Konflikte

«Wir haben eine Einigung»: Serbien und Kosovo kommen voran

19. März 2023, 12:28 Uhr · Quelle: dpa
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das Verhältnis Belgrads zu seiner einstigen Provinz Kosovo spannungsgeladen. Präsident Vucic und Ministerpräsident Kurti kamen nun einer Einigung näher denn je.

Ohrid (dpa) Nach zwölfstündigen Marathonverhandlungen im nordmazedonischen Ohrid haben die Spitzenvertreter Serbiens und des Kosovos beträchtliche Fortschritte erzielt. «Wir haben einen Deal», erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am späten Samstagabend vor Journalisten.

«Wir haben eine Einigung darüber, wie es zu machen ist.» Borrell und der Balkan-Sondergesandte der EU, Miroslav Lajcak, hatten bei den Gesprächen zwischen dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic und dem kosovarischen Ministerpräsidenten Albin Kurti vermittelt.

Bereits Ende Februar hatten die beiden Politiker in Brüssel einem von der EU vorgelegte Abkommen verbal zugestimmt, das die Beziehungen zwischen den beiden verfeindeten Balkanstaaten grundlegend regeln soll. Am Samstag einigten sie sich auf den Anhang des Abkommens, der dessen konkrete Umsetzung festlegt. Vucic weigerte sich jedoch am Ende wie schon in Brüssel, die Abmachungen zu unterschreiben.

Eigenstaatlichkeit Kosovos wird zur Kenntnis genommen

Das neue Abkommen sieht vor, dass Belgrad das Kosovo zwar nicht völkerrechtlich anerkennt, aber die Eigenstaatlichkeit seiner ehemaligen Provinz zur Kenntnis nimmt. Insbesondere soll es die Reisepässe, Kfz-Kennzeichen und Zollpapiere des Kosovos anerkennen. Das Kosovo soll die Rechte der serbischen Volksgruppe im Land institutionell absichern.

Am Samstag verhandelten Vucic und Kurti über den Anhang zu dem Abkommen, das den ursprünglichen Plänen der EU-Vermittler zufolge konkrete Fristen für die Umsetzung der einzelnen Punkte hätte enthalten sollen. Das am Sonntagmorgen von der EU veröffentlichte Dokument beinhaltete jedoch kaum zeitliche Zusagen. So steht darin lediglich, dass die Seiten innerhalb von 30 Tagen einen Gemeinsamen Monitoring-Ausschuss bilden würden, der für die Überwachung des Abkommens zuständig sein wird.

Borrell räumte am Samstagabend ein, dass die Vermittler «mit einem ambitiöseren und detaillierten Vorschlag für den Anhang» in die Verhandlungen gegangen seien. «Unglücklicherweise vermochten sich die Seiten nicht auf den detaillierten Vorschlag zu einigen», sagte er. Das Kosovo hätte «Flexibilität in der Substanz» vermissen lassen, Serbien wiederum habe von Anfang an darauf bestanden, nichts unterschreiben zu wollen. Auf nähere Einzelheiten ging er nicht ein. Er und sein Team würden aber weiter daran arbeiten, «bis eine umfassende Übereinkunft erzielt» sei.

Deal ohne Unterschriften

«Ich habe heute nichts unterschrieben», erklärte Vucic in Ohrid. «Wir haben auf jeweils unterschiedliche Weise aufgezeigt, wo für uns die jeweiligen roten Linien sind.» Für den serbischen Nationalisten stellt jede Aufweichung der harten Haltung gegenüber Pristina ein politisches Risiko dar. Rechtsradikale in Serbien drohten mit «heißen» Protesten, sollte Vucic in Ohrid «kapitulieren».

