Strom vom Mond: 11.000 Kilometer Solarzellen auf dem lunaren Äquator sollen die Menschheit mit Energie versorgen
Ein Band aus Solarzellen, 11.000 Kilometer lang, rund um den Mondäquator gespannt, schickt die gewonnene Energie als Mikrowellen- oder Laserstrahl zur Erde. Das ist kein Romanplot, sondern der Vorschlag des japanischen Baukonzerns Shimizu Corporation. Das Unternehmen, 1804 gegründet, veröffentlichte das Konzept 2013 unter dem Namen Luna Ring. In jüngster Zeit findet es erneut Aufmerksamkeit, weil die Suche nach einer wetter- und tageszeitunabhängigen Energieversorgung dringlicher geworden ist.

Warum ausgerechnet der Mond?
Der Mondäquator dreht sich so langsam, dass jeder Punkt auf ihm zwei Wochen im Sonnenlicht und zwei Wochen im Dunkeln liegt. Ein Ring, der den gesamten Äquatorumfang umschließt, fängt trotzdem immer irgendwo Licht ein. Den erzeugten Strom leiten unterirdische Kabel zur erdzugewandten Mondseite. Von dort senden Antennen mit 20 Kilometern Durchmesser die Energie als Mikrowellen- oder Laserstrahl zur Erde, wo Empfangsstationen — sogenannte Rectennas — sie in Gleichstrom umwandeln. Wetter und Nacht unterbrechen diesen Betrieb nicht.
Mondstaub als Baustoff
Das größte Logistikproblem jedes Mondprojekts ist das Gewicht der Baumaterialien. Shimizu löst es, indem die Baustoffe größtenteils auf dem Mond selbst gewonnen werden. Mondregolith lässt sich zu Beton, Keramik, Glas und einfachen Solarzellen verarbeiten. Wasserstoff muss von der Erde angeliefert werden, um daraus mit Mondbodenoxiden Wasser herzustellen. Die Bauarbeit auf der Mondoberfläche übernehmen von der Erde aus ferngesteuerte Roboter, darunter selbstfahrende Produktionsanlagen, die sich vorwärtsbewegen und Solarmodule fortlaufend verlegen. Shimizu kalkuliert mit einem Aufbau über rund 30 Jahre.
Energie für die ganze Welt — theoretisch
Die Zielleistung des Luna Ring liegt bei 13.000 Terawatt, einem Vielfachen des heutigen weltweiten Stromverbrauchs. Die Solarzellen sollen auf dem Äquator bis zu 400 Kilometer Breite erreichen. In der offiziellen Projektbeschreibung von Shimizu heißt es, die Energie der Sonne werde „keinen negativen Einfluss auf die Umwelt der Erde haben, egal wie viel wir davon nutzen.“ Das ist die Prämisse des gesamten Konzepts: nicht Energiesparen, sondern Energieüberfluss aus einer Quelle jenseits der Erde.
Zwischen Vision und Wirklichkeit
Eine Kostenschätzung existiert nicht. Shimizu-Vertreter räumten gegenüber Medien ein, dass konkrete Zahlen fehlen. Die drahtlose Übertragung von Gigawattstrom über 380.000 Kilometer Entfernung ist in keiner Skalierung erprobt. Mondstaub, der Solarzellen verklebt und Mechanik beschädigt, bleibt ein offenes Ingenieursproblem. Weder JAXA noch NASA haben das Projekt gefördert oder eine Beteiligung angekündigt. Der Luna Ring teilt damit das Schicksal vieler großer Raumfahrtvisionen: Der physikalische Grundgedanke ist nicht falsch, aber Kosten, Logistik und fehlende Schlüsseltechnologien halten ihn auf dem Papier.
via TechRadar

