Verfassungsgericht verlangt neue Hartz-IV-Sätze

09. Februar 2010, 17:35 Uhr · Quelle: dpa
Karlsruhe (dpa) - Die Bundesregierung muss die Regelsätze für alle gut 6,5 Millionen Hartz-IV-Bezieher neu berechnen und möglicherweise höhere Sozialausgaben einplanen. Die bisherige Berechnungsmethode verstößt gegen das Grundgesetz, entschied das Bundesverfassungsgericht am Dienstag.

Besonders für Kinder in Hartz- IV-Familien könnte es mehr Geld geben. Die Bundesregierung sagte eine rasche Neuberechnung der Hartz-IV-Sätze zu, ließ aber offen, ob Bezieher von Arbeitslosengeld II nun generell höhere Leistungen erwarten können. Das Gericht hatte die Höhe der Regelsätze nicht beanstandet.

Das Urteil vom Dienstag wurde allgemein begrüßt. Sozialverbände, Gewerkschaften und Opposition sprachen von einer «schallenden Ohrfeige». Sie gehen davon aus, dass die Regelsätze steigen.

Die noch von der rot-grünen Bundesregierung eingeführte Berechnungsbasis ist nach Ansicht der Karlsruher Richter nicht nachvollziehbar. Die Kalkulation sei intransparent und orientiere sich zu wenig an der Realität. Das Gericht forderte den Gesetzgeber bis zum 31. Dezember zu einer Neuregelung auf.

Damit muss eine der größten Sozialreformen in der deutschen Nachkriegsgeschichte erheblich nachgebessert werden. Erfolgreich geklagt hatten drei Familien aus Bayern, Hessen und Nordrhein- Westfalen. Bis zur Änderung bleibt die bisherige Regelung gültig. Hartz-IV- Empfänger können aber von sofort an einen besonderen Bedarf geltend machen, wenn dieser durch die bisherigen Zahlungen nicht gedeckt ist. Ein Beispiel dafür wäre der Zusatzbeitrag zur Krankenversicherung. Allein durch diese Zahlungen für den besonderen Bedarf drohen dem ohnehin schwer gebeutelten Staat in diesem Jahr höhere Ausgaben für Hartz IV.

Besonders die rund 1,7 Millionen Kinder unter den mehr als 6,5 Millionen Hartz-IV-Beziehern sollten nach dem Urteil bessergestellt werden. «Kinder sind keine kleinen Erwachsenen», monierten die Richter. Sie rügten auch, dass die Ausgaben für Bildung und das gesellschaftliche Leben ausgeklammert sind - etwa für Internetnutzung, Kino und Theater oder die Mitgliedschaft im Sportverein. Für jüngere Kinder sind derzeit 60 Prozent vom Regelsatz für Erwachsene und damit 215 Euro vorgesehen.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) begrüßte das Urteil als Chance für Kinder. Der in der bisherigen Regelung vernachlässigte Bereich von Bildung und Schulbedarf müsse jetzt in den Vordergrund rücken. Familienministerin Kristina Köhler (CDU) sagte, die Regierung werde «schnellstmöglich» daran gehen, die Vorgaben umzusetzen.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte: «Ob die Hartz-IV- Sätze jetzt steigen, lässt sich nicht sagen.» Es könne sogar zu Reduzierungen kommen. FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger erwartet «überschaubare Folgen» des Urteils. Andere Koalitionsprojekte wie Steuerentlastungen würden dadurch nicht gefährdet.

Für die SPD ist mit dem Urteil auch die Mindestlohn-Debatte neu eröffnet. Es könne nicht sein, dass jemand ohne Arbeit mehr Geld bekommt als jemand, der den ganzen Tag einer Arbeit nachgeht, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann. Der DGB erneuerte seine Mindestlohn-Forderung. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) rief nach einer Grundsatzreform. «Hartz-IV war der größte Murks seit der deutschen Einheit», sagte Seehofer in München. «Das muss jetzt einer Generalrevision unterzogen werden.»

