 Millionen US-Dollar. Es ist ein unmissverständliches […] (00)
vor 1 Stunde
Die Rolle von Casinos in der regionalen Wirtschaft wird seit Jahren intensiv diskutiert, doch aktuelle Studien aus den Jahren 2024 bis 2026 zeigen deutlicher denn je, welchen konkreten Einfluss diese Einrichtungen auf lokale Märkte haben. Während Casinos lange Zeit vor allem als Freizeitangebote betrachtet wurden, rückt heute ihre Funktion als […] (00)
vor 2 Stunden
Caterina Preti soll RTL und Sky Österreich enger verzahnen
Im Fokus der zukünftigen Strategie stünden insbesondere der Ausbau des Streaming-Geschäfts, die Markteinführung von WOW im Herbst 2026. RTL Deutschland gibt bekannt, dass Caterina Preti (38) mit Wirkung zum 1. Juni 2026 die Position des Managing Director von Sky Österreich übernehmen wird. In ihrer neuen Rolle wird sie die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens verantworten und die […] (00)
vor 1 Stunde
Joshua Kimmich
Frankfurt/Main (dpa) - Ein Herz für Rudi Völler vom Bundestrainer und eine Liebeserklärung von Lina Kimmich für ihren Ehemann Joshua: Wenige Stunden, bevor Julian Nagelsmann bei einer Pressekonferenz um 13.00 Uhr auf dem DFB-Campus die 26 WM-Fahrer offiziell benennt, stimmt der DFB mit emotionalen Video-Clips bei Instagram auf die WM-Nominierung ein. Als erster Spieler einer Serie von zwölf […] (00)
vor 2 Stunden
Online-Banking
Berlin (dpa) - Die Menschen in Deutschland blicken mit gemischten Gefühlen auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Finanzdienstleistungen. Nach einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sehen 56 Prozent den KI-Einsatz bei Themen wie Geldanlage, Finanzplanung oder Kreditberatung als Chance, während 40 Prozent ihn als Risiko […] (00)
vor 1 Stunde
CAD/CAM-Lösung hyperMILL für die Luft- und Raumfahrt
Weßling, 21.05.2026 (PresseBox) - OPEN MIND Technologies AG nimmt erstmals an der ILA in Berlin teil und zeigt, was die CAD/CAM-Suite  hyper MILL der Luft- und Raumfahrtbranche zu bieten hat. Am Stand 411 in Halle A demonstriert OPEN MIND, wie moderne CAD/CAM-Technologie die effiziente, präzise Fertigung komplexer Aerospace-Komponenten unterstützt und […] (00)
vor 1 Stunde
 
Ebola
Berlin (dpa) - Die Ehefrau und vier Kinder eines mit dem Ebola-Virus infizierten US- […] (01)
Industrieanlagen (Archiv)
Wiesbaden - Im 1. Quartal 2026 hat Deutschland im Warenhandel mit den USA einen […] (01)
Jörg Urban, Sabine Zimmermann und Michael Kretschmer (Archiv)
Dresden - Die AfD klettert in Sachsen laut einer neuen Insa-Umfrage auf einen neuen […] (01)
Phlegräische Felder
Neapel (dpa) - Die süditalienische Großstadt Neapel und ihre Umgebung sind von einem starken […] (00)
Damon Lindelof
(BANG) - Damon Lindelof hat verraten, warum er von einem 'Star Wars'-Projekt […] (00)
Das Starship der Raumfahrtfirma SpaceX
Austin (dpa) - Vor dem geplanten Rekord-Börsengang von SpaceX zeigen frisch […] (00)
GTA 6 Trailer 3 bleibt offenbar weiter aus – auch Vorbestellungen fehlen
In den vergangenen Tagen überschlugen sich die Gerüchte rund um GTA 6 Trailer 3. […] (00)
Deutschland - USA
Zürich (dpa) - Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft hat auch das vierte […] (01)
 
 
Suchbegriff