Unstabilität im Kreml: Die Bürgerrechtlerin Scherbakowa über Putins zerbrechliches System

Irina Scherbakowa, eine prominente russische Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin der Organisation Memorial, hat in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur ihre Bedenken über die Stabilität des russischen Staates unter der Führung von Wladimir Putin geäußert. Sie zieht einen Vergleich mit der Sowjetunion und betont, dass das sowjetische Regime, trotz seiner Mängel und Schwächen, klare Strukturen für die Staatsführung, die kommunistische Partei und die Verwaltung aufwies. Diese Struktur fehle in Putins Russland. Stattdessen funktioniere dieses nach einem autoritären Prinzip, das stark von persönlicher Loyalität gegenüber Putin abhängt. Scherbakowa, die inzwischen in Deutschland lebt, macht deutlich, dass ein plötzlicher Wandel im Machtgefüge denkbar wäre, sollte es zu einem unerwarteten Ereignis in Bezug auf Putin kommen. Dennoch geht sie nicht von einem baldigen Zusammenbruch der Herrschaft aus. Trotz der langandauernden Krise im Kontext des Krieges gegen die Ukraine bleiben umfangreiche Kapazitäten, insbesondere im Sicherheitsapparat, erhalten.
Ein weiteres Thema ist Putins Propaganda, die sich aus einem Umschreiben der russischen Geschichte speist. Dagegen setzt Memorial – trotz Verbots im Jahr 2021 – seine entscheidende Arbeit fort, die Geschichte politischer Repressionen und des Widerstands aufzuarbeiten. Die Organisation unterhält das weltgrößte nicht-staatliche Archiv zur politischen Verfolgung der Sowjetunion.
Im Exil verändert sich der Fokus von Memorial, wobei Projekte wie das neue "Lanterna" eine zentrale Rolle spielen. Diese Multimedia-Plattform soll die Erfahrungen des sowjetischen und russischen Staatsterrors aufbereiten und für ein junges Publikum zugänglich machen.
"Lanterna" zielt darauf ab, ein international geführtes Gespräch über Diktaturen, auch außerhalb Russlands, zu ermöglichen. Filipp Dzyadko, der das Projekt betreut, ambitioniert dabei, die Aufarbeitung von Diktaturen weltweit, beispielsweise in Deutschland, Argentinien und Südafrika, zu thematisieren.

