Qualifizierung und Re-Skilling entscheiden über Deutschlands Innovationsfähigkeit
KI und Co.: 80 Prozent der Ingenieure sehen hohen Qualifizierungsbedarf

04. März 2026, 15:48 Uhr · Quelle: Pressebox
Qualifizierung und Re-Skilling entscheiden über Deutschlands Innovationsfähigkeit
Foto: Pressebox
KI beschleunigt den Wandel: VDI-Studie zeigt massiven Re-Skilling-Bedarf in Ingenieurberufen
Eine VDI-Studie warnt vor Fachkräftemangel und betont den Bedarf an Re-Skilling für Ingenieure, um die Innovationsfähigkeit zu sichern.

Düsseldorf, 04.03.2026 (PresseBox) - Deutschland steht vor einer strukturellen Paradoxie: Während in einzelnen Industriezweigen Stellen abgebaut werden, fehlen in anderen Bereichen Ingenieurinnen und Ingenieure. Technologische Sprünge – insbesondere getrieben durch Künstliche Intelligenz – verändern Kompetenzprofile rasant. Gleichzeitig verschärfen demografischer Wandel und internationaler Wettbewerbsdruck den Fachkräftemangel. Eine aktuelle VDI-Studie zeigt, dass Qualifizierung und Re-Skilling in technischen Berufen keine Randthemen sind, sondern ein Schlüssel, um Fachkräfte gezielt in neue Aufgaben zu bringen.

80 % geben an, ihre Kompetenzen erweitern zu müssen

Die VDI-Studie, die im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ durchgeführt wurde, verdeutlicht den Handlungsdruck:

  • Rund 80 % der befragten Ingenieurinnen und Ingenieure geben alters- und branchenunabhängig an, ihre Kompetenzen in den kommenden drei Jahren erweitern zu müssen, um beruflich erfolgreich zu bleiben.
  • Knapp zwei Drittel sehen einen hohen oder sehr hohen Re-Skilling-Bedarf in ihrer Branche.
  • 71 % zeigen ein hohes oder sehr hohes Interesse an entsprechenden Weiterbildungsangeboten.
  • Rund 1/4 der Befragten bewerten die Zukunftsfähigkeit ihrer Branche bzw. Ihres Unternehmens als kritisch, insbesondere in Teilen der Chemie-, Metall- und Fahrzeugindustrie.
In den kommenden zehn Jahren werden rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Gleichzeitig sind bereits heute über 100.000 Stellen im Ingenieur- und IT-Bereich unbesetzt. Geplante Investitionen erhöhen den Bedarf zusätzlich, etwa in Infrastruktur, Verteidigung und Zukunftstechnologien.

Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen ist laut den Ergebnissen vorhanden. Doch gezielte Qualifizierung und Re-Skilling scheitern häufig an strukturellen Rahmenbedingungen, Transparenz und zeitlichen Ressourcen.

Die Studie analysiert diese Zusammenhänge entlang des im VDI entwickelten 5-Ebenen-Modells, das Transformationsprozesse systematisch entlang von gesellschaftlichen, regulatorischen, ökonomischen, individuellen und technologischen Faktoren einordnet.

„Technologischer Fortschritt wird nur dann gesellschaftlich wirksam, wenn der regulatorische Rahmen es zulässt, Geschäftsmodelle zu etablieren, welche durch hervorragend qualifizierte Menschen technologisch fundiert ausgestaltet werden. Erfolgreiche Transformation gelingt nur, wenn all diese Faktoren zusammenspielen, wobei die Qualifikation der Fachkräfte eine entscheidende Rolle spielt.“, erklärt VDI-Präsident Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein.

„Wir sprechen potenziell über nahezu alle der rund 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ingenieurinnen und Ingenieure in Deutschland“, ergänzt Adrian Willig, Direktor des VDI. „Kompetenzerweiterung ist keine individuelle Kür mehr, sondern eine strukturelle Voraussetzung beruflicher Anschlussfähigkeit. Wenn wir erfahrene Fachkräfte entlassen, statt sie weiterzuqualifizieren, verlieren wir Know-how und Wettbewerbsfähigkeit zugleich.“

