Metal Gear Solid Delta: Snake Eater im Test – Eine würdige Auferstehung einer alten Legende?
Stell Dir vor, Du stehst vor einem Meisterwerk der Malerei. Einem ikonischen Gemälde, das Du seit Deiner Jugend kennst und liebst. Jeder Pinselstrich, jede Farbnuance, jede Emotion ist Dir vertraut. Nun kommt jemand und kündigt an, dieses Kunstwerk neu zu malen. Nicht nur zu restaurieren, nein, komplett neu zu erschaffen – mit modernsten Techniken, auf einer frischen Leinwand, aber mit dem heiligen Versprechen, die Seele des Originals unangetastet zu lassen. Ein waghalsiges Unterfangen, das ebenso grandios scheitern wie triumphal gelingen kann. Genau vor dieser Herkulesaufgabe stand Konami mit Metal Gear Solid Delta: Snake Eater, dem Remake des legendären PS2-Epos von 2004 aus der Feder des exzentrischen Genies Hideo Kojima. Die Frage, die uns allen unter den Nägeln brennt: Ist es ihnen gelungen, dem alten Drachen neues Feuer einzuhauchen, oder haben sie sich an der Legende die Finger verbrannt? Schnall Dich an, schnapp Dir Deine Ration Krokodilfleisch und lass uns gemeinsam in den Dschungel der Wahrheit schleichen.
Ein Déjà-vu in Fotorealismus: Die Treue zum Original
Eines sei direkt vorweggenommen: Wenn Du das originale Snake Eater gespielt hast, wirst Du Dich in Delta sofort zu Hause fühlen. Und das ist vielleicht die größte Stärke und gleichzeitig die Achillesferse dieses Remakes. Konami hat sich mit einer fast schon religiösen Akribie an die Vorlage gehalten. Die fesselnde Story, ein grandioses Melodram aus Spionage-Thriller und absurder Komödie vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, ist absolut identisch. Jede der berühmt-berüchtigten, ellenlangen Zwischensequenzen, die vor politischem Theater und überzeichneten Charakteren nur so strotzen, wurde Szene für Szene, Dialog für Dialog nachgebaut. Wenn Du das Original und das Remake nebeneinander laufen lässt, synchronisieren sie sich beinahe perfekt.

David Hayters ikonisch-kiesige Stimme als Snake ertönt mit einer wohligen Vertrautheit aus den Lautsprechern – nur er kommt damit durch, als Antwort auf eine Frage einfach die letzten Worte seines Gegenübers im Codec zu wiederholen. Die Item-Boxen liegen an denselben versteckten Orten, und sie ploppen immer noch auf magische Weise aus den Körpern von Wachen, die Du mit vorgehaltener Waffe zur Aufgabe zwingst. Trotz des monumentalen Grafik-Upgrades sind die Areale in ihrem Layout unberührt geblieben; weiterhin hangelst Du Dich durch klar voneinander abgegrenzte Abschnitte, die durch kurze Ladebildschirme getrennt sind. Kurz gesagt: Delta ist Snake Eater, exakt so, wie es Deine verklärte Erinnerung abgespeichert hat.
Der Dschungel in Unreal Engine 5: Ein zweischneidiges Schwert
Ich muss gestehen, meine anfängliche Skepsis gegenüber der Generalüberholung in der Unreal Engine 5 hat sich auch nach einem gut zwölfstündigen Spieldurchgang (inklusive eines kompletten Schleich-und-Nicht-Töten-Runs) nicht gänzlich in Luft aufgelöst. Nimmt der Hochglanz der neuen, fotorealistischen Grafik dem Original etwas von seinem stilistischen Charme? Nicht gänzlich, aber es gibt Momente, in denen der fast schon comichafte „Camp-Faktor“ in dieser ultra-realistischen Darstellung nicht mehr ganz so selbstbewusst zündet. Es hat etwas Unheimliches, fast schon Befremdliches, wenn Ocelot seine charakteristischen Tierlaute ausstößt, um Verstärkung zu rufen, oder die übernatürlichen Fähigkeiten der Cobra-Einheit in gestochen scharfer High-Fidelity-Optik präsentiert werden. Der eigentümliche, fast schon verspielte Zauber des Originals geht hier ein wenig verloren. Man hätte diese Elemente aber unmöglich entfernen können, ohne den Namen Snake Eater zu profanieren.

