Erdbeben in der Türkei

Trümmer, Trauer, Trauma - Ein Jahr nach den Erdbeben

05. Februar 2024, 17:51 Uhr · Quelle: dpa
Die Erdbeben in der Türkei töteten 2023 mehr als 53.000 Menschen. Ein Jahr danach leben Hunderttausende Menschen weiter in Containern. Präsident Erdogan versucht, das für sich zu nutzen.

Antakya/Kahramanmaras (dpa) - Im Zentrum Antakyas graben Bagger durch den Schutt der Stadt, den der Regen an diesem Tag in dicken Schlamm verwandelt. Zwischen den Baugeräten durchkämmt Feride die Trümmer nach Verwertbarem. Seit den Erdbeben, die vor einem Jahr Hunderttausende Gebäude im türkischen Südosten zerstört haben, ist die 14-Jährige von einer Schülerin zur Metallsammlerin geworden und versucht, Schrott zu ein bisschen Geld zu machen.

Die Trümmer, die Feride und etliche andere in der Stadt absuchen, haben am 6. Februar 2023 Tausende Menschen unter sich begraben. Ein Jahr danach ist das Leben zögerlich wieder in die Stadt zurückgekehrt. Händler im historischen Markt verkaufen Kekse, am Ufer des Flusses gibt es Glückslose, während Antakyas Zentrum weiter in Trümmern liegt. Die Provinz Hatay, deren Hauptstadt Antakya ist, war am schwersten von den Beben betroffen.

Alltag zwischen Trümmern

Knapp 200 Kilometer weiter im Zentrum der Stadt Kahramanmaras sieht die Realität ein Jahr nach den Beben völlig anders aus. Auch hier ist die Katastrophe weiter präsent. Zwischen Baustellen, auf denen neue Wohnhäuser entstehen, sitzen Menschen in Cafés und Restaurants. In einer Seitenstraße baut ein Obst- und Gemüsehändler seinen Stand auf. Er ruft: «Die Legende ist zurück!» - und meint damit sich selbst.

Auch hier starben Tausende Menschen in den Trümmern. Tagelang durchkämmten Retter und Freiwillige die Tonnen von Schutt, in der Hoffnung, Menschenleben retten zu können.

Hatice Yalcimin hatte sich damals schon fast von ihrer kleinen Tochter Fatma Nur verabschiedet. Menschen hatten ihr bereits ihr Beileid ausgesprochen, als das Mädchen nach 56 Stunden dann doch noch aus den Trümmern gerettet wurde.

Ein Jahr danach gehe die Katastrophe in ihrem Kopf weiter, sagt Yalcimin. Tochter Fatma Nur mache immer noch ins Bett, beim kleinsten Ruckeln rufe sie panisch «Es gibt ein Erdbeben!». Auch Mutter Yalcimin sagt, sie habe Angst. Heute wohnt die Familie gemeinsam mit Vater Mustafa in einem fast idyllischen Containerdorf. Es gibt einen Spielplatz und einen künstlich angelegten See - und psychologische Unterstützung. Aber die Leute redeten viel, darum gehe sie nur selten hin, um nicht in den Verdacht zu kommen, «verrückt» zu sein.

Erdogan zu Besuch in Hatay

Für den türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan ist der Grund für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten beim Wiederaufbau klar. Am Samstag erklärte er in der Provinz Hatay, wer nicht mit der Zentralregierung zusammenarbeite, dem könne nicht richtig geholfen werden.

Hatay wird im Gegensatz zur Provinz Kahramanmaras oppositionell regiert. Am 31. März finden landesweite Lokalwahlen statt, die Erdogan mit seinem Kandidaten in Hatay gewinnen will. Festlich inszenierte er die Einweihung neuer Gebäude in der Region. Während viele die Bausubstanz und fehlende Kontrollen in der Verwaltung verantwortlich für die verheerenden Todeszahlen machen, spricht die Regierung häufig von einer Jahrhundertkatastrophe, auf die man nicht hätte vorbereitet sein können. Mit 53.000 gibt sie die Zahl der Toten an. Die Ärztevereinigung des Landes geht dagegen von etwa 120.000 bis 150.000 Toten aus.

