Vietnam gerät unter Druck – US-Zölle gefährden Exportmodell und geopolitische Balance
46 Prozent – so hoch ist der neue Zollsatz, den Donald Trump ab Mittwoch auf sämtliche vietnamesische Warenimporte erhebt. Für Unternehmen wie das Textilnetzwerk von Ha Pham mit 500 Beschäftigten bedeutet das nicht weniger als einen Schock. Ihre Umsätze waren dank der Abwanderung westlicher Marken aus China jährlich um bis zu 20 Prozent gestiegen. Jetzt sucht sie in Eile neue Abnehmer in Europa. „Der Zoll ist absurd“, sagt Pham. „Niemand in den USA wird davon profitieren.“
Vietnam hatte stark von den Handelsumlenkungen nach den ersten China-Zöllen der Trump-Ära profitiert. Zwischen 2020 und 2024 avancierten die USA vom Randphänomen zum größten Handelspartner des Landes. Allein im letzten Jahr importierte Amerika vietnamesische Waren im Wert von 137 Milliarden Dollar – mehr als je zuvor. Entsprechend stieg auch das Handelsbilanzdefizit, was Vietnam nun zur Zielscheibe macht.
Für Hersteller wie Christina Chen, die Möbel für den US-Markt produziert, sind Trumps Zölle ein existenzielles Problem. Seit der Ankündigung verbringt sie ihre Tage in Preisdiskussionen mit Kunden. „Selbst mit dem besten Preis und Produkt verlieren wir diesen Kampf“, sagt die Managerin. Eine Branche nach der anderen rechnet mit einem Einbruch.
Auch die politische Symbolkraft wiegt schwer: Die wirtschaftliche Annäherung zwischen Washington und Hanoi galt als Paradebeispiel gelungener geopolitischer Balancierung nach Jahrzehnten der Feindschaft. Jetzt droht ein Bruch – obwohl Vietnam sich bemüht, entgegenzukommen. Zölle auf US-Waren wurden gesenkt, Starlink wurde für einen Test zugelassen, und Großaufträge für Agrarprodukte und Flugzeuge wurden zugesichert.
Dass es Bewegung geben könnte, zeigt Trumps überraschende Bemerkung zwei Tage nach der Ankündigung: Er habe mit dem vietnamesischen Parteichef To Lam ein „sehr produktives“ Telefonat geführt. Noch am Wochenende war der stellvertretende Premier auf dem Weg in die USA, begleitet von Spekulationen über weitere Konzessionen.
Der Stimmungsumschwung ist greifbar. In Industrieparks rund um Hanoi herrscht Unsicherheit, in den Fabriken werden Aufträge neu kalkuliert. Europäische Hersteller, wie der Belgier Michel Bertsch, der Babybetten exportiert, zeigen sich konsterniert: „Niemand hat mit solch drastischen Maßnahmen gerechnet.“ Gleichzeitig drängen nun auch chinesische Wettbewerber auf den europäischen Markt – der Preisdruck steigt.
Das einst als verlässlicher Industriepartner aufgebaute Vietnam steht vor einer schwierigen Gratwanderung: Das Land bleibt auf amerikanische Nachfrage angewiesen, hat sich außenpolitisch bewusst vom übermächtigen Nachbarn China distanziert und wird nun Opfer einer Strategie, die selbst langjährige Partner nicht verschont.
„Wenn man die gesamte Produktion nach Amerika verlagern will, explodieren die Preise“, sagt Unternehmerin Pham. Eine Rückverlagerung mag politisch populär sein – ökonomisch ist sie kaum tragbar.