Dieser Kompromiss ist jedoch einer, den man bereitwillig eingeht. Denn die Dschungelareale und Bergketten sehen schlichtweg phänomenal aus. Sie verleihen den einst eher kargen Zonen eine Dichte und eine Lebendigkeit, die man zuvor nur erahnen konnte. Das Licht, das durch das dichte Blätterdach bricht, die Regentropfen, die auf Snakes Uniform perlen, die schlammigen Texturen des Bodens – all das ist eine Augenweide. Und in den kinoreifen Zwischensequenzen zahlt sich die grafische Frischzellenkur vollends aus. Es ist einer dieser Fälle von „rosaroter Brille“: Genau so erinnere ich mich daran, wie das Spiel auf der PlayStation 2 aussah, als es mich als Teenager vom Hocker riss. Nur, dass es jetzt tatsächlich so gut aussieht.
Gameplay-Nostalgie: Erfrischend altmodisch
Konami hat sich redlich bemüht, die klassischen Insignien von Snake Eater zu bewahren. So wird eine „Legacy“-Kameraeinstellung angeboten, die die alte Vogelperspektive imitiert, gepaart mit der originalen Steuerung. So sehr ich diese nostalgische Verbeugung auch schätze, der „New Style“ ist die unzweifelhaft bessere Art, das Spiel zu erleben. Die moderne Über-die-Schulter-Perspektive fühlt sich nicht nur zeitgemäß an, sie beeinträchtigt auch in keiner Weise das ursprüngliche Spielgefühl – was wir im Grunde schon seit der 3DS-Version von 2012 wissen. Ich bevorzuge sie auch, weil sie einen viel näher an die neu gewonnene Detailverliebtheit der Spielwelt heranlässt.
Unerwarteterweise war für mich die vielleicht wirkungsvollste Neuerung eine ganz andere: die Farbfilter. Ich habe das gesamte Spiel mit dem „Legacy“-Filter gespielt und fand ihn dem etwas sterilen Standard-Look deutlich überlegen. Als jemand, der emotional sehr an der spezifischen Farbpalette und der Ästhetik des Originals hängt, brachte mich diese Option dem Gefühl von damals am nächsten.
Was ich aber vielleicht am meisten an diesem Remake genossen habe, ist die Erkenntnis, wie erfrischend sich diese altmodische Art von Stealth-Action anfühlt. In einer Zeit, in der große Namen wie Splinter Cell, Thief und, nun ja, Metal Gear Solid selbst weitgehend von der Bildfläche verschwunden sind, reaktivierte Snake Eater einen Teil meines Gehirns, der lange brachlag. Jeder Abschnitt fühlt sich an wie ein taktisches Puzzle. Die Wachen und das Terrain sind Deine Hindernisse, und Deine begrenzte Ausrüstung lässt Raum für eine immense Kreativität. Es erinnerte mich daran, wie sehr die Metal Gear-Reihe von ihrer Reaktivität lebt. Ob ich nun schlüpfrige Magazine auslege, um Wachen abzulenken, oder aus einem Pappkarton hechte, um einen Gegner im Nahkampf auszuschalten – diese Mischung aus wohlüberlegten Entscheidungen und dem Improvisieren, wenn der Plan fulminant scheitert, ist heute noch genauso befriedigend wie damals. Der Nervenkitzel, einer Alarmphase zu entgehen, während man sich nur Zentimeter von patrouillierenden Wachen entfernt im hohen Gras versteckt, ist unbezahlbar.
Bewährte Mechaniken im neuen Gewand
Das innovative Tarnsystem funktioniert exakt wie früher: Unterschiedliche Uniformen und Gesichtsbemalungen beeinflussen Deinen Tarn-Index, abhängig vom Terrain. Was 2004 revolutionär war, ist auch heute noch eine willkommene strategische Ebene, die man seitdem selten so konsequent umgesetzt gesehen hat. Eine kleine, aber feine Komfortfunktion ist die Möglichkeit, über das D-Pad schnell auf voreingestellte Tarn-Kombinationen zuzugreifen, ohne ständig das Menü aufrufen zu müssen.
