Analyse zu Tätern und Opfern

Schikane im Job, Attacke im Netz - Studie sieht mehr Mobbing

07. November 2025, 12:25 Uhr · Quelle: dpa
Cybermobbing
Foto: Marijan Murat/dpa
Im Netz und im realen Leben - oft am Arbeitsplatz - wird laut Studie zunehmend schikaniert, diffamiert, beleidigt. (Symbolbild)
Eine Studie warnt vor der Zunahme von Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen in Deutschland. Besonders junge Menschen leiden unter den Folgen, die bis zu Suizidgedanken reichen.

Berlin/Köln (dpa) - Anonyme Anrufe, Beleidigungen, massive Drohungen - seit vielen Jahren wird Susanne gemobbt. Erst als Jugendliche, dann als junge Erwachsene. Gehässige Bemerkungen und Ausgrenzungen setzten ihr über lange Zeit in der Schule zu, schildert die Kölnerin. Es gab auch «Schikane per Telefon». Tag und Nacht. Seit 2023, nun als Berufstätige, machen ihr Hassmails zu schaffen. «Ich wurde beleidigt, diffamiert, mir wurde mit Mord gedroht. Es wurden auch Aufrufe in Online-Foren erstellt, um mich fertig zu machen.»

Im Netz, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, im Freundeskreis: Mobbing und Cybermobbing nehmen einer Studie zufolge auch bei Erwachsenen weiter erheblich zu und betreffen viele Millionen Menschen in Deutschland. Es habe sich gezeigt, dass kaum ein Lebensbereich im privaten wie beruflichen Umfeld verschont bleibe, berichtet das Bündnis gegen Cybermobbing bei Vorstellung seiner laut eigenen Angaben repräsentativen Befragung.

Die zentralen Ergebnisse mit teils alarmierenden Befunden 

Das Bündnis hatte demnach kürzlich 2.300 Personen zwischen 18 und 65 Jahren bundesweit online befragt. Laut Analyse waren 37 Prozent der Befragten schon einmal «klassischen» Mobbing-Attacken ausgesetzt. Das  bedeute einen Anstieg um 12,9 Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung 2021 und entspreche rund 19 Millionen Menschen in der Altersgruppe.

Die meisten Vorfälle finden demnach in der Arbeitswelt statt - rund 43 Prozent. Trauriger Befund der Befragung auch: Vorgesetzte seien in über der Hälfte der Mobbingfälle am Arbeitsplatz als Täter oder Mittäter beteiligt.

Beim Cybermobbing sei von mehr als 7,2 Millionen Opfern auszugehen. Davon waren rund 14 Prozent der Befragten betroffen - das sei eine Zunahme um sogar 21,7 Prozent im Vergleich zu 2021 bei den 18- bis 65-Jährigen (damals gaben das 11,5 Prozent an). Die meisten Cybermobbing-Opfer sind zugleich auch Opfer von «klassischem» Mobbing. In beiden Mobbing-Problemfeldern verschärfe sich die Situation nun schon seit der ersten Befragung von 2014 stetig weiter, betont der Vorsitzende des Bündnisses, Uwe Leest. «Mobbing ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft.»

Besonders alarmierend sei die hohe Zahl der betroffenen jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) - etwa ältere Schüler, Azubis oder Lehrlinge. Hier hätten 45 Prozent mit Mobbing und 25 Prozent mit Cybermobbing zu kämpfen. Das Risiko, Mobbing-Opfer zu werden, sinke deutlich mit zunehmendem Lebensalter. 

Wer sind die Täter und was sind ihre Motive?

Auch die Zahl der Täter steige. Rund 82 Prozent der Täter waren nach eigenen Angaben zuvor schon mal Opfer von Mobbing im Netz oder im realen Leben. «Wir sehen in der Studie, dass immer mehr Opfer zu Tätern werden. Unrecht wird mit Unrecht vergolten», sagt Leest auf dpa-Anfrage.

