Tausende gegen Neonazis - Krawalle in Berlin und Hamburg

01. Mai 2010, 22:38 Uhr · Quelle: dpa
Berlin (dpa) - Weit mehr als zehntausend Demonstranten haben sich in mehreren deutschen Städten Aufmärschen von Neonazis entgegengestellt. Starke Polizeikräfte versuchten Zusammenstöße von Rechtsextremisten und Gegendemonstranten, darunter linke Autonome, zu verhindern.

Mehrfach löste die Polizei Sitzblockaden auf. In Berlin wurde dabei auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) vom Boden hochgezogen und an den Straßenrand geführt. Am Abend kam es in Berlin und Hamburg zu ersten Ausschreitungen.

Am Tage waren 200 Neonazis festgenommen worden, die sich abseits der genehmigten Demonstrationsroute an der Einkaufsmeile Kurfürstendamm eingefunden hatten. Die Polizei kreiste sie ein und hinderte die Teilnehmer - darunter einige aus Spanien, Italien und Tschechien - am Weiterziehen. Die Festgenommenen wurden zu einer Gefangenensammelstelle gebracht.

In der Hauptstadt waren mehrere tausend Demonstranten unterwegs. Bis zu 3000 Rechtsextreme waren erwartet worden, etwa 600 kamen. Wegen der Proteste schafften sie nur einen Bruchteil der ursprünglich geplanten, insgesamt sechs Kilometer langen Route durch den Stadtteil Prenzlauer Berg und mussten schließlich zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der Stadtteil liegt in Thierses Wahlkreis. Insgesamt standen 7000 Polizisten aus mehreren Bundesländern und einige Wasserwerfer bereit.

Die Proteste blieben tagsüber weitgehend friedlich. Auch eine Demonstration linker und autonomer Gruppen mit etwa 10 000 Teilnehmern ging am Abend in Kreuzberg zunächst ohne Gewalt zu Ende. Später schleuderten Linksautonome Steine und Flaschen auf Polizisten und schossen Feuerwerkskörper auf die Einsatzkräfte. Anders als im Vorjahr versuchten die Polizisten sofort, Störer zu greifen und die Menge auseinanderzutreiben. Mehrere Randalierer wurden festgenommen. Es gab Verletzte.

Ähnlich entwickelte sich am Abend die Lage in Hamburg nach einer sogenannten revolutionären 1.-Mai-Demonstration mit rund 650 Teilnehmern in Richtung Schanzenviertel. Nach Flasch- und Steinwürfen und Böller-Attacken löste die Polizei die Versammlung mit Wasserwerfern auf.

In Würzburg und Schweinfurt protestierten mehr als 13 000 Menschen gegen rechtsextremes Gedankengut. In Würzburg blieb es friedlich. In Schweinfurt wurden durch Flaschenwürfe sechs Polizisten leicht verletzt, mehr als 40 Personen wurden vorübergehend festgenommen. In Schweinfurt waren 800 Rechtsextreme zusammengekommen, in Würzburg keine.

In Sachsen gab es mehrere Zwischenfälle. In Zwickau sollen nach Gewerkschaftsangaben Anhänger der rechtsextremen NPD Gegendemonstranten mit Steinen beworfen haben. Die Polizei bestätigte Zusammenstöße und sprach von einem Verletzten, der ambulant behandelt wurde. Bei Hoyerswerda blockierten Anhänger der linken Szene laut Polizei eine Bahnstrecke und verzögerten die Anreise von 400 Rechten in die Stadt.

In Zwickau hatten am Vormittag zunächst etwa 1500 Menschen gegen den Aufmarsch der rechtsextremen NPD demonstriert. Diese konnten erst mit Verspätung ihren Aufmarsch beginnen, nachdem die Polizei Sitzblockaden von Gegendemonstranten aufgelöst hatte. Die Demonstrationsroute der NPD wurde geändert. Am Nachmittag standen den rund 400 Rechten etwa 600 Protestierende gegenüber.

In Erfurt löste sich nach Bürgerprotesten eine genehmigte Demonstration von etwa 400 Anhängern der NPD auf. Nachdem der Aufmarsch der Rechten durch Gegendemonstranten zum Stehen kam, bot die Versammlungsbehörde als Ausweichstrecke die Rückkehr zum Ausgangspunkt an, sagte ein Polizeisprecher. Daraufhin habe die NPD ihren Aufmarsch beendet.

In Rostock verhinderten starke Polizeikräfte ein Zusammentreffen von rund 500 NPD-Anhängern mit über den Tag verteilten 1000 Gegendemonstranten, die die ursprünglich geplante Aufmarschroute blockierten. Die NPD musste sich mit einer kürzeren Strecke zufriedengeben.

Die Berliner Walpurgis-Feiern in der Nacht zum Samstag waren weitgehend friedlich geblieben. In Hamburg gab es bei Ausschreitungen mindestens 18 Verletzte. Bis zu 200 linke Demonstranten hatten nach Polizeiangaben rund um das alternative Kulturzentrum «Rote Flora» Möbel, Holzlatten und Müll auf die Straße gestellt und angezündet. Ein Passant bekam einen Stein an den Kopf und wurde so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus musste. Darüber hinaus wurden 17 Polizisten und drei Diensthunde verletzt. Sieben Randalierer wurden vorläufig festgenommen. Außerdem gingen in der weiteren Umgebung der «Roten Flora» drei Fahrzeuge in Flammen auf.

Demonstrationen / 1.Mai / Berlin / Hamburg
01.05.2010 · 22:38 Uhr
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