«Wie die Titanic»: Kreuzfahrt wird zum Alptraum

15. Januar 2012, 21:31 Uhr · Quelle: dpa

Rom (dpa) - Es sollte eine Traumreise im Mittelmeer werden, acht schöne Tage unter dem Motto «Duft der Zitrusfrüchte» mit Stationen in Barcelona, Palma de Mallorca und Palermo.

Für die mehr als 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder des Kreuzfahrtriesen «Costa Concordia» gerät die Luxusfahrt aber gleich vor der Küste der Toskana zum nächtlichen Alptraum. Das Schiff läuft an einem Felsen auf Grund, Panik bricht unter den Passagieren aus, viele springen ins Wasser, die nahe Insel Giglio vor Augen. Bis zu 150 Menschen werden von Rettungsmannschaften aus dem Meer gefischt. Für mindestens fünf kommt aber jede Hilfe zu spät. Wie viele bleiben eingeschlossen?

Die übrigen Passagiere und Besatzungsmitglieder gelangen in den Rettungsbooten zur Insel. Verfroren und verstört lassen sich die Italiener, Spanier, Franzosen, Japaner sowie auch mehr als 500 Deutschen zumeist in ihrer Abendkleidung retten - ein Schiffbruch, der sich ereignete, als sie gerade gemütlich beim Essen saßen.

Es gibt einen Knall, der Strom fällt aus, während viele fein gekleidete Passagiere gemeinsam mit dem Kapitän die Vorspeise genießen. Der Gigant der Meere hat einen Felsen gerammt, Wasser dringt ein. Es kommt später dann zu Szenen «ähnlich wie im Film "Titanic"», berichtet ein 38-jähriger deutscher Passagier der Nachrichtenagentur dpa von der gefährlichen Schräglage des Schiffes. Wer abergläubisch ist, der erinnert sich: Es ist Freitag, der 13.

Vielen an Bord des 290 Meter langen und knapp 36 Meter breiten Kreuzfahrtriesen kommt als erstes die Katastrophe der «Titanic» in den Sinn: «Das Essgeschirr ist von den Tischen gerutscht, und die Gläser kippten um», so berichtete der Ansa-Agenturjournalist Luciano Castro von der Kreuzfahrt. Augenzeugen und Betroffene berichten nach der Rettung von dramatischen Szenen - denn das Schiff neigt sich schnell in die Schieflage. Mütter hätten nach ihren Kindern geschrien, und manchem sei die Todesangst ins Gesicht geschrieben gewesen. Es habe an den richtigen Schwimmwesten gefehlt. Verzweifelt sprangen Dutzende Menschen ins Mittelmeer, das im Januar eiskalt ist.

Wie konnte das passieren? Menschliches Versagen, ein Fehler in der Elektronik oder kann es andere Gründe geben? Die Untersuchung bleibt eine Aufgabe der schon zur Insel geschickten Fachleute. Im Visier der Staatsanwaltschaft ist jedenfalls der Kapitän Francesco Schettino (52), der wegen Verdunkelungsgefahr festgenommen wird. Der leitende Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, hält ihm vor, die Route geändert und der Insel zu nahe gekommen zu sein. Er habe, einem Schiffsbrauch üblich, die Bewohner der Insel «grüßen» wollen. Viel zu spät sei Alarm geschlagen worden, zu früh habe der Kapitän sein Schiff verlassen - die Evakuierung war da noch in vollem Gang.

Rund um das Schiff mit dem langen, klaffenden Riss an der Seite suchten ein Dutzend Schiffe, neun Hubschrauber, Feuerwehrleute und Taucher nach Vermissten. Dutzende waren im Schiff eingeschlossen, sie wurden bald befreit. Und doch blieb die Angst, vielleicht nicht alle gefunden zu haben. Die schwierige Suche in dem gekenterten Schiff bringt am Sonntag Licht und Schatten: Ein koreanisches Paar in den Flitterwochen kann gerettet werden, danach ein verletzter Offizier. Stunden später finden Taucher im überfluteten Heckteil zwei Leichen.

Als die tausenden Schiffbrüchigen wieder festen Grund unter den Füßen hatten, hagelte es in Interviews etwa des TV-Senders SkyTG 24 massive Kritik an der Rettungsaktion: «Die Mannschaft war absolut nicht darauf vorbereitet, die ihnen dabei zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen», berichtete die Journalistin Mara Parmegiani Alfonsi. «Es waren apokalyptische Szenen, und bei alledem haben wir wenig vom Bordpersonal gesehen», klagt Giuseppe Romano (57) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ansa. Passagiere berichteten, die Crew sei in Panik verfallen, Schwimmwesten habe man sich selbst besorgen müssen.

Auch Peter Honvehlmann aus dem Ruhrgebiet berichtete der Nachrichtenagentur dpa, die Rettung sei chaotisch gewesen: «Das war die erste Kreuzfahrt in meinem Leben und sicherlich auch die letzte.» Andere Passagiere sprachen von «null Organisation» und einem viel zu spätem Handeln des Personals. Sie hätten sich wirklich an die «Titanic» erinnert «und geglaubt, wir müssten in diesem Alptraum sterben.» Der Untergang der «Titanic» jährt sich im April zum 100. Mal.

Die «Costa Concordia» mit ihren 114 500 Registertonnen ging erst vor knapp sechs Jahren als größtes Kreuzfahrtschiff Italiens auf Jungfernfahrt. Sie hat 58 Balkon-Suiten, 13 Bars und 5 Restaurants. Die Stromkapazitäten an Bord könnten eine Stadt von 50 000 Einwohnern versorgen, die verlegten Kabel auf dem damaligen Prunkstück der Genueser Schiffswerft Sestri Ponente sind zusammen etliche hundert Kilometer lang. Nach der Havarie war die Schlagseite dann aber so stark, dass ein Gutteil des Schiffes im Mittelmeer verschwunden war.

Schifffahrt / Unfälle / Italien
15.01.2012 · 21:31 Uhr
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