Der designierte Vorsitzende der Linken, Klaus Ernst, geht von einer Erhöhung der Regelsätze aus. Aus Sicht von Grünen- Fraktionschefin Renate Künast läuft es auf den Verzicht auf die Kopfpauschale für Kassenmitglieder und ein Aus für Steuerentlastungen für Besserverdiener hinaus - beides FDP-Projekte.

Nach Ansicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes führt das Urteil «zwangsläufig zu deutlich höheren Regelsätzen». Je nach Altersgruppe müssten sie um bis zu 20 Prozent angehoben werden. Der Sozialverband SoVD sieht die Chance für eine sozialpolitische Korrektur. Nach Ansicht der Kommunal-Verbände führt eine Neuregelung nicht automatisch zu höheren Sätzen. Das «Lohnabstandsgebot» müsse beachtet werden.

Die Berechnung muss laut Urteil nun in einem transparenten und sachgerechten Verfahren nach dem tatsächlichen Bedarf neu erfolgen. Geschätzte Abschläge «ins Blaue hinein» seien nicht angemessen. Da die Grundlage bei den Regelsätzen für Erwachsene nicht stimme, schleppe sich der Fehler bis zur Berechnung der Kinder-Sätze durch.

Bei der neuen Berechnung kann der Gesetzgeber laut Urteil an dem Statistikmodell festhalten, das er bislang gewählt hat. Grundlage könnten die Ergebnisse der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 2008 sein, die das Statistische Bundesamt im Herbst 2010 vollständig vorlegt. Bei Kindern müssten sich die Regelsätze an deren speziellen Bedürfnissen orientieren, betonte das Gericht. Es bestehe die Gefahr, dass sie später nicht in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Dies sei mit dem Prinzip des Sozialstaates nicht vereinbar.

Der Hartz-IV-Regelsatz für Erwachsene beträgt derzeit 359 Euro. Kinder und Jugendliche erhalten nach Alter gestaffelte Leistungen, und zwar ausgehend vom Regelsatz: Unter sechs Jahren gibt es 60 Prozent (215 Euro), unter 14 Jahren 70 Prozent (251 Euro), darüber 80 Prozent (287 Euro).

