Analyse: Steuerbastion Schweiz bröckelt

01. Februar 2010, 23:26 Uhr · Quelle: dpa
Berlin (dpa) - Auf die Schweiz ist kein Verlass mehr. Nach der Liechtenstein-Affäre müssen Steuerhinterzieher fürchten, dass ihre krummen Geschäfte auch bei eidgenössischen Banken auffliegen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) winkt ein Geldsegen für die klamme Kasse. Experten warnen indes, der Staat werde mit dem Kauf gestohlener Daten zum Hehler.

Der eine oder andere Bürger könnte demnächst zusammenzucken, wenn es morgens an der Tür schellt. Sind die Steuerfahnder schon da? Oder doch nur der Stromableser? Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel kann ein Lied davon singen. Im Februar 2008 tauchten im Morgengrauen Polizisten und Staatsanwälte vor seiner Villa in Köln auf. Für seine Steuervergehen im Fürstentum Liechtenstein kam der einst hoch angesehene Topmanager am Ende mit einer Bewährungsstrafe davon - verlor aber Posten und Millionen.

Noch ist unklar, wie gut und belastbar die angebotenen Daten aus der Schweiz sind. Auch die Identität des Informanten, der 2,5 Millionen Euro Entlohnung fordert, liegt im Dunkeln. Eine erste Stichprobe mit fünf Verdächtigen soll ein Volltreffer gewesen sein. Schon wird spekuliert, dass der Fiskus bis zu 100 Millionen Euro nachträglich kassieren könnte.

Doch darf der Staat Kriminellen Material abkaufen? Erste Experten sagen Ja. Deutschlands oberster Datenschützer hat Bauchschmerzen. Grundrechte seien wichtiger als ein Steuersegen: «Es kann nicht Datenschutz nach Kassenlage betrieben werden», warnt Peter Schaar. Kaufe der Staat gestohlene Daten auf, bewege er sich in der Nähe eines Hehlers. Schaar dreht den Spieß um: Was wäre, wenn China versuchen würde, Daten in Deutschland lebender Dissidenten aufzukaufen?

Schon in der Liechtenstein-Affäre hatten Juristen wochenlang gestritten. Brisant war der Fall, weil der Bundesnachrichtendienst (BND) seine Finger im Spiel hatte. Ein Ex-Mitarbeiter der Vaduzer LGT-Bank bot den Schlapphüten mehrere DVDs mit den Namen von Deutschen an, von denen viele ihr Geld an der Steuer vorbei in Liechtensteiner Stiftungen angelegt hatten.

Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) genehmigte den Deal - und freute sich später: «Sensationell! Das war das Geschäft meines Lebens.» Für eine Investition von netto gut vier Millionen Euro nahm der Staat bislang über 100 Millionen Euro an Steuern ein. Später entschieden Gerichte, dass die Infos für die Strafverfahren verwertbar waren.

Doch Schäuble ist nicht Steinbrück. Die Darstellung, der Ball liege jetzt beim erfahrensten Mann im Merkel-Kabinett, wird im Finanzministerium energisch zurückgewiesen. Schäuble kenne den Fall (noch) gar nicht. Außerdem hätten die Länder in der Steuerfahndung den Hut auf.

In Regierungskreisen ist eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, ob der Fall wirklich so groß wird wie die Liechtenstein-Nummer. Die erste Stichprobe habe zwar reife Ergebnisse geliefert. Das müsse aber nichts bedeuten: «Es sind viele Trittbrettfahrer unterwegs.»

So wägen die Behörden derzeit das Risiko ab, dass unter den etwa 1495 Datensätzen viele Nieten sein könnten. Noch wichtiger ist eine saubere rechtliche Prüfung: «Machen wir einen Fehler, sind die Daten vor Gericht wertlos», sagt ein mit dem unmoralischen Angebot Vertrauter.

Steinbrück war nicht zimperlich, weil die Vaduzer Datensammlung ihm starke Munition zum Angriff auf das kleine Liechtenstein und alle Steueroasen bot. Erst drohte er den Eidgenossen mit Zuckerbrot und Peitsche, dann mit der Kavallerie von Fort Yuma, die den Schweizern wie den Apachen am Colorado River mal zeigen müsse, wo's langgeht.

Von der schwarz-gelben Regierung sind so forsche Töne nicht zu erwarten. Unfreiwillig komisch ist, dass ausgerechnet die Verteidigungsminister als erste Promis das Wort ergriffen. Der Schweizer Ressortchef Ueli Maurer schickte via TV die Botschaft, Berlin möge mit einem so schmutzigen Handel das gegenseitige Vertrauen doch bitte nicht erschüttern. Der deutsche Amtschef Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war sogleich in Davos um Abrüstung bemüht. Der Einser-Jurist hält nichts vom Kauf gestohlener Daten.

Steinbrück muss man zugute halten, dass das Säbelrasseln - mit den USA an vorderster Front - erfolgreich war. Auf Druck der G20-Staaten lenkte die Schweiz ein und erfüllte alle Bedingungen, um von der Grauen Liste der Steueroasen gestrichen zu werden. Auch Österreich, Luxemburg und Belgien knickten ein. Zur Amtshilfe müssen die Schweizer Behörden nun auf bloßen Verdacht hin ihren deutschen Kollegen Namen und Bank von Kapitalanlegern übermitteln. Früher waren handfeste Indizien für einen Steuerbetrug erforderlich.

Doch ohne Insider-Tipps, die oft von frustrierten oder gefeuerten Bankmitarbeitern kommen, sind große Steuerfälle nur selten zu knacken. Bisher ist nicht bekannt, um welche Bank es in der Schweiz geht und woher die Kunden in Deutschland stammen. Das kommt den Steuerfahndern durchaus gelegen: «Es wäre ja nicht das Schlechteste, wenn ein paar Selbstanzeigen mehr hereinkommen», heißt es in der Finanzverwaltung.

