AionGuard: Wie Avalanche Studios sein eigenes Crimson Desert per SMS verlor
Manchmal schreibt die Spielebranche Geschichten, die kaum jemand für möglich halten würde. Avalanche Studios, bekannt für die Just-Cause-Reihe, hatte einst ein Fantasy-Open-World-Spiel in Entwicklung, das laut dem ehemaligen Kreativchef des Studios alles gehabt hätte, was Crimson Desert heute auszeichnet – und es hätte dies Jahre früher liefern können. Was dann geschah, ist eine der bittereren Anekdoten der jüngeren Spielegeschichte.
AionGuard: Ein Spiel, das seiner Zeit voraus war
AionGuard war kein kleines Projekt. Das Spiel versetzte die Spieler in die Rolle eines Ritter-Zauberers mit einem breiten Arsenal an Fähigkeiten, der Einheimische für seine Sache gewinnen oder Feinde auf verschiedene Weisen sabotieren konnte – spielmechanisch durchaus vergleichbar mit dem, was die Just-Cause-Reihe an offener Interaktion bekannt gemacht hat, nur eben im Fantasiegewand. Christofer Sundberg, ehemaliger Chief Creative Officer bei Avalanche und heute an einem neuen Projekt namens Samson beteiligt, äußerte sich gegenüber dem Magazin PC Gamer offen über das Scheitern des Spiels. Seine Worte klingen noch immer nach einer offenen Wunde: „Wir hatten alles, was ich bisher von Crimson Desert gesehen habe, bereits in den Plänen für dieses Spiel.“
Ein Publisher, eine SMS, ein stilles Ende
Was AionGuard letztlich zu Fall brachte, war keine kreative Entscheidung, sondern eine schlicht ernüchternde Unternehmensrealität. Das Spiel war bei einem großen Publisher unter Vertrag, der über zahlreiche bekannte Marken verfügt. Dieser entschied sich dann jedoch, die strategische Ausrichtung zu ändern und lieber in bestehende Franchises zu investieren, anstatt neue Marken aufzubauen. Die Trennung teilte man Avalanche auf denkbar unpersönliche Weise mit. „Sie haben sich per SMS von uns getrennt, was ich ihnen niemals verzeihen werde“, so Sundberg. Recherchen zufolge soll es sich dabei um Disney gehandelt haben, das nach einem internen Führungswechsel das Interesse an dem Projekt verlor. Avalanche kaufte daraufhin die Rechte zurück und versuchte, das Spiel ohne Publisher zu vermarkten – ohne Erfolg. Das Team wurde schließlich auf ein anderes, lineares Projekt umgestellt, und AionGuard versank still im Nichts.
Was bleibt, und was Crimson Desert damit zu tun hat
Es ist eine gewisse Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Erfolg von Crimson Desert diese Geschichte wieder an die Oberfläche bringt. Pearl Abyss hat mit ihrem Open-World-Action-Abenteuer auf dem Kontinent Pywel geliefert, was Avalanche einst für AionGuard im Sinn hatte – visuell prächtig, spielerisch ambitioniert, mit einer lebendigen Fantasiewelt. Sundberg selbst räumt ein, dass die Hardware-Generation, für die AionGuard ursprünglich entwickelt wurde, wohl nie die visuelle Brillanz von Pywel hätte erreichen können. Dennoch schmerzt der Gedanke, was hätte sein können. Crimson Desert ist aktuell auf Steam für 69,99 Euro erhältlich, die Deluxe Edition für 89,99 Euro. AionGuard hingegen wird wohl für immer das bleiben, was es ist: eine Geschichte über ungenutztes Potenzial und eine SMS zur falschen Zeit.