Auch das Verletzungssystem ist zurück. Und obwohl es bisweilen lästig sein kann, Snake nach jedem Fehler wieder zusammenzuflicken, zwingt es Dich zu einer vorsichtigen Spielweise. Das Hungersystem bleibt ebenfalls eine interessante Facette, die als clevere Alternative zu typischen Gesundheitsleisten fungiert und Dich dazu anhält, die lokale Fauna zu jagen, um Snakes Ausdauer und Gesundheitsregeneration aufrechtzuerhalten. Man vergisst leicht, dass Snake Eater viele dieser heute gängigen Survival-Mechaniken vorwegnahm – und es ist schön zu sehen, wie gut sie gealtert sind.

Die Steuerung wurde größtenteils modernisiert und an heutige Third-Person-Standards angepasst, inklusive einiger Quality-of-Life-Verbesserungen im Nahkampf (CQC), die an MGSV: The Phantom Pain erinnern. Dennoch sind einige der alten, etwas hakeligen Eigenheiten der Bewegungs- und Interaktionssteuerung erhalten geblieben. Snake an Deckung „kleben“ zu lassen, präzise Mikrobewegungen auszuführen oder im Nahkampf zielsicher zu treffen, kann frustrierend sein – auch wenn es eine Art von Reibung ist, an die man sich als Veteran gewöhnt hat.
Wo die Zeit ihre Spuren hinterlässt
Trotz aller Liebe muss man konstatieren: Im Vergleich zu modernen Spielen fühlt sich Snake Eater heute erstaunlich klein und in seinem Umfang begrenzt an. Die Herausforderungen sind nicht so komplex, wie ich sie in Erinnerung hatte. Die Gegnerdichte ist eher spärlich, und die Gameplay-Dynamik entwickelt sich im Spielverlauf kaum weiter. Auch wenn es oft am einfachsten ist, jeder Wache einen Betäubungspfeil in den Kopf zu schießen, entfaltet Metal Gear sein volles Potenzial erst dann, wenn man es als Spielplatz für Improvisation begreift.
Die Bosskämpfe sind ein weiterer Bereich, in dem Konami vielleicht etwas zu sehr auf Nummer sicher gegangen ist. Sie sind exakte Kopien ihrer Originale und daher, je nach Design, mal Hit, mal Miss. Es gibt eher dröge Auseinandersetzungen wie gegen The Pain oder The Fear, bei denen man im Grunde nur auf ein kurzes Zeitfenster für einen Schuss wartet. Auf der anderen Seite stehen unvergessliche Klassiker wie das Katz-und-Maus-Duell mit The End oder der geniale, die vierte Wand durchbrechende Kampf gegen The Sorrow. Diese Momente erinnern einen daran, dass Snake Eater damals Dinge tat, die sich nur Metal Gear traute. Und ja, falls Du Dich fragst: Alle alten Tricks und Geheimnisse funktionieren auch in Delta noch.

Die Erzählung selbst brauchte keine Änderungen, denn sie ist in meinen Augen zeitlos. Ich bin ein bekennender Schwächling für Kojimas opulent ausgeschmücktes Polit-Drama. Die Art und Weise, wie er vor dem Hintergrund des nuklearen Wettrüstens seine ganz eigene Version von Regierungsverschwörungen einwebt, ist einfach fesselnd. Bei all seiner todernsten Albernheit hat Snake Eater eine Geschichte, die mich heute, als Erwachsener, auf eine neue, tiefere Weise emotional berührt als damals. Das liegt zu einem großen Teil an der enigmatischen, vielschichtigen Beziehung zwischen Snake und The Boss. Sie wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit transportiert, die in Enthüllungen mündet, welche die Geschichte von Snake Eater und der gesamten Saga auf eine Weise abrunden, die bis heute zu den besten Momenten der Videospielgeschichte zählt.