Kriminalität / Steuern
01.02.2010 · 23:26 Uhr
[6 Kommentare]
Wolfgang Kubicki (Archiv)
Berlin - Der FDP-Politiker und Vorsitzkandidat Wolfgang Kubicki verwahrt sich gegen den Vorwurf des Rechtspopulismus. "Ich halte diese ganze Diskussion für komplett absurd", sagte er dem "Spiegel". "Ich kann Ihnen da wirklich nicht mehr weiterhelfen." Kubicki: "Wenn also der `Spiegel` jetzt der Auffassung ist, das Eintreten für Meinungsfreiheit wäre […] (00)
vor 6 Minuten
Joe Jonas
(BANG) - Joe Jonas erlebte "viele gemischte Emotionen", als die Jonas Brothers im vergangenen Jahr ihre 20-jährige Jubiläumstour abschlossen. Der 36-jährige Sänger stand gemeinsam mit seinen Brüdern Nick (33) und Kevin (38) für 74 Shows in Nordamerika auf der Bühne. Das große Finale fand im Dezember im New Yorker Barclays Center statt. Im Gespräch mit […] (00)
vor 1 Stunde
TSMC
Taipeh (dpa) - Der Boom in Künstlicher Intelligenz hat dem Chiphersteller Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) trotz der Konfliktlage im Nahen Osten im ersten Quartal satte Gewinne beschert. Wie der weltweit größte Auftragsfertiger für Halbleiter bekannt gab, stieg der Gewinn in den ersten drei Monaten verglichen mit demselben Vorjahreszeitraum um 58 Prozent.  TSMC ist ein wichtiger […] (00)
vor 1 Stunde
Das Inferno wütet über Bayou: Hunt Showdown 1896 lässt die Flammen los
Ein infernalisches Schauspiel bahnt sich an, das die ohnehin schon unerbittliche Welt von Hunt: Showdown 1896 in ihren Grundfesten erschüttern wird. Die lang ersehnte Rückkehr des Infernos steht bevor und taucht die verfluchten Bayous in ein gleißendes Flammenmeer, das Jäger und Gejagte gleichermaßen auf eine harte Probe stellen wird. Crytek enthüllt […] (00)
vor 21 Minuten
Anne Hathaway
(BANG) - Beyoncé half Anne Hathaway dabei, eine glaubwürdige Popstar-Performance für 'Mother Mary' zu entwickeln. Die US-Schauspielerin hörte zur Vorbereitung auf die Titelrolle in dem A24-Psychothriller wiederholt den Song 'American Requiem' aus dem Jahr 2024. Der Film erzählt von einer psychosexuellen Affäre zwischen der Popsängerin Mary und der […] (00)
vor 1 Stunde
Max Verstappen
Berlin (dpa) - Für den Frustabbau nimmt sich Max Verstappen eine weitere Formel-1-Auszeit auf dem Nürburgring. Bei zwei Sportwagenrennen am Wochenende testet der Niederländer noch einmal für den 24-Stunden-Klassiker im Mai und holt sich erneut den Fahrspaß, der ihm gerade in der Formel 1 fehlt. «Wenn man für 22 Rennen von zu Hause weg ist, dann muss man […] (00)
vor 2 Stunden
kostenloses stock foto zu 50 €, anlagestrategie, banknoten
Der S&P 500 erreichte am Mittwoch, den 15. April, mit einem Schlusskurs von 7.022 Punkten ein neues Allzeithoch und hat damit die Verluste, die durch den Konflikt zwischen den USA und Israel mit Iran entstanden waren, innerhalb weniger Wochen vollständig wettgemacht. Im Gegensatz dazu zeigt Bitcoin (BTC) kaum Bewegung. Der On-Chain-Analyst Darkfost […] (00)
vor 20 Minuten
Einsam oder allein?
St. Martin, 16.04.2026 (lifePR) - Einsamkeit stellt ein großes gesellschaftliches Problem dar, das keine Grenzen kennt und Menschen in jedem Alter, aus jedem Kulturkreis, mit unterschiedlichem Einkommen und unabhängig vom Geschlecht betrifft. Sie kann nicht nur Angstzustände und Depressionen auslösen, sondern auch chronische Erkrankungen wie Herz- […] (00)
vor 1 Stunde
 
Bundeswehr-Soldaten (Archiv)
Berlin - Aus Angst vor Spionageangriffen schränkt das Haus von Boris Pistorius (SPD) […] (00)
Iran-Krieg - Israel
Tel Aviv (dpa) - Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird nach […] (02)
Rathaus (Archiv)
München - Von den schuldenfinanzierten Mitteln des Sondervermögens Infrastruktur und […] (00)
Bedienung in einem Café (Archiv)
Berlin - Viele Mehrwertsteuer-Ausnahmen sind ökonomisch schädlich. Zu diesem Ergebnis […] (00)
Apple entfernt alte Pages, Keynote und Numbers Apps für macOS
Apple hat seine iWork-Reihe aufgeräumt und ältere Versionen der macOS-Apps Pages, […] (00)
Charlotte Hornets - Miami Heat
Charlotte (dpa) - Technische Probleme bei der NBA-Übertragung des Play-in-Spiels […] (01)
woman, crypto, bitcoin, digital, currency, coin, blockchain, happy, success, business
CredShields, ein auf Blockchain- und traditionelle Sicherheit spezialisiertes […] (00)
Taylor Swift
(BANG) - Taylor Swifts Hochzeitskleid soll Berichten zufolge von Dame Elizabeth […] (00)
 
 
Suchbegriff