Mythos Krankenstand: Warum Deutschland im Europa-Vergleich eigentlich ziemlich gut dasteht
Eine neue Auswertung von offiziellen OECD-Daten durch das ifb - Institut zur Fortbildung von Betriebsräten und die Datenexperten von DataPulse Research zeigt,was an dem Mythos dran ist und wie die Lage in Europa tatsächlich aussieht.
Deutschland nur auf Platz 7 der Krankheitstage
Wer glaubt, dass deutsche Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen am häufigsten im Büro fehlen, irrt gewaltig. Im europaweiten Ranking belegt Deutschland mit durchschnittlich 3,6 Krankheitswochen pro Jahr gerade einmal den siebten Platz. Während wir uns über unsere Fehlzeiten den Kopf zerbrechen, sieht es bei unseren Nachbarn ganz anders aus. In Norwegen sind die Menschen fast sechs Wochen pro Jahr krankgemeldet, und auch in Finnland liegt der Wert mit fünf Wochen deutlich über unserem Niveau.

Dass Länder wie Rumänien oder Griechenland auf dem Papier kaum Krankheitstage melden, ist übrigens selten ein Zeichen für stählerne Gesundheit. Experten und Expertinnen sehen darin eher ein Zeichen für hohe Arbeitsplatzunsicherheit. Wer dort nicht erscheint, wird oft schlicht nicht bezahlt.
Geldbeutel-Strafen bringen laut Daten kaum etwas
Auch die oft geforderten „unbezahlten Karenztage“, also Tage, für die man im Krankheitsfall kein Geld bekommt, scheinen laut der Studie kein Wundermittel zu sein. Ein Blick nach Spanien zeigt das Paradoxon: Dort gibt es solche strengen Regeln, und trotzdem sind die Menschen fast fünf Wochen krank.
In Litauen dagegen wird ab dem ersten Tag das volle Gehalt weiterzahlt, und trotzdem sind die Leute dort im Schnitt nur 1,5 Wochen krankgemeldet. Es liegt also offenbar nicht am Geld, sondern an anderen Faktoren. Selbst die oft kritisierte telefonische Krankschreibung ist ein echter Nebenschauplatz: Sie macht gerade einmal rund ein Prozent aller Krankmeldungen aus.
Der „eAU-Effekt“: Warum es schlimmer aussieht, als es ist
Aber warum wirken die Zahlen bei uns dann plötzlich so hoch? Die Antwort ist fast schon banal: Wir sind digitaler geworden. Seit Anfang 2022 gibt es in Deutschland die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, kurz eAU. Früher blieben viele kurze Erkrankungen, wie die klassische Zwei-Tage-Erkältung, statistisch einfach „unsichtbar“, weil der Papierschein oft gar nicht bei der Krankenkasse landete. Heute wird alles automatisch gemeldet. Das sorgt für ehrlichere Zahlen, aber eben auch für Schlagzeilen, die dramatischer klingen, als es die Realität ist.
Die wahre Baustelle: Unsere Psyche
Ein echtes Problem, das die Studie beleuchtet, ist die psychische Gesundheit. Das ist kein „Blaumachen“, sondern eine ernstzunehmende Entwicklung. Die Fehltage wegen psychischer Diagnosen sind seit 2014 um satte 47 Prozent gestiegen. Im Jahr 2024 war bereits jeder achte Fehltag darauf zurückzuführen. Besonders auffällig: Eine ganz kleine Gruppe von Langzeitkranken (nur etwa sechs Prozent der Beschäftigten) ist für mehr als die Hälfte aller Fehltage in Deutschland verantwortlich.
Leistung ist keine Frage der reinen Anwesenheit
Am Ende zeigt der Europa-Vergleich vor allem eines: Wer krank ist, sollte sich auskurieren, anstatt sich ins Büro zu schleppen und die anderen Mitarbeitenden anzustecken. Denn Produktivität hat wenig mit reiner Anwesenheit zu tun. Norwegen zeigt uns, wie es geht: Trotz der höchsten Fehlzeiten in Europa gehört das Land bei der Leistung pro Arbeitsstunde zur absoluten Spitze.
Wir in Deutschland liegen in beiden Kategorien (Fehlzeiten und Leistung) auf einem soliden siebten Platz. Wir sind also weder besonders faul noch besonders krank, sondern einfach nur gründlicher beim Zählen geworden.

