Schweizer Nationalbank vor möglicher Rückkehr zu Negativzinsen
Der Begriff der Negativzinsen, vielen noch in Erinnerung aus den frühen Tagen der COVID-19-Pandemie, könnte bald ein Revival erleben. Während 2020 die führenden Zentralbanken der Welt die Zinsen drastisch senkten, um ihrer hart getroffenen Wirtschaft unter die Arme zu greifen, könnte die Schweiz dieses Finanzinstrument erneut einsetzen.
Aktuell operiert kein großes Wirtschaftssystem mehr mit Null- oder Negativzinsen. Doch die Eidgenossenschaft erwägt genau diesen Schritt. Schwächelnde Preisentwicklung und ein verhaltener wirtschaftlicher Ausblick nähren die Erwartung, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) möglicherweise bald die Zinsen unter die Nulllinie senken könnte.
Neueste Daten des Schweizer Bundesamts für Statistik zeigen einen Rückgang der Verbraucherpreise um 0,1% im Mai 2025, den ersten deflationären Wert seit März 2021. Besonders bemerkenswert ist der Preisrückgang im Transportbereich (-3,7%), bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken (-0,3%), im Gesundheitswesen (-0,2%) sowie bei Haushaltswaren und Dienstleistungen (-2,6%).
Obwohl dieser moderate deflationäre Trend nicht unbedingt alarmierend ist, offenbart er dennoch die fragile Binnenwirtschaft und stellt die SNB vor Herausforderungen hinsichtlich ihres Inflationsziels, das eine Preisspanne von 0% bis 2% vorsieht.
Ökonom Niklas Garnadt von Goldman Sachs merkt an, dass die Schweizer Inflation im unteren Bereich dieser Zielspanne verharren könnte und identifiziert fallende Energiepreise sowie möglicherweise aufkommende Handelskonflikte als Einflussfaktoren für die Preisperspektive.
Die SNB hält ihren Leitzins derzeit bei 0,25%, doch angesichts der Entwicklungen erwarten Ökonomen eine Absenkung um 25 Basispunkte. Bis September, so die Annahme von Goldman Sachs, könnte der Leitzins bis auf -0,25% sinken. Eine 40%-ige Wahrscheinlichkeit besteht, dass die SNB zu aggressiveren Maßnahmen greift und den Zinssatz mit zwei weiteren Senkungen bis auf -0,75% senkt – ein historischer Tiefstand.
Obgleich die SNB auch Währungsmarktinterventionen in der Hinterhand hat, könnten Zinssenkungen die bevorzugte Maßnahme der nächsten Monate sein. Garnadt verdeutlicht, dass in der Schweiz die heimische Inflation stärker auf Zinssenkungen als auf Wechselkursanpassungen reagiert. Zudem steht die Schweiz auf der Beobachtungsliste des US-Finanzministeriums bezüglich möglicher Wechselkursmanipulation, was Interventionen im Devisenmarkt erschweren könnte.
Selbst wenn Währungsinterventionen nicht völlig ausgeschlossen sind, erinnert man sich an die Jahre nach 2008, in denen die SNB regelmäßig den Franken durch Devisenkäufe stabilisiert hat. Dies verdeutlicht einmal mehr die schwierige Gratwanderung, der sich die SNB gegenübersieht – der Balanceakt zwischen der Unterstützung der Inflation und der Gefahr des übermäßigen Rückgriffs auf unkonventionelle Maßnahmen.