Kurti ist wiederum dem Druck der kosovo-albanischen Bevölkerung und Wählerschaft ausgesetzt, die Zugeständnisse an die serbische Volksgruppe ablehnt. Artikel sieben des Abkommens sieht aber vor, dass den Serben im Kosovo «ein angemessenes Ausmaß an selbstständiger Regelung ihrer Angelegenheiten» zusteht. Pristina habe sich nun dazu verpflichtet, die Umsetzung dieses Punktes umgehend einzuleiten, sagte Borrell. Im Kosovo befürchtet man, dass zu starke Vetorechte für einen künftigen serbischen Gemeindeverband den Staat blockieren könnten.

Berlin: «Glückwunsch zu diesem Durchbruch»

Die deutsche Bundesregierung begrüßte die in Ohrid erzielte Einigung. «Glückwunsch zu diesem Durchbruch, mit dem die Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo auf eine neue Grundlage gestellt werden», teilte Regierungssprecher Steffen Hebenstreit über Twitter mit. Jetzt gehe es darum, Führungsstärke zu zeigen, um das Vereinbarte einzuhalten und umzusetzen.

Das Verhältnis des jüngsten europäischen Staates zu Serbien ist seit dessen Abspaltung von Serbien infolge einer Nato-Intervention im Frühjahr 1999 ungelöst. Diplomatische Bemühungen des Westens führten in den vergangenen Jahren zu keiner wesentlichen Normalisierung der Lage. Im Vorjahr waren die Spannungen erneut eskaliert: Es gab Straßenblockaden und Zwischenfälle, bei denen geschossen wurde.

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gewann die Beilegung des Kosovo-Konflikts für den Westen wieder an Bedeutung. Moskau nutzt Schwachstellen in der politischen Ordnung verschiedener Balkanstaaten für Einflussnahme aus. Belgrad ist abhängig von Russland, weil die östliche Großmacht mit ihrem Veto im UN-Sicherheitsrat die Aufnahme des Kosovos in die Weltorganisation verhindert. Serbien trägt als einziges Land der Region die EU-Sanktionen gegen Russland nicht mit.

