Neue Dynamik bei Tarifverhandlungen in der Chemie- und Pharmaindustrie

Die bundesweiten Tarifverhandlungen für etwa 585.000 Beschäftigte in der Chemie- und Pharmaindustrie haben eine neue Runde erreicht. In Wiesbaden verhandeln die Branchengewerkschaft IG BCE und der Arbeitgeberverband BAVC, wobei die Gespräche bis einschließlich Dienstag geplant sind. Der laufende Tarifvertrag endet mit dem Februar.
Zu Beginn der Verhandlungen in Hannover lagen Gewerkschaft und Arbeitgeber noch weit auseinander. Die IG BCE drängt auf Arbeitsplatzsicherheit in der herausfordernden Chemiebranche und auf Gehaltserhöhungen, die über der Inflationsrate liegen – eine konkrete Lohnforderung wurde jedoch vermieden. „Jobsicherheit und Kaufkraftsteigerung betrachten wir als untrennbares Paket“, erklärte IG-BCE-Verhandlungsführer Oliver Heinrich im Vorfeld der aktuellen Diskussionsrunde. Bei der Jobsicherung seien Fortschritte erkennbar, doch die Entgeltfrage schreite in „Schneckentempo“ voran. Derzeit liegen die Reallöhne um fünf Prozent unter dem Niveau von 2018.
Die Arbeitgeber hingegen mahnen zur Lohnzurückhaltung angesichts der anhaltenden Krise der Chemieindustrie, die durch hohe Energiekosten, Konjunkturschwäche, US-Handelszölle und globale Überkapazitäten belastet wird. Matthias Bürk, der Verhandlungsführer des BAVC, hob hervor, dass die Branche heute 20 Prozent weniger produziert als 2018, dabei jedoch deutlich höhere Tariflöhne zahlt.
Die drittgrößte Industriebranche Deutschlands, nach Automobil- und Maschinenbau, ist die Chemie- und Pharmabranche. Laut dem Chemieverband VCI erreichte der Umsatz 2021 rund 220 Milliarden Euro. Während die Pharmaindustrie im letzten Jahr deutlich gewachsen ist und signifikante Investitionen in Deutschland tätigte, steckt der klassische Chemiebereich weiterhin in der Krise. Unternehmen wie BASF und Evonik haben Sparmaßnahmen angekündigt, einschließlich Stellenabbau und teilweiser Schließung von Anlagen.