Die Organisation Human Rights Watch kritisierte kürzlich die juristische Aufarbeitung. Zwar seien mit dem Bau Betraute angeklagt worden, es sei aber noch «kein einziger Beamter, gewählter Bürgermeister oder Stadtratsmitglied wegen seiner Rolle bei der Genehmigung zahlreicher Bauprojekte, die weit hinter den Standards für sicheres Bauen zurückblieben» vor Gericht gestellt worden.

Der Schaden beträgt laut Regierung 104 Milliarden Dollar (rund 96,4 Milliarden Euro). Ihr Versprechen, innerhalb eines Jahres 319.000 Gebäude wieder aufzubauen, hat die Regierung mittlerweile nach unten korrigiert. Auf 930 Baustellen in elf Städten würden derzeit 110.450 Mitarbeiter am Wiederaufbau arbeiten, hieß es aus dem Städtebauministerium. Ein Jahr nach dem Beben leben 690.000 Menschen in Containern.

Beschönigung von Realität?

Laut Regierung gibt es keine Menschen mehr in Zelten. Die Realität in Antakya ist eine andere. So erzählt etwa der Papiersammler Hüseyin Girgen, dass er immer noch auf einen Container warte.

Auch Gülseren Bügür wohnte bis vor wenigen Tagen in einem Zeltlager. Dann sei die Gendarmerie gekommen und habe sie vertrieben. «Sie haben gesagt, Erdogan kommt, die Zelte müssen weg», erzählt die 50-Jährige unter Tränen. Ihr verbliebenes Hab und Gut liegt nun aufgerollt am Straßenrand. Diesen Ort mit all den Erinnerungen zurücklassen sei für sie nicht infrage gekommen, erzählt die 50-Jährige.

Vor einem Jahr habe sie bereits alles verloren. Ihr Zelt baute sie gegenüber den Trümmern auf, in denen ihre Familie gestorben ist. Die Zeltstadt sei vor dem Erdoganbesuch kurzerhand in ein Containerdorf umgezogen worden. Nach dem Erdbeben haben mehrere Millionen Menschen die Region verlassen. Diesen Ort mit all den Erinnerungen zurücklassen sei nicht infrage gekommen, erzählt die 50-Jährige.

Auch für Gönül Poyraz war das nie eine Option. Die alleinstehende Mittfünfzigerin hat das Erdbeben in ihrer Geburtsstadt Adiyaman erlebt und dabei ihre Schwester und ihren Neffen verloren. Freitags und sonntags kommt sie an das Grab, das sie mit persönlichen Gegenständen der Toten geschmückt hat. Die Region zu verlassen, bedeute auch, die Toten zurückzulassen, sagt sie - und bricht in Tränen aus.

