ADRA Deutschland unterzeichnet wegweisende Stellungnahme
Die Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Deutschland hat sich anlässlich der Veröffentlichung des Global Humanitarian Overview (GHO) 2026 einer wegweisenden Stellungnahme von 89 internationalen Hilfsorganisationen angeschlossen

06. Januar 2026, 12:26 Uhr · Quelle: LifePR
ADRA Deutschland unterzeichnet wegweisende Stellungnahme
Foto: LifePR
Bildung ist einer der besten Wege aus der Armutsfalle und in ein selbstbestimmtes Leben
ADRA Deutschland und andere Organisationen fordern Reformen im humanitären System, um Kürzungen zu bekämpfen und Krisen zu lindern.

Weiterstadt bei Darmstadt, 06.01.2026 (lifePR) - Die Stellungnahme dokumentiert ein beispielloses Ausmaß an humanitären Krisen und warnt vor verheerenden Auswirkungen der drastischen Kürzungen der Finanzierung von humanitärer Hilfe, so Andreas Lerg, Pressesprecher von ADRA Deutschland. So habe das Jahr 2025 Millionen von Menschen weltweit vor unvorstellbare Herausforderungen gestellt. Die Zahl und Intensität bewaffneter Konflikte hätten sich seit 2010 mehr als verdoppelt und erreichten den höchsten Stand seit modernen Aufzeichnungen im Jahr 1946. Besonders besorgniserregend wäre dabei die Situation für Kinder und Frauen: Zwischen 2023 und 2024 vervierfachte sich die Zahl der in bewaffneten Konflikten getöteten Kinder und Frauen gegenüber den beiden vorangegangenen Jahren. Mehr als ein Fünftel aller Kinder weltweit lebe mittlerweile in Kriegs- und Konfliktgebieten.

Hunger erreichte katastrophale Ausmaße. Erstmals sei im Nahen Osten nach dem Integrated Food Security Phase Classification-System (IPC-System) in Gaza eine Hungersnot festgestellt worden. Auch im Sudan sei die Hungersnot längst bestätigt, und in Ländern wie Südsudan, Haiti, Mali und Jemen bestehe in diesem Zusammenhang höchster Alarmzustand. Zudem litten Millionen Menschen beispielsweise in Afghanistan und Myanmar an akuter Unterernährung. Diese genannten Beispiele wären nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs in Sachen humanitärer Notlagen und Katastrophen auf der Welt.

Erschreckende Zahlen, die zum Handeln auffordern

Die unterzeichnenden Organisationen weisen auf ein alarmierendes Ungleichgewicht hin: Die weltweiten Ausgaben für Rüstung erreichten 2024 einen Rekord von 679 Milliarden US-Dollar. Das entspricht dem Achtzehnfachen der gesamten weltweiten humanitären Hilfe im gleichen Jahr. Zudem werde bei der humanitären Hilfe massiv gekürzt.

Besonders dramatisch seien die Auswirkungen auf Frauen, Mädchen und Kinder. Allein im Jahr 2024 stieg sexualisierte Gewalt gegen Mädchen um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während konfliktbezogene sexualisierte Gewalt zwischen 2022 und 2024 um 87 Prozent angestiegen sei. Weitere alarmierende Zahlen: 58 Prozent der weltweiten Müttersterblichkeit, 50 Prozent der Todesfälle von Neugeborenen und 51 Prozent der Totgeburten 2023 wären in nur 29 Ländern mit humanitären Krisen festzustellen.

Radikale Hilfskürzungen verschärfen die Krise

Ein zunehmendes Kernproblem sei der massive Rückgang der Finanzierung von humanitärer Hilfe. Fast die Hälfte aller von Frauen geführten Organisationen fürchtete im März 2025, ihre Arbeit einstellen zu müssen. Eine aktuelle Umfrage von UN Women zeige, dass fast 100 Prozent der Zivilgesellschafts- und Frauenrechtsorganisationen von Kürzungen betroffen sind – für drei Viertel davon wären die Auswirkungen erheblich.

Besonders betroffen von diesen Kürzungen seien lokale und nationale Organisationen, die meist die ersten Helfenden vor Ort sind. Über die Hälfte der befragten lokalen und nationalen Organisationen verloren 40 Prozent ihrer Budgets für Kinderschutzmaßnahmen. Noch dramatischer: Flüchtlingsorganisationen erhielten 2024 nur 49 Millionen US-Dollar an Finanzierung – ein verschwindender Bruchteil dessen, was nötig wäre, um die humantäte Hilfe aufrecht zu halten.

