Investmentweek

Schufa öffnet die Blackbox – was die Offenlegung der Score-Formel wirklich bedeutet

27. März 2025, 20:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Nach jahrzehntelanger Intransparenz will Schufa-Chefin Tanja Birkholz die geheime Berechnungsformel für den Kredit-Score offenlegen. Ein Paradigmenwechsel mit politischem Druck, wirtschaftlicher Tragweite – und überraschend vielen Risiken für die Auskunftei selbst.

Der Score, der Leben bestimmt

Ein einziger Wert – und doch entscheidet er über Kredite, Mietverträge, Handyverträge und oft über soziale Teilhabe: Der Schufa-Score gehört zu den einflussreichsten, aber intransparentesten Faktoren im deutschen Alltag. Wie genau er entsteht, blieb bisher ein Geschäftsgeheimnis – geschützt wie ein Banktresor.

Damit soll nun Schluss sein. Tanja Birkholz, seit 2020 Vorstandsvorsitzende der Schufa Holding AG, hat ein Ziel: die Formel offenlegen, die über die finanzielle Vertrauenswürdigkeit von rund 68 Millionen Deutschen urteilt. Es wäre ein Bruch mit der jahrzehntelangen Praxis – und ein riskantes Spiel mit dem eigenen Geschäftsmodell.

Eine Entscheidung gegen die eigene DNA

Die Offenlegung ist kein PR-Gag. Sie ist das Ergebnis jahrelangen Drucks – durch Gerichte, Datenschützer, Verbraucherschützer, Medien. Die Schufa musste sich gegen Vorwürfe wehren, sie schaffe faktisch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft – ohne Rechenschaft. Wer einen schlechten Score hat, weiß bis heute oft nicht, warum.

Noch 2018 verteidigte die Schufa ihre Intransparenz vor dem Bundesgerichtshof. Damals hieß es: Die Offenlegung sei geschäftsschädigend. Die Formel sei komplex, dynamisch – und ein Betriebsgeheimnis. Heute denkt man in Wiesbaden anders.

Warum Birkholz die Formel freigibt – und was sie davon hat

Tanja Birkholz steht für eine neue Strategie: mehr Nähe zur Politik, mehr Dialog mit der Zivilgesellschaft. In Zeiten wachsender Datenschutzsensibilität sei „Vertrauen ein Wettbewerbsfaktor“, heißt es im Umfeld der Schufa.

Zudem hat sich die Bedrohungslage verändert: Alternative Anbieter wie Bonify, Finapi oder Open-Banking-Plattformen greifen die Vormachtstellung der Schufa an. Banken experimentieren mit eigenen Risikomodellen. Der Schufa-Score verliert an Exklusivität – und damit an Schutz.

Die Schufa bewertet rund 68 Millionen Deutsche – auf Basis bislang intransparenter Algorithmen. Der Vorstoß zur Offenlegung kommt, nachdem Gerichte und Datenschützer jahrelang Druck aufgebaut hatten.

Durch Transparenz will Birkholz Vertrauen zurückgewinnen – und verlorene Deutungshoheit im Datenmarkt sichern. Doch was wie ein mutiger Kulturbruch wirkt, ist auch ein strategisches Manöver zur Selbstbehauptung.

Was ist der Schufa-Score eigentlich?

Der Basisscore der Schufa ist eine statistische Prognose: Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Person ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommt?

Die Formel nutzt dazu persönliche Daten, Zahlungshistorien, Kreditnutzungen, Kontoeröffnungen, Adressdaten – aber bislang blieb unklar, wie stark einzelne Faktoren gewichtet werden.

Genau das will Birkholz nun transparent machen. Noch nicht öffentlich ist, wie konkret die Offenlegung aussieht: Wird die Formel vollständig offengelegt? Oder werden nur Gewichtungsprinzipien skizziert? Und: Gilt das nur für den Basisscore oder auch für die spezifischen Scores, die Banken erhalten?

Transparenz mit Nebenwirkungen

Die Offenlegung bringt Risiken – vor allem für die Schufa selbst. Sobald bekannt ist, welche Faktoren den Score wie stark beeinflussen, steigt die Gefahr der Manipulation. Menschen könnten bewusst Score-relevantes Verhalten simulieren.

Noch problematischer: Banken, Mobilfunkanbieter oder Handelsketten könnten die Formel nutzen, um ihre eigenen Algorithmen zu trainieren – und künftig auf die Schufa verzichten. Was als Schritt zur Vertrauensbildung beginnt, könnte das Kerngeschäft der Auskunftei untergraben.

Verbraucherschützer sehen Reformpotenzial – aber keine Revolution

Verbraucherschützer begrüßen die Ankündigung grundsätzlich. Doch sie mahnen: Transparenz allein reiche nicht. Gefordert wird eine vollständige Offenlegung, nachvollziehbare Erklärungen – und die Möglichkeit zur Korrektur durch den Verbraucher.

Zudem fordern Datenschützer ein kritisches Update der Datenbasis. Noch immer speichert die Schufa Informationen über Kontobewegungen, Ratenkäufe oder Adresswechsel – auch wenn sie für die Kreditwürdigkeit gar nicht zwingend relevant sind. Die Formel offenlegen, aber die Datenbasis im Schatten lassen – das wäre Augenwischerei.

Ein Markt mit Bewegung – und neuem Wettbewerb

Mit der Digitalisierung verändert sich auch der Markt für Bonitätsprüfungen. Start-ups nutzen offene Bankdaten, um in Echtzeit zu bewerten, wie jemand wirtschaftet. Anbieter wie Finleap, Finapi oder CrifBürgel arbeiten mit alternativen Scores – manche in Kooperation mit Banken, andere direkt mit Verbrauchern.

Auch Google, Apple oder Paypal verfügen längst über umfassende Zahlungsdaten – und könnten mittelfristig eigene Modelle anbieten. Insofern geht es für die Schufa nicht nur um Transparenz. Sondern ums Überleben in einem Markt, der sich technologisch und regulatorisch neu sortiert.

Der nächste Schritt entscheidet alles

Noch ist unklar, wie konkret die neue Transparenzoffensive aussehen wird – und ob sie mehr ist als ein symbolischer Schritt. Doch eines steht fest: Die Zeit der Blackbox ist vorbei. Die Schufa muss liefern – oder verliert weiter Vertrauen, Marktanteile und Relevanz.

Für Tanja Birkholz ist das ein Wendepunkt. Ihre Vorgänger kämpften vor Gericht um das Schweigen. Sie kämpft nun um Glaubwürdigkeit – mit offenen Karten. Ob das Spiel für die Schufa damit leichter wird, ist offen. Aber dass es ein anderes wird, steht längst fest.

Finanzen
[InvestmentWeek] · 27.03.2025 · 20:00 Uhr
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