Nach dem Brexit: Der Verhandlungspoker geht los

03. Februar 2020, 17:38 Uhr · Quelle: dpa

London/Brüssel (dpa) - Es war eine Art Fernduell über den Ärmelkanal: Kaum hatte der EU-Unterhändler Michel Barnier am Montag in Brüssel Bedingungen für einen künftigen Handelspakt genannt, betonte Premierminister Boris Johnson schon mit großer Geste, was für Großbritannien gar nicht geht.

Wenige Tage nach dem Brexit war das der Vorgeschmack auf harte Monate am Verhandlungstisch. Am Ende wird die neue Beziehung der frisch geschiedenen Partner wohl längst nicht so eng wie von der Wirtschaft erhofft - wenn die Einigung denn rechtzeitig zustande kommt.

Barnier mahnte die Unternehmen jedenfalls, sich darauf einzustellen, dass es in den Handelsbeziehungen künftig rumpelt. Selbst mit einem sehr ehrgeizigen Freihandelsabkommen seien die Wirtschaftsbeziehungen nicht mit dem gemeinsamen Markt vergleichbar. Es gebe kein «Business as usual». Warenkontrollen und Zollformalitäten seien nach Stand der Dinge unvermeidlich. Das seien «die mechanischen Konsequenzen der Bedingungen, die Großbritannien gewählt hat».

Erst in der Nacht zum Samstag hat Großbritannien die Europäische Union verlassen - aber die viel beschworene ewige Freundschaft und besondere Partnerschaft gerät schon jetzt in den Schatten des anstehenden Verhandlungspokers. Bis zum Ende einer Übergangsphase im Dezember müssen beide Seiten ihre Beziehungen im Handel, aber auch beim Fischfang, in der Sicherheitspolitik, beim Datenschutz und auf vielen anderen Feldern neu ordnen. Die Ansagen am Montag waren kühl bis kampfeslustig.

Einig waren sich EU-Vertreter Barnier und Premierminister Johnson immerhin, dass man einen umfassenden Freihandelsvertrag ähnlich dem der EU mit Kanada will. Beide sagten auch, das sei bis Jahresende zu schaffen. Doch dann ging es verbal auseinander. Barnier bekräftigte, je mehr gemeinsame Standards man habe, desto besser werde der britische Zugang zum EU-Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Verbrauchern. Nötig seien «spezifische und wirksame Garantien», um langfristig Wettbewerbsgleichheit zu sichern, das sogenannte Level Playing Field.

Johnson hielt in seiner Rede in London dagegen, Großbritannien werde sich auf keinen Fall vertraglich auf die Einhaltung von EU-Standards bei Umweltschutz, Arbeitnehmerrechten und staatlichen Beihilfen festlegen lassen. Es gebe für Großbritannien genauso wenig Grund, für ein Freihandelsabkommen die Regeln der EU in Kauf zu nehmen, wie andersherum, sagte Johnson. «Großbritannien wird die höchsten Standards in diesen Bereichen beibehalten, besser in vielerlei Hinsicht als die der EU - ohne den Zwang eines Vertrags, und es ist elementar, das jetzt zu betonen.»

Ähnlich war der Schlagabtausch beim ebenfalls sehr umstrittenen Thema Fischerei. Barnier machte eine Einigung zur Bedingung für den gesamten Partnerschaftsvertrag. «Diese Vereinbarung sollte den gegenseitigen Zugang zu Märkten und Gewässern weiter sichern, einschließlich stabiler Fangquoten», sagte der EU-Unterhändler. Johnson scheint davon weit entfernt: Britische Gewässer müssten «zuvorderst» britischen Kuttern vorbehalten sein, der Zugang für EU-Fischer werde dann jährlich auf Basis wissenschaftlicher Daten ausgehandelt.

Beide Punkte hören sich ziemlich unvereinbar an - und das sind nur zwei von sehr vielen ungelösten Fragen. Einen harten Bruch ohne Vertrag zum Ende der Übergangsphase schließen beide Seiten nicht aus. Und doch bleibt Verhandlungsspielraum. «Johnson ist ja ein Mann der großen Gesten und der Rhetorik, aber auch sehr flexibel in vielen Dingen», sagte der SPD-Europaabgeordnete und Handelsexperte Bernd Lange der Deutschen Presse-Agentur. «Ich halte eine Einigung auch nicht für unwahrscheinlich. Der pokert jetzt natürlich.»

Johnson selbst nannte es ebenfalls unwahrscheinlich, dass eine Einigung mit der EU scheitert. Vorerst scheint der Premier aber noch getragen vom Überschwang nach dem nun endlich vollzogenen Brexit. In der prachtvollen barocken Painted Hall im Royal Naval College malte er die Zukunft seines Landes außerhalb der EU in schillernden Farben. Großbritannien werde auf der ganzen Welt mit potenziellen Handelspartnern wie den USA, Australien, Neuseeland und Japan in Verhandlungen treten. «Wir kehren nach Jahrzehnten des Winterschlafs als Vorkämpfer des weltweiten Freihandels zurück», schwärmte er.

Der Franzose Barnier konterte in Brüssel nur trocken, er lasse sich nicht «von dieser oder jener Äußerung» beeindrucken. Die nun geforderten fairen Wettbewerbsbedingungen seien ja schon von Großbritannien in der gemeinsamen Politischen Erklärung vom Herbst akzeptiert. Und er könne sich gar nicht vorstellen, dass eine Seite von dem abweiche, was man gemeinsam formuliert habe. Die Verhandlungen sollen Anfang März losgehen, sobald die EU-Staaten Barniers Mandat gebilligt haben.