Forderung nach systemischer Reform

Die unterzeichnenden Nichtregierungsorganisationen (NGOs) – darunter ADRA Deutschland e.V. – fordern eine grundlegende Umgestaltung des humanitären Systems. Die Zentralforderungen sind:

  • Vollständige, zeitnahe und qualitativ hochwertige Finanzierung des Global Humanitarian Overview (GHO) 2026 durch alle Geber, einschließlich neuer staatlicher und privater Akteure, multilateraler und internationaler Finanzinstitutionen.
  • Stärkere und direkte Finanzierung lokaler und nationaler Organisationen, insbesondere von Frauen, Geflüchteten und Menschen mit Behinderungen geführter Organisationen, als zentraler Bestandteil der humanitären Intervention.
  • Konsequente Umsetzung von Lokalisierung und gleichberechtigten Partnerschaften: Kompetenz- und Ressourcenverschiebung zu lokalen Akteuren, inklusive einer Neugewichtung der Rollen internationaler Organisationen hin zu „Enablern“.
  • Reduktion kostenintensiver Intermediärstrukturen in der humanitären Finanzierung, sowie Priorisierung von Akteuren mit nachweislich fairen, transparenten und langfristigen Partnerschaften.
  • Ausbau von flexibler, mehrjähriger und qualitativ hochwertiger Finanzierung, insbesondere über unterschiedliche, auch von NGOs verwaltete Fondsstrukturen, um planbare, nachhaltige Programme zu ermöglichen.
  • Deutlicher Ausbau von wirksamen Cash-Programmen und anderen evidenzbasierten, effizienten Ansätzen, die Leben retten und Würde stärken.
  • Verbindliche Zielvorgaben für UN-länderbasierte Fonds, dass 70 bis 100 Prozent der Mittel an lokale und nationale Organisationen gehen, mit ambitionierten Quoten für Frauenorganisationen und radikal vereinfachten Verfahren.
  • Systemreform hin zu einem menschenzentrierten, schlankeren, agileren und inklusiveren humanitären System, das Komplementarität statt Konkurrenz fördert und gegenüber betroffenen Gemeinschaften rechenschaftspflichtig ist.
  • Konsequente Umsetzung des „Nexus“: bessere Verzahnung von humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Friedensförderung und Klimapolitik, insbesondere durch mehrjährige Planungszyklen in langanhaltenden Krisen und mehr Mittel für fragile, konfliktbetroffene Staaten.
  • Politische Maßnahmen zur Prävention und Beendigung von Konflikten sowie zur Bekämpfung der Ursachen von Krisen, einschließlich verstärkter Investitionen in Frieden, Klimaschutz und Resilienz statt reiner Reaktion auf Notlagen.
  • Klare politische Verteidigung humanitärer Normen und des humanitären Völkerrechts: Unterstützung von Initiativen zur Einhaltung und Rechenschaft, energisches Vorgehen gegen Straflosigkeit und Schutz von Zivilpersonen sowie humanitärem Personal.
  • Klare Zurückweisung von ausgrenzenden und delegitimierenden Narrativen und eine aktive politische Kommunikation für Solidarität, Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion und Menschenrechte.
Selbstverpflichtung von ADRA Deutschland e.V. 

Als Unterzeichnerin dieser Erklärung bekräftigt ADRA Deutschland e.V. ihre Verpflichtung, in dieser Krise des humanitären Systems handlungsfähig zu bleiben. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass Hilfe an die Menschen kommt, die sie am dringendsten brauchen – unabhängig von Verwaltungsstrukturen oder politischen Grenzen.

„Wir können nicht tatenlos zusehen, während die Mittel für humanitäre Hilfe schrumpfen und die Notlagen zunehmen“, begründet Christian Molke, Vorsitzender des Vorstands von ADRA Deutschland e.V., die Unterzeichnung. „Das System muss reformiert werden – mit lokalen Akteuren an der Spitze und mit echtem Engagement für die Würde und Sicherheit der Menschen, denen wir dienen.“

Hintergrund
Der Global Humanitarian Overview wird jährlich vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) veröffentlicht und bietet einen umfassenden Überblick über die globalen humanitären Bedürfnisse und Prioritäten für das kommende Jahr. Die gemeinsame NGO-Erklärung zeigt das Engagement des internationalen Hilfssektors, die am meisten gefährdeten Menschen zu schützen und für eine gerechtere, effizientere Architektur humanitärer Hilfe zu kämpfen.

Die unterzeichnenden Organisationen stammen aus allen Kontinenten und repräsentieren lokale, nationale und internationale Netzwerke. Neben ADRA Deutschland e.V. unterzeichneten unter anderem Welthungerhilfe, Oxfam International, Save the Children, Islamic Relief sowie Caritas Internationalis.

Über ADRA Deutschland e.V.

ADRA Deutschland e. V. mit Sitz in Weiterstadt bei Darmstadt wurde 1987 gegründet, hat 61 Angestellte und steht der evangelischen Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten nahe. Es ist Teil des weltweiten ADRA-Netzwerks, das 1956 gegründet wurde, aus 119 eigenständigen nationalen Büros besteht und weltweit Projekte der Entwicklungszusammenarbeit sowie der humanitären Hilfe in Katastrophenfällen durchführt. ADRA steht für Adventist Development and Relief Agency. ADRA Deutschland ist unter anderem Gründungsmitglied des Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO), der „Aktion Deutschland Hilft“ und „Gemeinsam für Afrika“. Informationen: www.adra.de.

Familie & Kind / Humanitäre Hilfe / Konflikte / NGOs / Finanzierungskürzungen / Systemreform / Frauenrechte
[lifepr.de] · 06.01.2026 · 12:26 Uhr
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