US-Handelsdefizit explodiert – stärkster Anstieg seit 1992 belastet Wachstum
Ökonomen waren im Vorfeld lediglich von einem Anstieg auf rund 40,5 Milliarden Dollar ausgegangen. Der Überraschungseffekt ist entsprechend groß – auch weil das Defizit im Oktober noch auf den niedrigsten Stand seit Mitte 2009 gefallen war.
Mechanischer Bremseffekt für das BIP
Im Jahresvergleich liegt das Handelsdefizit nun rund vier Prozent höher. Das hat unmittelbare Folgen für die Wachstumsrechnung. In der volkswirtschaftlichen BIP-Formel wirken höhere Nettoimporte rechnerisch wachstumsdämpfend, unabhängig von der zugrunde liegenden Nachfrage.
Volkswirte dürften daher ihre Prognosen für das vierte Quartal 2025 nach unten anpassen. Ein erster Schritt erfolgte bereits bei der Federal Reserve Bank of Atlanta. Das viel beachtete Modell „GDP Nowcast“ hatte zuletzt ein annualisiertes Wachstum von 5,4 Prozent prognostiziert – gestützt auf das zuvor stark gesunkene Handelsdefizit im Oktober.
Nach Veröffentlichung der neuen Daten senkten die Fed-Ökonomen ihre Schätzung jedoch deutlich auf 4,2 Prozent. Die offizielle erste BIP-Schätzung für das vierte Quartal wird am 20. Februar erwartet.
Importboom trifft auf Exporteinbruch
Auslöser der Defizit-Ausweitung ist eine ungewöhnliche Kombination: stark steigende Importe bei gleichzeitig deutlich rückläufigen Exporten.
Die gesamten Einfuhren legten im November um fünf Prozent auf 348,9 Milliarden Dollar zu. Besonders stark wuchsen die Warenimporte mit einem Plus von 6,6 Prozent. Treiber waren vor allem Kapitalgüter. Die Einfuhren von Computern und Halbleitern stiegen um 7,4 Milliarden Dollar auf ein Rekordhoch – mutmaßlich befeuert durch den anhaltenden KI-Boom.
Auch Konsumgüter verzeichneten Zuwächse, insbesondere pharmazeutische Produkte.
Dem gegenüber steht ein deutlicher Exportrückgang. Die Gesamtausfuhren sanken um 3,6 Prozent auf 292,1 Milliarden Dollar, die Warenexporte sogar um 5,6 Prozent. Besonders stark fielen die Exporte von Industriegütern und Rohstoffen, die um 6,1 Milliarden Dollar zurückgingen. Auch Konsumgüter wurden weniger ausgeführt.
Politisch heikler Moment für Trump
Für US-Präsident Donald Trump kommen die Zahlen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Noch wenige Tage zuvor hatte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit der Stärke der US-Konjunktur und außergewöhnlich hohen Wachstumsraten geworben.
Zwar wächst die US-Wirtschaft weiterhin schneller als viele andere Industriestaaten. Doch das sprunghaft gestiegene Handelsdefizit dürfte diesen Vorsprung zumindest rechnerisch wieder verkleinern. Gleichzeitig rückt ein altbekanntes politisches Reizthema zurück in den Fokus: das strukturelle Ungleichgewicht im Außenhandel, das Trump seit Jahren scharf kritisiert.
Signal mit Sprengkraft
Der Novemberwert ist nicht nur eine statistische Auffälligkeit, sondern ein Warnsignal. Er zeigt, wie stark die US-Wirtschaft derzeit von Importen abhängig ist – insbesondere in strategischen Zukunftsbereichen wie Technologie und Pharma. Gleichzeitig offenbart der Exportrückgang eine Schwäche, die in einer Phase globaler Unsicherheit schnell an Bedeutung gewinnen kann.
Sollte sich dieser Trend verstetigen, würde das nicht nur die Wachstumszahlen belasten, sondern auch neue handelspolitische Spannungen provozieren. Das Handelsdefizit ist zurück – und mit ihm ein Thema, das wirtschaftlich wie politisch erhebliches Konfliktpotenzial birgt.


