Wenn das Internet stirbt: UN warnen vor globalem Digitalversagen
Smartphones ohne Netz, Bankautomaten außer Betrieb, Krankenhäuser ohne Patientendaten, Notfallwarnungen, die nirgendwo ankommen. Was sich nach einem Katastrophenfilm anhört, könnte Realität werden – und die Welt ist darauf kaum vorbereitet. Das ist die zentrale Botschaft eines neuen Berichts, den die UN-Organisation für Telekommunikation (ITU) und das UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNDRR) gemeinsam vorgelegt haben.
Die Autor:innen kommen zu einem ernüchternden Schluss: Kritische digitale Risiken werden systematisch unterschätzt. Die globale Vernetzung schreitet rasend schnell voran, doch die Absicherung gegen großflächige Ausfälle hinkt weit hinterher. Satelliten, Unterseekabel und Stromnetze – die unsichtbare Infrastruktur, auf der das digitale Leben ruht – sind verletzlicher, als die meisten Menschen ahnen.

Drei Szenarien, ein gemeinsames Problem
Um die Dimension des Risikos greifbar zu machen, skizziert der Bericht drei konkrete Katastrophenszenarien. Das erste dreht sich um einen massiven Sonnensturm, wie er zuletzt 1859 die Erde traf. Ein solches Ereignis würde heute GPS-Signale stören, den Flugverkehr weitgehend lahmlegen, autonome Fahrzeuge zum Stehen bringen und durch gemagnetisch induzierte Ströme Transformatoren im Stromnetz zerstören. Die Vorwarnzeit betrüge maximal zwanzig Stunden – zu wenig, um die komplexe Infrastruktur moderner Gesellschaften zu sichern. Der Ersatz beschädigter Großtransformatoren könnte Monate dauern.
Das zweite Szenario beschreibt eine Extremhitzewelle nach dem Muster des Europasommers 2003. Datenzentren, die heute eine zentrale Rolle spielen, sind auf Kühlung angewiesen. Wenn Flüsse sich erwärmen, schränkt das den Betrieb von Kraftwerken ein; wenn Dieselnachschub für Notstromaggregate nicht mehr transportiert werden kann, fallen auch die Systeme aus, die eigentlich der Aufrechterhaltung kritischer Dienste dienen sollen. Bezahlterminals versagen, Geschäfte schließen, Mobilfunkbasisstationen fallen aus.
Das dritte Szenario erinnert an den Vulkanausbruch von Hunga Tonga-Hunga Ha’apai im Jahr 2022, der ein Unterseekabel zerstörte und den Inselstaat Tonga für fünf Wochen vom weltweiten Internet abschnitt. Ein ähnliches Ereignis in einer anderen Region der Welt – mit dichter digitaler Infrastruktur – hätte weitreichendere Folgen.
Kaskadierende Ausfälle als unterschätztes Risiko
Was den UN-Bericht besonders beunruhigt, ist nicht das einzelne Ereignis, sondern das Zusammenspiel. Bisheriges Risikomanagement betrachte jede Gefahr meist isoliert und gehe davon aus, dass sich Schäden schnell beheben lassen. Doch ein einzelner Ausfall kann andere kritische Systeme belasten und in kurzer Zeit eine Kaskade auslösen, die sich kaum noch kontrollieren lässt.
Als Gegenmaßnahme fordern die Organisationen vor allem eines: analoge Ausweichkapazitäten. Gesellschaften müssen lernen, digitale Ausfälle auch mit nicht-digitalen Mitteln zu überbrücken. Das betrifft Infrastrukturbetreiber:innen ebenso wie Behörden und die breite Bevölkerung. Wer weiß, wie man ohne App zum nächsten Krankenhaus findet, ist im Ernstfall im Vorteil.

