Ausnahmepianist

Schlussakkord eines Klassikweltstars: Alfred Brendel ist tot

17. Juni 2025, 19:08 Uhr · Quelle: dpa
Der Pianist Brendel verzückt sein Publikum weltweit in ausverkauften Häusern. Als Autor erfreut er die Leser mit klugen Analysen und Humor. Hustende Zuschauer nerven ihn. Nun ist er mit 94 gestorben.

London (dpa) - Alfred Brendel galt als einer der bedeutendsten Musiker des 20. und 21. Jahrhunderts und als Genie an den Tasten. Wo der Pianist auftrat, verzückte er sein Publikum. Experten sind sich einig: Besonders die Werke von Beethoven interpretierte kaum einer so meisterhaft wie Brendel. Bereits vor Jahren hatte sich der Österreicher vom Konzertpodium verabschiedet. Am 17. Juni ist Alfred Brendel im Alter von 94 Jahren in London gestorben.

«Wie sehr, sehr traurig», schrieb der deutsche Pianist Igor Levit zum Tode Brendels auf X. «Ein einzigartiger Musiker und Künstler, ein Gigant ist gegangen.»

Einen einzelnen Höhepunkt in seiner langen Karriere vermochte Brendel nicht auszumachen. «Ich bin dankbar dafür, dass ich mich über 60 Jahre hinweg ohne Überstürzung entwickeln konnte», sagte der begnadete Pianist im Interview zu seinem 90. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur.

Opern am Schallplattenspieler mitgesungen

Geboren wurde Alfred Brendel am 5. Januar 1931 in Wiesenberg, das heute zu Tschechien gehört. «Meine Eltern waren nicht musisch», erinnerte er sich, «aber es gab zu Hause einen Flügel, und ich bekam Klavierstunden, wie es sich für eine bürgerliche Familie gehört.»

Die Operettenarie «Ob blond, ob braun» und das Berliner Chanson «Ich reiß’ mir eine Wimper aus/Und stech Dich damit tot», gesungen von seiner eigenen Mutter, waren die ersten musikalischen Eindrücke des jungen Alfred. Als Kind habe er versucht, zu Opernmusik auf Schallplatte zu singen.

Während des Krieges lebte die Familie zeitweise in Jugoslawien, nach der Rückkehr nach Österreich studierte er am Konservatorium in Graz. Schon als Teenager nahm Brendels Karriere Fahrt auf. «Mit 16 sagte meine Lehrerin, ich könne mich nun allein fortbewegen, solle einen ersten Klavierabend geben, und dem großen Pianisten Edwin Fischer vorspielen», erzählte Brendel. «Von meinem siebzehnten bis zum siebenundsiebzigsten Jahr gab ich Konzerte.»

Weltruhm in den 50er Jahren

In den 50er Jahren wurde er als Konzertpianist auch international bekannt. In dieser Zeit machte er seine ersten Aufnahmen, denen über die Jahrzehnte unzählige Tonträger folgten. 

Er spielte zahlreiche Zyklen von Beethovens Sonaten und Konzerten und nahm als Erster das vollständige Klavierwerk auf. Brendel wird ein maßgeblicher Anteil daran zugeschrieben, Haydns Bedeutung als Komponist hervorzuheben. Er etablierte die Musik vieler Komponisten im Konzertrepertoire und machte ihr Werk populärer.

Brendels Interpretationen von Haydn, Mozart, Beethoven oder Schubert wurden weltberühmt. Schuberts Musik sei für ihn «die am unmittelbarsten berührende», sagte er, die Gesamtheit seiner Lieder sei «einer der Gipfel der Musik».

Bloß nicht husten

Seine gefeierten Konzertreisen führten den vielfach ausgezeichneten Musiker sechs Jahrzehnte lang um den Globus. Am besten habe es ihm dort gefallen, «wo die Säle am schönsten klingen» und «wo alte und neue Musik aufgeführt wird», sagte Brendel und fügte hinzu: «Und wo das Publikum am wenigsten hustet.» Der Ausnahmepianist war bekannt dafür, auch mal ein Konzert zu unterbrechen, wenn ihn das Husten zu sehr störte.

Dem Werk und der Absicht seines Komponisten gerecht zu werden, war Brendel, den die «Süddeutsche Zeitung» einmal als «Lordsiegelbewahrer der Klassik» bezeichnete, das höchste Anliegen. Geholfen habe ihm, dass er auch das Komponieren gelernt habe. «Die Erfahrung, ein Musikstück zum ersten bis zum letzten Ton zu führen und niederzuschreiben, wird dem Interpreten helfen, fremde Texte besser zu verstehen.»

In seinem Buch «Nach dem Schlussakkord» entschuldigte er sich - sicher mit einem Augenzwinkern - bei den Komponisten «für alles, was ich ihnen angetan habe». Weiter schrieb er: «Dem Werk gerecht zu werden, ist schwierig genug, gelingt selten genug und ist, wie ich finde, aufregend genug.»

Zweite Karriere als Autor

Neben dem Spielen und dem Komponieren war das Schreiben ein «zweiter Lebenszweck» für Brendel. Er verfasste zahlreiche Bücher und Essays über Musik, dazu skurrile Gedichte, etwa über «ein Speckschwein, ein richtiges Speckschwein», das täglich bei ihm anruft. «Grunzend erzählt es mir sein Leben, wühlt metaphorisch gesprochen im eigenen Schlamm.» Auch das Lachen war eine Leidenschaft Brendels.

Seit den 70er Jahren lebte der vierfache Familienvater und Großvater in London. «Wien war damals provinziell. Ich sehnte mich nach einer großen lebendigen Stadt», sagte er kurz vor dem Brexit, über den sich der weltgewandte Pianist enttäuscht äußerte. «Aber es gab auch persönliche Gründe.»

Über sein Lebenswerk äußerte sich Alfred Brendel im dpa-Gespräch fast schon bescheiden. «Ich war weder ein Wunderkind, noch hatte ich eine allzu frühe sensationelle Karriere auszustehen», sagte er und äußerte eine Hoffnung. «Es wäre schön, wenn die eine oder andere meiner eigenen Aufnahmen auch in Zukunft ihre Hörer fände.»

Musik / Leute / Klassik / Todesfälle / Großbritannien / Österreich / Porträt
17.06.2025 · 19:08 Uhr
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