KI ist stärkster Treiber

Als wichtigsten Auslöser für den steigenden Weiterbildungsbedarf nennen die Befragten den technologischen Fortschritt im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) und Automatisierung (87 %). Dahinter folgen Wettbewerbsdruck (57 %) sowie regulatorische Anforderungen (41 %). Gleichzeitig bewerten 45 % der Befragten die Geschäftsmodelle ihrer Branche als zukunftsfähig oder überaus zukunftsfähig. Besonders optimistisch zeigen sich Ingenieurinnen und Ingenieure in Luft- und Raumfahrt, Energieversorgung, Elektrotechnik und im Bauwesen. Kritischer fällt die Einschätzung in Teilen der Chemie-, Metall- und Fahrzeugindustrie aus. Vor allem diese Branchen sind seit geraumer Zeit von Wettbewerbsdruck verbunden mit Stellenabbau betroffen.

Die Studie macht deutlich: Selbst zukunftsfähige Geschäftsmodelle erfordern kontinuierliche Kompetenzanpassung. Qualifizierung und Re-Skilling sind daher keine kurzfristige Krisenreaktion, sondern ein strategischer Hebel zur Sicherung von Innovationsfähigkeit.

Mittelstand zwischen Innovationsdruck und Ressourcenengpässen

Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen vor besonderen Herausforderungen. Fehlende Zeit im Arbeitsalltag, hohe Kosten sowie eine komplexe Förderlandschaft erschweren systematische Qualifizierung.

Wie Qualifizierung und Re-Skilling in der Praxis aussehen können, zeigt Jens Hieronymus, CEO der Mechatronic Medical Engineers GmbH, der an der Studie mitwirkte. Re-Skilling ist bei Mechatronic vom Management gewollt. „Wir haben unseren Recruiting Prozess durch Re-Skilling aufgewertet und suchen gezielt darüber nach neuen Mitarbeitenden, auch wenn ihre Qualifikation noch nicht zu 100 % passt. Durch Re-Skilling erhalten Sie die nötige Qualifikation, so dass sie gut in unserem Unternehmen in einem veränderten Aufgabengebiet eingesetzt werden können“, gibt er an. „Re-Skilling ist für uns ein strategisches Instrument, um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Wir qualifizieren gezielt weiter und eröffnen unseren Mitarbeitenden neue Einsatzfelder“, sagt er.

Gemeinsame Verantwortung von Unternehmen, Beschäftigten und Politik

Die Studie zeigt: Qualifizierung und Re-Skilling gelingen nur, wenn gesellschaftliches  Mindset, regulatorische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Realitäten in Unternehmen, individuelle Lernbereitschaft und technologische Dynamik ineinandergreifen.

  • Unternehmen sollten Kompetenzentwicklung strategisch verankern und verbindliche Lernzeiten ermöglichen.
  • Ingenieure und Ingenieurinnen sind gefordert, lebenslanges Lernen als selbstverständlichen Teil ihrer beruflichen Entwicklung zu begreifen.
  • Politik ist aufgerufen, Qualifizierung stärker mit Innovations- und Industriepolitik zu verzahnen, Förderinstrumente zu vereinfachen und Anerkennungsverfahren zu harmonisieren.
Ohne eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive wird Deutschland seine Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nicht sichern können. „Qualifizierung und Re-Skilling entscheiden darüber, ob technologischer Fortschritt bei uns entsteht - oder anderswo“, so Adrian Willig. „Wenn wir unseren Anspruch als führender Technologiestandort ernst nehmen, müssen wir jetzt die strukturellen Voraussetzungen für kontinuierlichen Kompetenzaufbau schaffen.“

Die Studie „Bereit für Innovationen – Gezielte Qualifizierung als Grundlage für neues Wachstum in Deutschland“ basiert auf einer Online-Befragung von mehr als 1.350 Ingenieurinnen und Ingenieuren, Experteninterviews sowie einer interdisziplinären Paneldiskussion. Die Ergebnisse wurden heute im Rahmen einer Online-Pressekonferenz vorgestellt. Unterschieden wird dabei zwischen den Begriffen Up-Skilling und Re-Skilling​. Re-Skilling bezeichnet die Umschulung für neue Tätigkeits- oder Berufsfelder​ und meint nicht die reine Aktualisierung bereits vorhandener Skills und Kompetenzen wie beim Up-Skilling.

Die Studie kann hier heruntergeladen werden.

Ausbildung / Jobs / Re-Skilling / Ingenieure / KI / Fachkräftemangel / VDI
[pressebox.de] · 04.03.2026 · 15:48 Uhr
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