Nobelpreis an Yamanaka und Gurdon für Zell-Verjüngung

08. Oktober 2012, 16:04 Uhr · Quelle: dpa

Stockholm (dpa) - Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den Briten John Gurdon (79) und den Japaner Shinya Yamanaka (50) für ihre Arbeiten zur Verjüngung erwachsener Zellen.

Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist diesmal mit umgerechnet 930 000 Euro (8 Millionen Schwedische Kronen) dotiert. In Zukunft könnten die neuen Zellen vielleicht dazu dienen, patienteneigenen Ersatz für krankes Gewebe zu schaffen, zum Beispiel bei Parkinson oder Diabetes.

Yamanaka erreichte die Nachricht nach Angaben des japanischen Fernsehsenders NHK zu Hause auf dem Handy, als er gerade seine Waschmaschine reparierte. Sein Kollege Gurdon sagte zur Nobelpreisvergabe für seine ein halbes Jahrhundert zurückliegende Publikation: «Es ist natürlich von Vorteil, so lange zu überleben, bis man diese fantastische Ehre erleben darf.» Institutskollege Daniel St. Johnston berichtete dem Sender BBC, seine Kollegen hätten Gurdon nach Bekanntwerden der Nachricht kurz applaudiert. Danach aber sei dieser sofort wieder an seine Arbeit gegangen. «Ich glaube, er freut sich im Stillen sehr, aber er ist ein sehr bescheidener Mann.»

Thomas Perlmann vom Nobelkomitee begründete die Entscheidung: «Die beiden Preisträger haben völlig neue Felder für die Entwicklung von medizinischen Präparaten eröffnet.» Sein Kollege Urban Lendahl ergänzte: «Es ist noch zu früh zu sagen, wann die Erkenntnisse in der Zelltherapie umgesetzt werden können. Dank ihrer Arbeit wissen wir jetzt, dass die Zellentwicklung keine Einbahnstraße ist.»

Die höchste Auszeichnung für Mediziner und Biologen ehrt eine der erstaunlichsten Entdeckungen der vergangenen Jahre. 2006 berichtete Yamanaka, dass sich Zellen aus dem erwachsenen Körper mit einigen wenigen Signalmolekülen in Stammzellen zurückverwandeln lassen. Schnell zeigte sich, dass diese sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) jenen aus dem Embryo weitestgehend gleichen.

Das eröffnet die aufregende Möglichkeit, die Hautzellen eines Patienten in Stammzellen zu wandeln, um daraus neues, patienteneigenes Gewebe zu schaffen. Die Abkürzung iPS steht seither für eine große Hoffnung: Stammzellen ohne zerstörte menschliche Embryonen. Seither sind nur sechs Jahre vergangen - der Anruf aus Stockholm erreichte den Japaner also ungewöhnlich schnell.

Yamanaka empfindet die Zuerkennung als «enorme Ehre». Es sei aber auch eine gewaltige Ermutigung für ihn selbst, seine Kollegen und alle Wissenschaftler, die mit iPS-Zellen arbeiten, die Forschungen fortzusetzen, wurde er auf der Webseite des Center for iPS Cell Research and Application (CiRA) der Universität Kyoto zitiert. Er werde mit seinen Kollegen härter arbeiten, um effektive Medikamente und neue Therapien zu entwickeln.

In einer Live-Sendung des japanischen Fernsehens sagte er: «Meinen Vater habe ich früh verloren wegen einer Krankheit. Ich hoffe, dass ich weiter Grundlagenforschungen treibe, bis ich möglichst viele Leute damit heilen kann. Erst nachdem ich das Ziel erreicht habe, will ich sterben und meinen Vater wiedersehen.»

Sein britischer Kollege Gurdon arbeitet in dem nach ihm selbst benannten Institut an der Universität Cambridge. In seinem Fall vergingen 50 Jahre bis zum Anruf. Gurdons Publikation von 1962 bewies, dass sich die Spezialisierung erwachsener Zellen rückgängig machen lässt. In seinem klassischen Experiment ersetzte er den Kern einer Frosch-Eizelle durch jenen einer Zelle aus dem Darm eines Frosches. Daraus ging dann tatsächlich eine Kaulquappe hervor.

Damit war klar: Auch die erwachsene Zelle behält alle Gene, um alle Zellen des lebenden Frosches zu bilden. Gene gehen im Lauf des Lebens nicht verloren. Und: Es gibt eine Art molekularen Jungbrunnen. Die Nobel-Jury vergab daher den Preis «für die Entdeckung, dass reife Zellen zurückprogrammiert werden können, um pluripotent zu werden». Eine «pluripotente» Zelle kann sich in alle Zelltypen des jeweiligen Organismus entwickeln.

Viele Forscher hoffen, dass sich aus iPS-Zellen eines Tages Ersatzgewebe oder gar -organe schaffen lassen, die vom Empfänger nicht abgestoßen werden. Denn: Sie stammen aus ihrem eigenen Körper. In den vergangenen Jahren wurden die entwicklungsfähigen iPS-Zellen tatsächlich in bereits viele andere Zelltypen gewandelt. Sogar lebensfähige Mäuse gingen daraus hervor. Seriöse Forscher warnen aber immer wieder davor, die iPS-Zellen mit Hoffnungen zu überfrachten.

«Ich freue mich sehr für Shinya Yamanaka», sagte der deutsche Stammzell-Forscher Professor Oliver Brüstle vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie in Bonn. «Es steht außer Frage, dass seine Arbeiten zur Zellreprogrammierung die Stammzellforschung revolutioniert haben. Dass es bereits sechs Jahre nach seiner großen Entdeckung geklappt hat, freut mich ganz besonders.»

Yamanakas Kollege von 2006, Kazutoshi Takahashi, ging am Montag hingegen leer aus. Mit Blick auf sein Team sagte der neue Nobelpreisträger der Nachrichtenagentur Jiji Press: «Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich vielleicht aufgegeben». Und: «Ich spüre Dank. An Katsutoshi Takahashi, mit dem ich seit 10 Jahren arbeite, ohne seine Anstrengungen hätte es den Preis nicht gegeben.»

Göran Hansson, Sekretär des Nobelkomitees, berichtete: «Ich hab' Sir Gurdon in seinem Labor in Cambridge und Yamanaka in seiner Wohnung in Kyoto erreicht. Beide waren froh, bei guter Gesundheit und bester Laune.» Im vergangenen Jahr war die Zuerkennung des Medizin-Nobelpreises vom Tod des Preisträgers Ralph Steinman aus Kanada überschattet. Er war kurz vor der Bekanntgabe an Krebs gestorben. Der Preis wurde ihm aber dennoch posthum zuerkannt.

An diesem Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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08.10.2012 · 16:04 Uhr
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