Richard von Weizsäcker: Politische Autorität bis in den Tod

31. Januar 2015, 12:26 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Richard von Weizsäcker war bis zu seinem Tode eine politische Autorität weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Der frühere Bundespräsident verkörperte nach Weltkrieg und Holocaust wie kaum ein anderer das geläuterte, weltoffene Deutschland. Am 8. Mai jährt sich zum 30. Mal seine wohl berühmteste Rede zum Kriegsende 1945. In der Bevölkerung galt er als Idealtypus eines deutschen Staatsoberhaupts. Alle Nachfolger mussten sich an ihm messen lassen.

Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt blieb Weizsäcker weltweit ein gefragter Mann, sei es in der Kommission zur Reform der UN, sei es als Mahner für eine Welt ohne Atomwaffen. Unzählige Auszeichnungen unterstreichen seine hohe internationale Reputation. Zu seinem 90. Geburtstag schrieb Kanzlerin Angela Merkel: «Mit Würde, Augenmaß und Umsicht haben Sie schon jetzt einen bedeutenden Platz in der politischen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gefunden.»

Zuletzt war es allerdings still um ihn geworden. Zum 20. Juni 2014 meldete er sich noch einmal in der «Bild»-Zeitung zu Wort und würdigte den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg: «Ich war Stauffenberg schon 1942 begegnet. ... Eine eindrucksvolle Erscheinung mit leuchtenden Augen, charakterstark, mitreißend. Für mich, den jungen Soldaten Anfang 20, war es imponierend, ihn zu erleben.»

Richard von Weizsäcker diente als Offizier im Zweiten Weltkrieg. Der Freiherr, am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, wuchs im «preußischen» Berlin heran. Er stammt aus dem schwäbischen Bildungsbürgertum - der Urgroßvater ist Theologe, der Großvater württembergischer Ministerpräsident, der Vater seit 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin. Großonkel, Onkel und Bruder Carl Friedrich sind renommierte Wissenschaftler.

Anders als es die Familientradition vorgab, ging er in der jungen Bundesrepublik zunächst in die Wirtschaft - 1953 zuerst zu Mannesmann, nach Zwischenstation 1962 bis 1966 in die Chefetage des chemisch-pharmazeutischen Unternehmens C.H. Boehringer in Ingelheim am Rhein.

Doch Anfang 1965 steht der CDU-Fraktionschef im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren in die Politik «abholen». Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt vorerst ab. 1969 kann er dann aber nicht mehr widerstehen. Kohl versuchte damals, die katholisch und kleinbürgerlich geprägte CDU zu einer modernen Volkspartei zu machen.

Der promovierte Jurist Weizsäcker passt dafür bestens ins Bild. Richard von Weizsäcker gilt als liberal-konservativ und pflegt als Diplomaten-Sohn eine gewisse Weltoffenheit. Er ist ein Mann aus der Wirtschaft, Protestant und Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages - und er ist ein brillanter Redner.

Die Vorteile, die Kohl damals für seine CDU in der Person Weizsäcker noch sah, führten letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Parteipatriarchen und dem «eigensinnigen» Intellektuellen. Kohl wirft Weizsäcker mit den Jahren immer lauter vor, er habe vergessen, dass er auf der Parteischiene Karriere gemacht habe. Weizsäcker lässt im Gegenzug nicht ganz uneitel durchblicken, die CDU schmücke sich gerne mit ihm. Er bleibt stets auf Distanz zum Parteiensystem. Anfang der 1990er Jahre hält er den Parteien gar vor, sie seien «machtversessen und machtvergessen».

Kohl sorgte zunächst dafür, dass Weizsäcker schnell Karriere machte. Bei der Bundestagswahl 1969 bekommt er einen sicheren Listenplatz, 1979 wird er Bundestagsvizepräsident. 1981 erringt Weizsäcker im zweiten Anlauf, dieses Mal gegen den SPD-Mann Hans-Jochen Vogel, das Amt des Regierenden Bürgermeisters in der «Frontstadt» Berlin.

In Berlin erbringt Weizsäcker den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Dem CDU-Mann gelingt, was der SPD weder in Berlin noch in Hamburg gelang: eine Beruhigung der militanten Hausbesetzerszene.

Entgegen seiner Zusicherung, Berlin als «Lebensaufgabe» zu sehen, drängt er jedoch drei Jahre später - gegen den entschiedenen Widerstand Kohls - ins Bundespräsidentenamt. Schon zehn Jahre vorher, 1974, hatte er sich beworben, ein Zeichen dafür, dass Weizsäcker in seiner politischen Laufbahn nicht immer nur gebeten werden musste.

Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner politischen Eigenständigkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung - das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung «von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft». Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst von der «Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte», gesehen werden.

Die Gedanken waren schon damals nicht ganz neu. Dass sie jedoch von einem Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wurden, da sein eigenes konservatives Lager zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt schien, gab der Rede eine andere Dimension. An manchen Stellen seiner Rede erhielt Weizsäcker von der Opposition mehr Beifall als aus den eigenen Reihen.

Die Rede des damals 65-jährigen Weizsäckers ist auch Ergebnis der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kriegserlebnissen. Dabei war ihm selbst wenig vorzuwerfen. Er stand dem Widerstand nahe. Anders sein Vater Ernst. Die Amerikaner sahen in dem Außen-Staatssekretär unter den Nazis einen der vielen Schreibtischtäter. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1948/49 unterstützt Richard als Jurastudent die Verteidiger des Vaters. Der Familie Weizsäcker ging es vor allem darum, die Deutungshoheit über das Wirken des Vaters zu behalten.

In dieser Auseinandersetzung zeigte Richard von Weizsäcker - anders als der überwiegende Teil der Deutschen - schon wenige Jahre nach dem Krieg ein hohes Maß an Selbstkritik. Er war beim Einmarsch der Wehrmacht in Polen dabei, gleich am zweiten Kriegstag fiel sein Bruder Heinrich. Die Aussöhnung mit Polen machte er nach dem Krieg auch deshalb zu seinem Anliegen. Konsequenterweise hegte er Sympathien für die Ost-Politik Willy Brandts.

Dankbar zeigte sich Weizsäcker, dass die Wiedervereinigung in seine zehnjährige Amtszeit als Bundespräsident fiel. Bald nach der Wende verlegt er den ersten Amtssitz des Präsidenten von Bonn nach Berlin. Er würdigte grundsätzlich die Entscheidungen Kohls, die der Einheit vorausgingen, kritisierte aber, dass die Politik den Wählern im Westen vorgemacht habe, «die Vereinigung kostet euch nichts». Nur konsequent, dass Kohl Weizsäcker vorwarf, er habe sich immer für den Klügsten und Besten gehalten.

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31.01.2015 · 12:26 Uhr
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