Bei den jüngeren Erwachsenen zeige sich, dass das gelernte negative Verhalten in Jugend- und Schulzeit häufig übernommen werde ins Arbeitsleben. Ein «erfolgreicher» Täter, der nicht gestoppt wurde, suche sich oft auch mehrere Opfer oder halte nach Mittätern Ausschau. Das «klassische» Mobbing sei auch ein «Gruppenphänomen», heißt es. Das am häufigsten (52 Prozent) von Tätern genannte Motiv war: «weil andere das auch tun». Beim Cybermobbing spielen hingegen direkte Konflikte mit dem Opfer eine stärkere Rolle.

Wie wird Mobbing definiert?

Als Mobbing gilt in der Befragung, wenn jemand gezielt und systematisch Angriffen wie Anfeindungen, Schikane und Diskriminierung ausgesetzt ist - und das wiederholt und über einen längeren Zeitraum. Unter Cybermobbing fallen demnach etwa Belästigung, Beleidigung, Diffamierung, Bloßstellung oder Nötigung über das Internet - über soziale Netzwerke, Mails, Chatrooms, Videos. Eine allgemeingültige Definition für die beide Begriffe gebe es bisher nicht.

Die Folgen können seelisch und körperlich gravierend sein

Fast die Hälfte der Opfer klagen etwa über Depressionen, schwindendes Selbstwertgefühl, Persönlichkeitsveränderungen. Die Lebensqualität sei nicht selten stark eingeschränkt. Es könnten auch körperliche Probleme auftreten. Fast ein Viertel unter den Cybermobbing-Opfern habe angegeben, Suizidgedanken zu haben. Das alles zeige sehr deutlich, dass man es nicht mit einem Kavaliersdelikt zu tun habe, betont Leest.

Unternehmen schadet das Problem ebenfalls

Der direkte wirtschaftliche Schaden durch Krankheitstage infolge von Mobbing belaufe sich auf rund 4,3 Milliarden Euro im Jahr, schätzen die Studienautoren. Mobbing am Arbeitsplatz senke zudem die Arbeitsleistung, manchmal werde die Stelle gewechselt. Betriebe sollten solche Angriffe schon aus eigenem Interesse angehen. «Unternehmen brauchen eine Sozialcharta.»

Leest unterstreicht: «Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern wir haben ein Handlungsproblem.» Sensibilisierung und Prävention müssten schon in der Schule beginnen. Es sei mehr Unterstützung für Hilfesuchende nötig.

Mit Therapie und Hilfe von Freunden rausgekämpft

Susanne (30) vertraute sich lange Zeit niemandem an. Aus Scham. Sie fühlte sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher. «Das Ganze machte mir große Angst.» Sie kämpfte auch mit Schlafstörungen, innerer Unruhe, zog sich zurück. Erst mit therapeutischer Hilfe ging es allmählich wieder aufwärts. «Mithilfe der Therapie kam ich auch aus der sozialen Isolation heraus und damit erhalte ich auch viel Unterstützung von Familie, Freunden und Bekannten.»

Update: Im dritten Absatz wurde eine Zahlenangabe zu Cybermobbing-Opfern korrigiert: Es muss richtig heißen: Beim Cybermobbing sei von mehr als 7,2 Millionen Opfern auszugehen. Davon waren rund 14 Prozent der Befragten betroffen - das sei eine Zunahme um sogar 21,7 Prozent im Vergleich zu 2021 bei den 18- bis 65-Jährigen (damals gaben das 11,5 Prozent an). Zuvor war die Zuordnung des Anstiegs um 21,7 Prozent falsch - nicht die absolute Zahl der Opfer stieg um 21,7 Prozent, sondern die Zahl der Befragten, die angaben, Opfer geworden zu sein.
Gesellschaft / Kriminalität / Internet / Deutschland / Nordrhein-Westfalen
07.11.2025 · 12:25 Uhr
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