Report: Sonne, Sangría und Schweinegrippe

28. Juli 2009, 15:04 Uhr · Quelle: dpa
Palma (dpa) - Angst vor der Schweinegrippe? Da brechen die fünf Jungs aus Geldern in Nordrhein-Westfalen in herzhaftes Lachen aus. Dann drehen sie ihren Ghettoblaster lauter.

Die Bochumer Punk-Band «Die Kassierer» schallt über den für Mallorca-Partyurlaub bekannten Strandabschnitt rund um den Kiosk «balneario 6», in Deutschland kurz als Ballermann bekannt. Die Clique grölt «Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist» und dann noch ein bisschen lauter «In den großen Ferien infizierst Du dich mit Todesbakterien». Das Lied passe so gut zur aktuellen Panik vor der Pandemie. «Das hören wir jetzt öfter», sagen sie grinsend über ihren Kalauer.

Die Spaß-Urlauber, alle um die 22, ziehen die Virus-Furcht ins Lächerliche und amüsieren sich dabei prächtig. Auf ihren Handtüchern mit Blick aufs Mittelmeer wippen sie mit, jeder hält ein Bier in der Hand. Bald wollen sie ihren kleinen Sonnenschirm einpacken, in ihr Hotel zurückschlappen und sich frisch machen für die Nacht: Weiterfeiern in den Trinkhallen und Diskotheken hinter dem Strand- Boulevard. «Wir haben die Hoffnung, dass die Insel abgeriegelt wird und wir für immer hierbleiben müssen», scherzt noch einer von ihnen.

Trotz der Verunsicherung in Deutschland über eine erhöhte Ansteckungsgefahr im Spanien-Urlaub ist am Ballermann auf den ersten Blick alles wie immer. «Ich habe nicht bemerkt, dass sich die Gäste in irgendeiner Form vorsichtiger verhalten», sagt Isabel García, die seit zehn Jahren an der Theke des «balneario 6» Sangría und Bier verkauft. Allenfalls seien es insgesamt in diesem Sommer etwas weniger Touristen, aber das führt sie auf die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise zurück. Wenig los ist damit aber noch lange nicht. Allein in der vergangenen Woche reisten am Flughafen nach Schätzungen der zuständigen Behörde rund 695 000 Passagiere an und ab.

Mit Schweinegrippe haben sich laut der letzten Veröffentlichung des regionalen Gesundheitsministeriums vom vergangenen Freitag auf den balearischen Inseln bisher 58 Menschen infiziert - nicht mitgezählt die deutschen Urlauber, bei denen das Virus erst in der Heimat festgestellt worden ist. Künftig wollen die spanischen Behörden die Zahl der Infektionen nicht mehr in absoluten Zahlen, sondern nur noch in Prozent angeben, wie dies auch bei der normalen Grippe üblich ist. Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt unterdessen, ein Großteil der neuen Fälle in Deutschland gehe auf Reiserückkehrer aus Spanien zurück, etlichen Landesbehörden melden importierte Fälle aus Mallorca.

«Anstecken kann man sich doch auch in Deutschland. Die Hysterie kann ich nicht verstehen», sagt auch Iluna Ertz aus Wittlich in Rheinland-Pfalz. Die 40-Jährige sitzt mit ihrem Mann, ihren beiden Teenagertöchtern und ihrem kompletten Reisegepäck an einem Tisch der Terrasse des Strandkiosks. Sie kommen gerade von einer Kreuzfahrt zurück, steigen noch am selben Tag in den Flieger nach Deutschland. Die wenigen Stunden auf der Insel verbringen sie bewusst am Ballermann. «Wir wollten den Kindern mal zeigen, wie das wirklich ist», sagt Ehemann Helmut Ertz (42).

Ein bisschen gezittert wird dann aber doch. In der privaten Arztpraxis Salus, mitten in dem Gebiet aus Hotels, Restaurants und Bars, sind die Anfragen besorgter Urlauber merklich gestiegen. «Es kommen rund 20 Prozent mehr Leute als sonst», schätzt Brigitte Bremert-Heller, die dort am Empfang sitzt. Dabei sind Symptome wie Hals-, Kopf- und Ohrenschmerzen nichts Neues in der Praxis, die sich im Sommer vorrangig um kranke deutsche Touristen kümmert. «Jetzt sind alle schon beim Hereinkommen überzeugt, dass sie die Schweinegrippe haben. Aber ernst nehmen muss man das natürlich trotzdem», sagt Bremert-Heller.

Ein paar Meter weiter, im gut gefüllten Partytempel «Megapark», steigt indessen die Stimmung. Draußen wird es dunkel, drinnen haben die Go-Go-Girls schon erfolgreich ein paar Urlauber zum Tanzen auf den Tischen animiert. «Put your hands up in the air» dröhnt es aus den Boxen. Sina Spreen (19) zieht sich ihr T-Shirt halb übers Gesicht, hält den Bierkrug an den Mund und drückt ihrer Freundin die Kamera in die Hand. Klick, ein Schweinegrippen-Ulk-Foto. «In Deutschland machen sie sich viel mehr Sorgen, hier vergisst man das alles» sagt die braunhaarige Abiturientin aus der Region um Minden.

Mehr Bedenken hatten Sarah Becker und ihre Freundinnen aus Bremen. «Die ersten zwei Nächte sind wir im Hotel geblieben, weil es in der Disco ja am gefährlichsten sein soll. Aber dann haben wir uns beim Monopolyspielen so in die Haare bekommen, dass wir jetzt doch raus sind», erzählt die 20-Jährige. Nun trinkt die Mädels-Truppe, deren Oberteile den grünen Glitzer-Schriftzug «Malle 09» tragen, mit Riesen-Strohhalmen aus einem Maßkrug. Es dauert nicht mehr lang, dann klettern auch sie auf die Barhocker, recken die Arme in die Höhe und klatschen mit. Schließlich sind sie im Urlaub.

Gesundheit / Grippe / Spanien
28.07.2009 · 15:04 Uhr
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