Agentische KI: Der Einkauf der Zukunft steht vor der Tür

Europas Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten 2026 eine bahnbrechende Innovation im Online-Handel: Agentische KI, die in der Lage ist, selbstständig Einkäufe, Urlaubsbuchungen und andere Aufgaben zu übernehmen, wird den Markt revolutionieren. Erste Pilotprojekte sollen bereits im kommenden Jahr anlaufen, so Pascal Beij, Chief Commercial Officer von Unzer. Zahlreiche Akteure, darunter KI-Anbieter, große Technologiekonzerne aus den USA, Kreditkartenfirmen und Online-Portale, bereiten sich intensiv auf diesen Umbruch vor.
Die Tech-Branche unterscheidet agentische KI von der bisher verbreiteten generativen KI. Während Modelle wie ChatGPT bislang hauptsächlich Fragen beantworten und bei der Produktsuche unterstützen, werden KI-Einkaufsagenten eigenständig Bestellungen und Zahlungen abwickeln können. Nutzer hinterlegen ihre Zahlungsinformationen, müssen jedoch jede Transaktion letztlich freigeben, erklärt Beij.
Der Marktanteil dieser Technologie könnte in wenigen Jahren 20 bis 30 Prozent erreichen, obwohl unklar ist, wer sich als dominanter Anbieter etablieren wird. Visa, ein führender Akteur im Bereich Zahlungstechnologie, ist bereits gut positioniert. Der Deutschlandchef Tobias Czekalla betont die Analogie zur E-Commerce-Revolution der 1990er Jahre und sieht darin den Beginn einer neuen Ära, in der Maschinen erstmals für Menschen einkaufen. Dennoch bleibt der Endverbraucher der finale Entscheider, insbesondere bei Preisänderungen, die explizit kommuniziert werden.
Die Skepsis der Verbraucher stellt jedoch eine Herausforderung dar: Nur ein kleiner Prozentsatz ist bereit, der KI die vollständige Kaufabwicklung zu überlassen. Um die Technologie erfolgreich zu integrieren, ist Vertrauen von zentraler Bedeutung. Unternehmen wie Visa implementieren daher rigorose Sicherheitsmaßnahmen, um das Vertrauen von Verbrauchern und Händlern zu gewinnen. Dazu gehört auch die kryptografische Sicherstellung der Authentizität hinter KI-Agenten.
Agentische KI bietet nicht nur im Einzelhandel, sondern auch im B2B-Bereich Potenzial. IT-Experten prognostizieren eine breite Anwendung in verschiedenen Branchen, von der Produktion bis hin zum Finanzwesen. Für mittelständische Unternehmen eröffnet sich die Chance, mit optimierten Webseiten auch ohne massive Werbekosten sichtbar zu werden. Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern prognostiziert, dass sowohl kleine als auch große Unternehmen von diesen Entwicklungen profitieren können. Allerdings betont er die Notwendigkeit, den technologischen Zug nicht zu verpassen, um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden.
Die Künstliche Intelligenz ändert bereits das Einkaufsverhalten; traditionelle Vergleichsportale und Suchmaschinen verlieren an Bedeutung. Laut einer Umfrage des IFH Köln sehen zwei Drittel der Verbraucher Vorteile in Zeitersparnis und besseren Empfehlungen durch KI. Doch die Zurückhaltung bei der Übergabe von Zahlungsdaten bleibt eine wesentliche Barriere. Andererseits zeigt sich die jüngere Generation zunehmend offen für eine autonome KI-Kaufabwicklung, so eine Umfrage des Digitalindustrieverbands Bitkom.

