Warum Deutschland sich die Teilzeitrepublik nicht mehr leisten kann
Die Realität sieht anders aus. 2024 arbeitete fast ein Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit – vor zwanzig Jahren war es nicht einmal jeder Fünfte. Die Bundesrepublik entwickelt sich zur Teilzeitrepublik. Und das in einer Phase, in der sich der Arbeitskräftemangel weiter zuspitzt.
Demografischer Druck und stagnierende Produktivität
Bis 2039 werden laut Statistischem Bundesamt mehr als 13 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschreiten. Selbst wenn die Konjunktur schwächelt und Unternehmen aktuell zögerlicher einstellen, verschwindet das strukturelle Problem nicht.
„Wenn Arbeitskräfte fehlen, entstehen Wachstumsverluste und Versorgungsengpässe“, warnt Vanessa Ahuja, Vorständin der Bundesagentur für Arbeit. Besonders sichtbar ist das bereits in der Pflege und in der Gastronomie. Gleichzeitig stagniert die Produktivität seit Jahren. Mehr Arbeitsstunden könnten sie erhöhen – und damit den Wohlstand, so das ökonomische Argument hinter Merz’ Appellen.
Teilzeit ist vor allem weiblich
Der Blick fällt schnell auf Frauen. 2024 arbeitete nur gut jeder neunte Mann in Teilzeit, aber fast jede zweite Frau. Bei Müttern waren es sogar nahezu zwei Drittel. Unbezahlte Haus- und Sorgearbeit ist in diesen Zahlen nicht einmal enthalten – obwohl Frauen hier weiterhin den Großteil leisten, etwa bei Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen.
Christa Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, spricht von einer Teilzeitfalle. Deutschland habe europaweit – neben den Niederlanden und Österreich – einen der höchsten Teilzeitanteile bei Frauen. Selbst hochqualifizierte Frauen verharrten oft dauerhaft in reduzierter Arbeitszeit, auch wenn keine kleinen Kinder mehr betreut werden müssten.
Milliardenpotenzial bleibt ungenutzt
Wie groß das ökonomische Potenzial ist, zeigt eine aktuelle Prognos-Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Würden Staat und Unternehmen Müttern eine stärkere Erwerbsbeteiligung ermöglichen, könnte die Wirtschaftsleistung bis 2030 um rund 18 Milliarden Euro steigen. Das entspräche zusätzlichen Steuereinnahmen von 3,7 Milliarden Euro und Mehreinnahmen von 4,2 Milliarden Euro für die Sozialversicherungen.
Langfristig geht es auch um Altersarmut: Die Alterseinkünfte von Frauen liegen laut Statistischem Bundesamt im Schnitt mehr als ein Viertel unter denen von Männern – eine direkte Folge von Teilzeitkarrieren.
Betriebe wollen Teilzeit – nicht nur Beschäftigte
Die Debatte greift jedoch zu kurz, wenn sie allein die Arbeitnehmer in den Blick nimmt. Eine exklusive Auswertung von Index Research zeigt: Seit Jahren werden zwischen 10,5 und knapp 12 Prozent aller Stellen explizit in Teilzeit oder als Minijob ausgeschrieben. Zuletzt stieg dieser Anteil sogar leicht, obwohl die Gesamtzahl der Stellen sank.
Besonders häufig suchen Unternehmen Teilzeitkräfte im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Gastgewerbe. Kaum verbreitet ist Teilzeit dagegen bei Führungskräften oder Ingenieuren. Teilzeit ist also nicht nur ein Wunsch der Beschäftigten, sondern ein fester Bestandteil vieler Geschäftsmodelle.


