Siemens Healthineers vor Notverkauf: 6 Milliarden für schwächelnde Sparte
Siemens Healthineers steht mit dem Rücken zur Wand. Der Medizintechnikkonzern prüft den Verkauf seiner schwächelnden Diagnostik-Sparte an Private-Equity-Investoren. Dieser Deal könnte rund sechs Milliarden Euro einbringen. An der Börse reagieren Anleger nervös – die Aktie fiel am Dienstag auf ein neues Jahrestief bei 35,43 Euro. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 20 Prozent an Wert verloren.
Die Sparte bremst die Konzernentwicklung spürbar. Im ersten Quartal sank der Umsatz in diesem Bereich um rund drei Prozent. Besonders in China bricht die Nachfrage ein. Ein Verkauf würde das Unternehmen operativ entlasten, doch er offenbart auch die Schwäche: Healthineers muss sich von einem Kerngeschäft trennen, um finanzielle Stabilität zu erreichen.
Das zentrale Ziel des Verkaufs ist ein massiver Schuldenabbau. Aktuell steht der Konzern mit rund 14 Milliarden Euro in der Kreide. Diese Schuldenlast ist das Erbe aggressiver Akquisitionen der vergangenen Jahre. Healthineers hat sich durch Zukäufe vergrößert, doch nun zeigt sich: Die Integrationskraft war begrenzt, und die Schuldenlast erdrückend.
Sechs Milliarden Euro aus dem Diagnostik-Verkauf würden die Nettoverschuldung auf acht Milliarden senken – immer noch eine erhebliche Last, aber deutlich besser als der Status quo. Für Private-Equity-Investoren könnte die Sparte interessant sein, wenn sie glauben, durch operative Verbesserungen Wert heben zu können.
Die Abspaltung von Siemens zwingt zur Eigenständigkeit
Die Pläne passen zur anstehenden Neuaufstellung. Die Muttergesellschaft Siemens AG bereitet die Abspaltung ihrer restlichen Anteile vor. Im Februar 2027 stimmt die Hauptversammlung über diesen Schritt ab. Bis dahin muss Healthineers auf eigenen Beinen stehen.
Diese Deadline ist nicht verhandelbar. Siemens hat entschieden, sich von Healthineers zu trennen, um sich selbst auf Industrieautomatisierung und Infrastruktur zu fokussieren. Für Healthineers bedeutet das: keine Konzernrückendeckung mehr, keine implizite Garantie durch die Mutter, vollständige eigenständige Finanzierung.
Ein wichtiger Baustein dafür ist gesichert. Die Ratingagentur Moody's vergab erstmals die Note A3 mit stabilem Ausblick. Damit erhält das Unternehmen ein solides Investment-Grade-Rating für die künftige Finanzierung am Kapitalmarkt.
A3 ist respektabel, aber es ist kein Top-Rating. Es bedeutet: Healthineers kann sich am Kapitalmarkt finanzieren, aber zu etwas höheren Zinsen als Konzerne mit AAA- oder AA-Ratings. Bei 14 Milliarden Euro Schulden – oder acht Milliarden nach dem Diagnostik-Verkauf – machen diese Zinsunterschiede jährlich hunderte Millionen Euro aus.
Der Verkauf der Diagnostik-Sparte ist also nicht nur operativ sinnvoll, sondern auch finanzpolitisch notwendig. Ein niedrigerer Schuldenstand verbessert die Kreditwürdigkeit, senkt die Finanzierungskosten und schafft Spielraum für künftige Investitionen.
Währungsrisiko und US-Zölle schaffen zusätzliche Belastung
Neben dem Diagnostik-Geschäft drücken externe Faktoren auf die Bilanz. Der Konzern erwirtschaftet rund 40 Prozent seiner Erlöse in den USA. Die Kosten fallen jedoch überwiegend in Euro an. Diese Struktur macht das Unternehmen anfällig. Währungsschwankungen kosten operativ bis zu 250 Millionen Euro.
Dieses Währungs-Mismatch ist ein klassisches Problem globaler Unternehmen. Healthineers verkauft in Dollar, zahlt in Euro. Wenn der Dollar schwächer wird, sinken die Euro-Erlöse, während die Kosten gleich bleiben. 250 Millionen Euro jährliches Risiko ist keine Kleinigkeit – das entspricht etwa zehn Prozent des operativen Gewinns.
Mögliche US-Zölle bergen ein weiteres Risiko von einer halben Milliarde Euro. Die Trump-Administration hat wiederholt mit Zöllen auf medizinische Geräte gedroht. Sollten diese kommen, würde Healthineers entweder die Preise erhöhen müssen – und Marktanteile riskieren – oder die Margen komprimieren.
Eine halbe Milliarde Euro Zollrisiko plus 250 Millionen Währungsrisiko ergibt 750 Millionen Euro potenzielle jährliche Belastung. Das ist mehr als ein Viertel des operativen Gewinns. Kein Wunder, dass Anleger nervös sind.
Anleger reagieren nervös auf diese Mischung aus Schulden und operativen Risiken. Der Abstand zur 200-Tage-Linie ist mittlerweile auf fast 19 Prozent angewachsen. Technisch gesehen ist die Aktie in einem klaren Abwärtstrend. Ohne positive Katalysatoren dürfte der Druck anhalten.
Der 7. Mai wird zur Bewährungsprobe
Am 7. Mai präsentiert Siemens Healthineers die Ergebnisse für das zweite Quartal. Investoren erwarten dann konkrete Aussagen zum Stand der Verkaufsgespräche. Das Management hält bislang an seinen Jahreszielen fest. Der Konzern plant ein Umsatzwachstum von fünf bis sechs Prozent. Am Ende soll ein bereinigter Gewinn von mindestens 2,20 Euro je Aktie stehen.
Diese Ziele erscheinen ambitioniert. Bei einem schwächelnden Diagnostik-Geschäft, einem kollabierenden China-Markt, Währungsrisiken und möglichen US-Zöllen wird es schwer, fünf bis sechs Prozent Wachstum zu erreichen. Die 2,20 Euro Gewinn je Aktie erfordern eine starke zweite Jahreshälfte.
Sollte das Management am 7. Mai die Prognose senken, dürfte die Aktie weiter fallen. Sollte es die Ziele bestätigen und gleichzeitig Details zum Diagnostik-Verkauf nennen, könnte das stabilisierend wirken. Doch die Messlatte liegt hoch.
Die Investoren warten nicht nur auf Zahlen, sondern auf Klarheit. Wie weit sind die Verkaufsgespräche? Welche PE-Investoren sind im Rennen? Welcher Preis wird angestrebt? Wird der Verkauf vor oder nach der Abspaltung von Siemens abgeschlossen?
Ohne diese Antworten bleibt Unsicherheit. Und Märkte hassen Unsicherheit. Für Healthineers bedeutet das: Der Druck wird weiter steigen, bis das Management konkrete Fakten liefert – oder die Aktie noch tiefer fällt.