Prozesse / Arbeitsmarkt / Soziales / Kinder
09.02.2010 · 17:35 Uhr
[31 Kommentare]
Zugang zum Hörsaal verwehrt: Berufungsprozess
Berlin (dpa) - Gut acht Monate nach einem ersten Verhandlungstermin befasst sich das Verwaltungsgericht Berlin am Montag (11.00 Uhr) weiter mit der Klage eines jüdischen Studenten gegen die Freie Universität Berlin (FU). Im Zentrum der mündlichen Verhandlung steht dabei die Frage, ob die Hochschule ausreichend Maßnahmen zum Schutz jüdischer Studenten […] (00)
vor 8 Minuten
Und es geht doch! Dieses Tiny House ist für eine wachsende Familie konzipiert
Es fällt verhältnismäßig leicht, als Single oder Paar in ein Tiny House zu ziehen. Aber was, wenn die Familie wächst – dann platzt doch das winzige Eigenheim aus allen Nähten? Nicht unbedingt. Mit erhöhter Gestaltungsflexibilität ließe sich Platz für Kinder schaffen, ohne dass sämtliche Privatsphäre verloren geht. Grundvoraussetzung ist und bleibt aber, […] (01)
vor 11 Stunden
Screenshot «Pokémon Pokopia»
Hamburg/Berlin (dpa/tmn) - In «Pokémon Pokopia» zeigen die Entwicklerstudios «Game Freak» und «Omega Force», wie sich das Phänomen «Pokémon» auf Nintendos bewährtes Spielprinzip aus der «Animal Crossing»-Reihe anwenden lässt. Herausgekommen ist ein zuckersüßer Leckerbissen für alle, die sich schon lange ein gemütliches Lebenssimulationsspiel im […] (00)
vor 3 Stunden
Enthüllt Capcom bald DLC zu Dragon’s Dogma 2?
Capcom feiert mit einer Grußbotschaft in den sozialen Medien das zweijährige Jubiläum seines Fantasy-Rollenspiels Dragon’s Dogma 2. Zum Launch legte der Titel noch starke Verkaufszahlen hin, fiel in den darauffolgenden Quartalen aber hinter andere Blockbuster des japanischen Publishers wie Monster Hunter zurück (via Capcom ). Danach wurde es relativ […] (00)
vor 7 Stunden
3sat-Reportage fragt: «Demokratie auf der Kippe?»
Die «Kulturzeit»-Doku blickt am Beispiel Prenzlau auf gesellschaftliche Spannungen in Deutschland. 3sat widmet sich am Mittwoch, den 29. April 2026, um 21: 45 Uhr einem hochaktuellen Thema: In Demokratie auf der Kippe? Was Prenzlau über Deutschland erzählt begleitet die Reportage von Hannah Friedrich den Schriftsteller Simon Strauß in eine ostdeutsche Kleinstadt. Die Produktion ist bereits […] (00)
vor 13 Stunden
FC Augsburg - VfB Stuttgart
Augsburg (dpa) - Drei Tage nach dem bitteren Ausscheiden aus der Europa League hat der VfB Stuttgart eine überragende Reaktion in der Fußball-Bundesliga gezeigt. Angeführt vom weiter treffsicheren Torjäger Deniz Undav dominierten die Schwaben den FC Augsburg beim 5: 2 (3: 0) vor allem in der ersten Hälfte nach Belieben und untermauerten mit dem Sprung auf Platz drei ihre Ambitionen auf einen […] (02)
vor 5 Stunden
woman, crypto, bitcoin, digital, currency, coin, blockchain, happy, success, business
Changpeng Zhao (CZ), eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Kryptoindustrie, hat seine Ansichten über die Wachstumsentwicklung des aufstrebenden Sektors geteilt. Als Gründer und ehemaliger CEO von Binance hat CZ das Wachstum der Branche im letzten Jahrzehnt miterlebt. Der Milliardär ist der Ansicht, dass der Branche in Zukunft noch mehr […] (00)
vor 4 Stunden
Vollgas für Team Austria: emmi-PET unterstützt die WAO 2026!
Mörfelden-Walldorf, 22.03.2026 (lifePR) - Wir sind stolz, Team Austria auch dieses Jahr  bei den World Agility Open (WAO)  als Sponsor begleiten zu dürfen! 15 Hundeführer: innen mit insgesamt 24 sportlichen Hunden – von flinken Shelties über elegante Pudel bis hin zu energiegeladenen Border Collies und Australian Shepherds – zeigen, was Teamgeist, […] (00)
vor 19 Stunden
 
Karin Prien (Archiv)
Berlin - Die Union weist die Kritik an den von Bundesfamilienministerin Karin Prien […] (02)
Kommunalwahlen in Frankreich
Paris (dpa) - Nach der Kommunalwahl in Frankreich richten die Parteien ihren Blick […] (00)
Heizung (Archiv)
Berlin - Angesichts "drastisch" steigender Energiepreise fordert die Caritas eine […] (02)
Finanzministerium (Archiv)
Berlin - Aus der Unionsfraktion gibt es heftige Kritik an dem Gesetzentwurf zur neuen […] (06)
Nicholas Brendon
(BANG) - Nicholas Brendon ist im Alter von 54 Jahren verstorben. Der Star, der vor […] (03)
FC St. Pauli - SC Freiburg
Hamburg (dpa) - Ausgerechnet Igor Matanovic hat die Abstiegssorgen seines ehemaligen […] (00)
Die PS5 schlägt die Switch 2 im zweiten Monat in Folge
Circana-Analyst Mat Piscatella hat am 20. März 2026 die US-Verkaufsdaten für Februar […] (01)
FOX zeigt spektakulären Promi-Showdown
Tom Brady, Logan Paul und iShowSpeed auf einem Feld – beim neuen «Fanatics Flag Football […] (00)
 
 
Suchbegriff