Novartis prüft Übernahme von Avidity Biosciences zur Stärkung der Pipeline bei seltenen Krankheiten
Mit einem Kursplus von über 26 Prozent reagierten Anleger auf die Nachricht, dass Novartis eine Übernahme des US-Biotechunternehmens Avidity Biosciences in Erwägung zieht. Der Schweizer Pharmakonzern hat laut mit der Angelegenheit vertrauten Personen in den vergangenen Wochen Interesse an einem Deal bekundet, um seine Produktpipeline im Bereich seltener genetischer Erkrankungen auszubauen.
Avidity mit Sitz in San Diego wird derzeit mit rund 5,8 Milliarden Dollar bewertet. Das Unternehmen verfügt über drei Wirkstoffe in klinischen Studien, die verschiedene Formen von Muskeldystrophie behandeln und ab 2027 marktreif sein könnten. Besonders im Fokus steht Del-zota, ein Medikament zur Behandlung der Duchenne-Muskeldystrophie, das bei der US-Arzneimittelbehörde FDA bereits über einen beschleunigten Zulassungsstatus verfügt.
Die Gespräche befinden sich in einem frühen Stadium. Ein erfolgreicher Abschluss ist nicht garantiert, ein konkurrierendes Angebot sei ebenfalls nicht ausgeschlossen, betonen die Quellen. Novartis und Avidity lehnten eine Stellungnahme ab.
Der Vorstoß erfolgt in einer Zeit, in der Big Pharma weltweit nach Übernahmezielen sucht, um den Verlust milliardenschwerer Umsätze infolge ablaufender Patente – den sogenannten Patent Cliffs – zu kompensieren. Für Novartis betrifft dies unter anderem das Herzmittel Entresto sowie die Medikamente Xolair und Cosentyx, die bald Generikakonkurrenz erwarten.
Aviditys Del-zota gilt als potenzieller Blockbuster, während der direkte Wettbewerber Sarepta Therapeutics zuletzt Rückschläge hinnehmen musste: Die Auslieferung von Elevidys, einem bestehenden Duchenne-Medikament, wurde nach Todesfällen bei zwei behandelten Kindern temporär gestoppt.
Derartige Vorfälle erhöhen die strategische Attraktivität von Avidity. Branchenbeobachter erwarten weitere Studiendaten zu Del-zota noch im laufenden Jahr. Bereits jetzt verzeichnet die Aktie ein Jahresplus von 54,8 Prozent.
Für Novartis-CEO Vas Narasimhan, der sich bislang auf kleinere Zukäufe konzentriert hat, wäre eine Übernahme von Avidity einer der größten Schritte seiner Amtszeit. Zuletzt akquirierte Novartis die Herzspezialistin Anthos Therapeutics für bis zu 3,1 Milliarden Dollar und schloss einen Deal mit Regulus Therapeutics im Wert von bis zu 1,7 Milliarden Dollar ab.
Analysten von Oppenheimer beziffern das diesjährige Volumen abgeschlossener Deals im Pharmasektor bereits auf 78 Milliarden Dollar – ein signifikanter Anstieg gegenüber den 45 Milliarden im gesamten Vorjahr. Dennoch warnen Experten, dass die Branche bei weitem nicht genug Transaktionen tätigt, um den drohenden Umsatzverlust auszugleichen. Politische Unsicherheit, drohende Handelszölle und regulatorische Bedenken bremsen die Dynamik.