Erdbeben / Katastrophen / Recep Tayyip Erdogan / Türkei
05.02.2024 · 17:51 Uhr
[0 Kommentare]
Fahrradweg (Archiv)
Berlin - Die Grünen zeigen sich offen für eine Verschärfung der Promillegrenze für Radfahrer. Die verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Swantje Michaelsen, sagte der "Rheinischen Post" (Samstag): "Einen zusätzlichen Alkoholgrenzwert für Radfahrer von 1,1 Promille unterstützen wir grundsätzlich." Bisher liegt die Grenze in Deutschland […] (00)
vor 6 Minuten
Shania Twain und Harry Styles
(BANG) - Harry Styles fühlt sich "geehrt und überwältigt", dass Shania Twain ihn auf seiner Tour unterstützt. Der ehemalige One Direction-Sänger hat eine siebenteilige Konzertreihe mit dem Titel 'Together Together' angekündigt, die von Mai bis Dezember läuft. Dabei wird er in Amsterdam, London, São Paulo, Mexiko-Stadt, New York, Melbourne und Sydney […] (01)
vor 1 Stunde
US-Vizepräsident JD Vance
Toledo/Washington (dpa) - Vizepräsident JD Vance hat die US-Wirtschaft in einer Rede ausgerechnet mit dem untergegangenen Schiff «Titanic» gleichgesetzt. Mit der Analogie wollte Vance wohl die aktuelle Krise der Lebenshaltungskosten in den USA erklären, stieß damit aber bei einigen Demokraten und in den sozialen Medien auf Spott.  Was genau hat Vance […] (00)
vor 6 Minuten
Größe zählt doch! Nested Lands verschiebt Release für ein Detail unter der Gürtellinie
Verschiebungen im Gaming-Kalender sind meistens eine dröge Angelegenheit, geprägt von PR-Floskeln über „Feinschliff“ oder hartnäckige Bugs, die noch ausgemerzt werden müssen. Manchmal jedoch erreicht uns eine Nachricht aus der Entwicklerstube, die so herrlich absurd ist, dass man einfach schmunzeln muss. Wenn ein Spiel seinen Starttermin nach hinten […] (00)
vor 52 Minuten
Leonardo DiCaprio
(BANG) - Leonardo DiCaprio bezeichnet die 13 Oscar-Nominierungen für 'One Battle After Another' als "das ultimative Kompliment". Der Hollywood-Star – der für seine Rolle in dem Film seine sechste Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller erhalten hat – ist sehr stolz auf den Streifen sowie auf die Arbeit von Drehbuchautor und Regisseur Paul Thomas […] (00)
vor 1 Stunde
FC Utrecht - KRC Genk
Utrecht (dpa) - Der belgische Fußballclub KRC Genk hat der niederländischen Polizei ein unverhältnismäßiges Vorgehen gegen Fans beim Auswärtsspiel in Utrecht vorgeworfen. Die Polizei hatte zuvor rund 1.200 Gäste-Fans wegen Sicherheitsbedenken von der Partie in der Europa League ausgeschlossen, die Genk 2: 0 gewann. Zuvor hatte sie rund 300 mitgereiste […] (01)
vor 1 Stunde
Schock-Fusion: Warum diese Airline jetzt 600 Millionen Schulden jagt
AirAsia X (AIRX.KL) vollzieht derzeit einen der radikalsten strategischen Wendepunkte in der asiatischen Luftfahrtgeschichte. Nach der Übernahme des Kurzstreckengeschäfts von Capital A (CAPI.KL) zielt die Airline nun auf eine massive Schuldenrestrukturierung in Höhe von 500 bis 600 Millionen US-Dollar ab. Dies bestätigte der stellvertretende Group CEO […] (00)
vor 22 Minuten
Neu bei PEUGEOT: 308 und 308 SW jetzt als BUSINESS-Version – Dieselmotor wieder bestellbar
Rüsselsheim, 23.01.2026 (lifePR) - Ab sofort sind der PEUGEOT 308 und der PEUGEOT 308 SW in der Ausstattungsvariante BUSINESS erhältlich. Speziell auf die Anforderungen im Arbeitsalltag zugeschnitten, verbinden beide Modelle umfangreiche Konnektivität, hohen Sitzkomfort und Effizienz mit dem markentypischen Design von PEUGEOT. Die Version BUSINESS baut auf der Ausstattungsvariante STYLE auf. […] (00)
vor 1 Stunde
 
Ukraine-Krieg - Witkoff in Moskau
Abu Dhabi (dpa) - Die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs […] (00)
Unfallserie auf der A44 - Tote und Verletzte
Paderborn (dpa) - Bei einer Unfallserie aufgrund von Glätte auf der Autobahn 44 bei […] (01)
snow, landscape, trees, winter landscape, snow landscape, cold, covered in snow, nature, winter, snow, snow, snow, snow, winter, winter, winter, winter, winter
Freitag, den 23. Januar 2026 – Deutschland erlebt eine anhaltende Kältephase mit […] (02)
Zwei Männer auf Fahrrad (Archiv)
Berlin - Die Union hält eine schärfere Promillegrenze für Radfahrer für zwingend […] (05)
GreedFall: The Dying World erscheint bald
NACON  und  Spiders Studio  geben in einem neuen Video bekannt, dass das narrative […] (00)
Netatmo – Mit smarten Außenkamera ORIGINAL mehr Sicherheit und Schutz gegen Einbrüche
Laut aktueller, jährlichen Statistik des GDV findet in Deutschland alle sechs Minuten […] (01)
5,3 Milliarden im Feuer: Warum der größte Deal der Börsengeschichte wackelt
Die Deutsche Börse forciert mit der Allfunds-Akquisition die europäische […] (00)
Marcel Friederich
Mainz (dpa) - Den großen Wendepunkt in seinem Leben leitete Marcel Friederich vor rund […] (01)
 
 
Suchbegriff