EU / Regierung / Brexit / Boris Johnson / EU-Standards / Umweltschutz / Arbeitnehmerrechte / Großbritannien / Europa
03.02.2020 · 17:38 Uhr
[20 Kommentare]
US-Präsident Trump
Berlin/Brüssel/Washington (dpa) - Nach den Zoll-Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump im Streit um Grönland befindet sich Europa auf Kollisionskurs mit den Vereinigten Staaten. Bei einem Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs Ende der Woche dürfte es auch um die milliardenschweren Gegenmaßnahmen gehen, die der EU als […] (01)
vor 35 Minuten
Würden wir es merken, wenn die KI ein Bewusstsein entwickelt?
Sie erscheinen mitfühlend, haben sogar eine eigene Art von Humor: Die modernen künstlichen Intelligenzen wirken in ihrer Ausdrucksfähigkeit oft wie Menschen und manchen Nutzer beschleicht das Gefühl, eine echte Person vor sich zu haben. Doch bislang ist das alles nichts als Fassade, die Algorithmen berechnen nur Wahrscheinlichkeiten und haben weder […] (02)
vor 17 Stunden
Review – Blink Door Bell im Test
Heutzutage sind Videotürklingeln an vielen Häusern nicht mehr weg zu denken. Verschiedenste Hersteller bieten hier Möglichkeiten. Wir haben uns die Blink Video Doorbell im Test angeschaut und geprüft, ob diese liefert, was man erwartet. Die Blink Video Doorbell richtet sich an Nutzerinnen und Nutzer, die ihre Haustür smarter und sicherer machen […] (00)
vor 9 Stunden
Fable könnte härter werden als gedacht – ESRB-Rating sorgt für Spekulationen
Rund um Fable wird es kurz vor der bevorstehenden Xbox Developer Direct plötzlich spannend. Ein kleines Detail in einem offiziellen Preview-Video sorgt aktuell für große Diskussionen in der Community und wirft Fragen über den Ton und die Ausrichtung des Spiels auf. Denn offenbar könnte das ESRB-Rating von Fable versehentlich zu früh gezeigt […] (00)
vor 6 Stunden
CBS räumt den Dienstag um: «Harlan Coben’s Final Twist» übernimmt
Der US-Networksender setzt ab sofort auf frische True-Crime-Kost zur besten Sendezeit und verschiebt Wiederholungen von «NCIS» sowie den Start von «NCIS: Sydney». CBS hat kurzfristig seinen Primetime-Plan am Dienstag angepasst. Seit Dienstag, 13. Januar, läuft Harlan Coben’s Final Twist mit neuen Folgen immer dienstags von 20.00 bis 21.00 Uhr. Zusätzlich zeigt der Sender jeweils […] (00)
vor 15 Stunden
Denver Broncos - Buffalo Bills
Denver (dpa) - Die Denver Broncos und die Seattle Seahawks sind ihrem Favoritenstatus in der NFL gerecht geworden und sind nach jeweils mehr als zehn Jahren nur noch einen Sieg von der Rückkehr in den Super Bowl entfernt. Während Seattle zu einem überlegenen 41: 6 gegen San Francisco kam und alle Träume eines Final-Heimspiels für die 49ers am 8. […] (01)
vor 7 Stunden
Demonstration beim WEF
Davos (dpa) - Es gibt immer mehr Milliardäre auf der Welt - und ihr Vermögen wächst und wächst. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam zum Start des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht. Demnach besaßen die rund 3.000 Milliardärinnen und Milliardäre weltweit im vergangenen Jahr ein […] (00)
vor 2 Stunden
LIR Life Sciences läutet Zukunft der Adipositas-Therapie ohne Nadeln ein
Lüdenscheid, 18.01.2026 (PresseBox) - LIR Life Sciences Corp. (ISIN: CA50206C1005 | WKN: A41QA9), LIR oder das Unternehmen, freut sich, den Start einer kontrollierten vergleichenden Tierstudie bekannt zu geben, die darauf abzielt, die nadelfreie transdermale Verabreichung von “GLP”/ “GIP”-basierten Adipositas-Therapien der zweiten Generation […] (00)
vor 16 Stunden
 
Nie wieder Verblutungsgefahr? Puder verschließt blitzschnell gefährliche Wunden
Bei rund 20 Prozent Blutverlust liegt die erste Grenze: Dann wird es für einen […] (05)
Mette Frederiksen und Friedrich Merz (Archiv)
Berlin - Die Länder Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Niederlande, […] (00)
Arztpraxis für Allgemeinmedizin (Archiv)
Berlin - Der Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes GKV, Oliver Blatt, hat den […] (06)
Acht Tote bei drei Lawinenabgängen in Österreich
Salzburg (dpa) - Bergretter Gerhard Kremser ist ratlos und verzweifelt. Seit Tagen wird vor der […] (07)
Review: Narwal V40 – Kabelloser Staubsauger mit intelligenter Station
Wie wichtig ein verlässlicher Staubsauger ist, zeigt sich im Alltag sehr schnell. […] (00)
Phoebe Dynevor
(BANG) - Phoebe Dynevors neuer Film hat seinen Kinostart eingebüßt. Der unbetitelte […] (00)
Palina Rojinski
(BANG) - Palina Rojinski spricht offen über ihr Verhältnis zu Essen und ihrem Körper. […] (00)
SAP-Endspiel: Zündet jetzt die Kurs-Rakete oder droht der totale Absturz ins Bodenlose?
Die Lunte am Pulverfass brennt bereits lichterloh. Deutschlands wertvollster […] (00)
 
 
Suchbegriff