Konflikte / Diplomatie / EU / Josep Borrell / Aleksandar Vucic / Albin Kurti / Serbien / Kosovo / Europa / Russland
19.03.2023 · 12:28 Uhr
[0 Kommentare]
Elbtunnel
Berlin (dpa) - Autofahrer müssen heute in einigen Teilen Deutschlands auf Autobahnen, Bundes- und Landstraßen mit Behinderungen rechnen. Grund sind Warnstreiks im Tarifkonflikt bei der Autobahn GmbH des Bundes sowie des öffentlichen Dienstes.  Ein Schwerpunkt der Aktionen ist Nordrhein-Westfalen, dort sollen am Nachmittag alle 28 […] (00)
vor 25 Minuten
Elektromobilität: Wie lange halten die Batterien von Elektroautos?
Elektroautos gelten längst als technisch ausgereift, doch die Sorge um die Lebensdauer ihrer Batterien hält sich hartnäckig. Neue Antworten kommen nun nicht aus dem Labor, sondern direkt aus dem Alltag: Auswertungen realer Fahrzeugdaten aus zehntausenden Elektroautos zeigen, wie sich Akkus unter echten Nutzungsbedingungen entwickeln. Grundlage […] (00)
vor 11 Stunden
Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart
Davos (dpa) - Viele Unternehmen investieren nach Ansicht eines Technologieexperten zu wenig Geld in den Ausbau ihrer IT-Systeme. «Oft gehen 80 Prozent der Mittel in die größten Komponenten der Infrastruktur, nur 20 Prozent in Innovation», sagte der Chef des Beratungsunternehmens Publicis Sapient, Nigel Vaz, am Rande des Weltwirtschaftsforums in […] (00)
vor 5 Stunden
GTA 6: Fans wittern Trailer 3 in Kürze!? – Rockstar ändert „nur“ YouTube-Playlist
Reicht ein kleiner Klick, um den nächsten GTA 6-Hype auszulösen? Offenbar ja, wenn man es der offizielle Account macht. Rockstar Games hat zuletzt mehrere YouTube-Playlists aktualisiert, darunter auch eine zu GTA 6. Was genau geändert wurde, ist bislang nicht ersichtlich, doch für viele Fans ist sofort klar: GTA 6 Trailer 3 könnte näher sein, als […] (00)
vor 9 Stunden
«The Tonight Show» geht auf Goldjagd
Direkt im Anschluss an die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele meldet sich «The Tonight Show Starring Jimmy Fallon» mit einer besonderen Ausgabe zurück. Nach dem feierlichen Auftakt der Milan Cortina 2026 Olympic Winter Games übernimmt Jimmy Fallon um 23: 35 Uhr das Ruder. Die Spezialfolge von The Tonight Show Starring Jimmy Fallon wird bei NBC ausgestrahlt und ist am Folgetag […] (00)
vor 7 Stunden
Portland Trail Blazers - Los Angeles Lakers
Los Angeles (dpa) - Für Basketball-Star LeBron James ist eine außergewöhnliche Serie vorbei: Der Forward von den Los Angeles Lakers wurde erstmals seit 2004 nicht für die Startaufstellung beim All-Star-Spiel der NBA nominiert. Das verkündete die nordamerikanische Profiliga. Zu dem Spektakel der besten Spieler der Saison am 15. Februar könnte der 41 […] (00)
vor 31 Minuten
Der 1,4-Billionen-Albtraum: Warum ChatGPT Sie jetzt verraten muss
Sam Altmans Traum einer reinen Superintelligenz kollidiert frontal mit der harten Realität der Bilanzbuchhaltung. Die Zeiten des bedingungslosen Wachstums auf Pump sind vorbei. OpenAI bricht sein wohl wichtigstes unausgesprochenes Versprechen an die Nutzerschaft. Ab der kommenden Woche werden US-Nutzer der kostenlosen Version sowie Abonnenten des […] (00)
vor 21 Minuten
Nexus Uranium erwirbt das Uranprojekt “RC” in South Dakota
Lüdenscheid, 19.01.2026 (PresseBox) - Nexus Uranium Corp. (ISIN: CA65345P2008 | WKN: A41PJQ), Nexus oder das Unternehmen, gibt den Erwerb des Uranprojekts “RC” in South Dakota und damit die zweite strategische Absteckung des Unternehmens im Uranbezirk “Fall River County” innerhalb von zwei Wochen […] (00)
vor 13 Stunden
 
Wichtige Teile der Bundesregierung mit dem Bundeskanzler (Archiv)
Osnabrück - Fast die Hälfte von 2.308 in Pakistan lebenden Afghanen mit einer […] (02)
Chinesische Fahne (Archiv)
Berlin - Das Bundesinnenministerium von Ressortchef Alexander Dobrindt (CSU) warnt […] (03)
Sahra Wagenknecht (Archiv)
Osnabrück - Die frühere Linken- und BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht fordert eine […] (08)
Tote bei Zugunglück in Spanien - Unglücksstelle bei Adamuz
Adamuz/Madrid (dpa) - Nach dem schweren Zugunglück in Spanien läuft die […] (00)
«Nights & Days» erzählt eine große Liebe über vier Jahreszeiten
Mit «Nights & Days» kündigt Netflix eine aufwendig produzierte Serienadaption des polnischen […] (00)
Wikipedia versus KI: Zum 25-jährigen Jubiläum stellt sich die Zukunftsfrage
Geboren am 15. Januar 2001, feierte Wikipedia gerade eben sein Jubiläum. Seit 25 […] (00)
GTA 6 vor möglichem Verbot in Russland wegen „immoralem“ Inhalt
Die Wogen schlagen hoch in der Gaming-Welt: Noch bevor GTA 6  offiziell erschienen […] (01)
Kate Hudson
(BANG) - Kate Hudson möchte unbedingt mit ihrer Mutter Goldie Hawn in einem Film […] (00)
 
 
Suchbegriff